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    SCHWEINFURT

    Vom Feinstaub zum Fadenbakterium

    Mangelhaft fahrradfreundlich
    Schweinfurt ist Kugellagerstadt, Hochschulstadt, Kunststadt, Sportstadt, Schlachtschüsselstadt. Bis vor kurzem war Schweinfurt unterfränkische Ankerzentrumstadt, bevor das Ankerzentrum zwei Kilometer weiter gezogen ist auf die Kasernenanhöhe von Geldersheim, und natürlich ist Schweinfurt – fast hätten wir's vergessen – auch Fahrradstadt. Diesen Ruf hat die mittelgroße (ehemalige Reichs)-Stadt am Saumain, seitdem in ihr die Tretkurbel fürs Fahrrad erfunden und die frühkapitalistische Welt erheblich mobiler wurde. Das Rad mit Tretkurbel verband sich mit dem Sport, und so brachte die Stadt auch gute Radsportler hervor. Sein Radfahrerverein 1889 e. V. ist am 15. Mai 130 Jahre alt geworden und auch nicht der einzige Radlerclub innerhalb des Stadtgrenzen geblieben. * Angesichts dessen wird niemand, der noch bei Trost und guten Willens ist, bezweifeln, dass Schweinfurt folglich auch eine fahrradfreundliche Stadt ist, vielleicht die fahrradfreundlichste im ganzen Lande – oder gar weltweit? Doch Obacht! Schweinfurt hat nicht nur Tretlager erfunden, sondern auch Kugel-, Wälz- und andere Lager, die das Automobil noch mobiler (und komfortabler) machten als Fahrräder, woraufhin das Auto nicht nur Schweinfurt, sondern fast den ganzen Erdkreis erobert und sich untertan gemacht hat. Die Folge: Fürs Fahrrad war auf den immer breiteren Straße des Erdkreises und also auch Schweinfurts wenig bis fast gar kein Platz vorgesehen. * Da nimmt es nicht wunder, dass die Jury der „Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen in Bayern e.V.“ nicht selbstverständlich davon ausging, dass die Fahrradstadt Schweinfurt auch eine fahrradfreundliche ist. Also radelten die Herrschaften mit der Jury-Sprecherin Susanne Lender-Cassens neun Kilometer durch die Stadt am Saumain. Und als die Jury-Chefin das Ergebnis resümierte, formulierte sie nach ein paar Einstiegsnettigkeiten eine Mängelliste, die ihresgleichen sucht und gewiss einige Vertreter der Stadt befürchten ließ, mit seiner Fahrradfreundlichkeit könnte Schweinfurt noch hinter Nairobi landen. Dann die Riesenüberraschung: Die Jury wird dem Verkehrsministerium trotzdem Schweinfurt als „Fahrradfreundliche Kommune“ vorschlagen. Motto: Viel im Argen, aber Potenzial ist da. * Als Stadtführer sozusagen radelte der Schweinfurter Radverkehrsplaner Fritz Hebert an der Jury-Spitze. Pluspunkte sammelte etwa die Obere Straße und dass dort, wie in anderen Einbahnstraßen, das Radeln in beiden Fahrtrichtungen erlaubt ist. Weniger erfreulich fanden die Tester, dass das Radwegenetz nur auf dem Papier durchgängig sei und völlig mangelhaft, dass Radler in Baustellen offenbar gar nicht vorgesehen seien. Aber da ist ja noch das Glanzstück Schweinfurter Fahrradfreundlichkeit, die Hauptbahnhofstraße, und der Herr Oberbürgermeister Remelé sprach am Ende von sinnvollen Lehren, welche die Sicht von außen gebracht habe und „dass wir erst auf dem Weg sind“. Die Fahrradstadt Schweinfurt plant sozusagen munter einer verschärften Fahrradfreundlichkeit entgegen. * Dabei hat der Herr Radverkehrsplaner der Jury erzählt, dass Schweinfurt nur über ein kleines Stadtgebiet verfüge, gerade mal 37,5 Quadratmeter. Dass er mit der Kommission auf diesem kleinen Stadtgebiet neun Kilometer geradelt ist, soll ihm erst mal einer nachmachen. Foto: Thomas End) aussehen werden, sollte die Baumschutzverordnung tatsächlich abgeschafft werden.

    Wahnsinn, wie die Zeit vergeht: Kaum ist der Silvesterdampf verraucht und die Statistik verdaut, wonach in Schweinfurt am Obertor zum Jahreswechsel die mit Abstand höchste Feinstaubkonzentration in ganz Bayern gemessen wurde, da ist auch die Hälfte des Jahres schon wieder rum. Wo ist die geblieben? Und was haben wir in den fünfeinhalb Monaten, die seit dem bayerischen Feinstaubrekord vergangen sind, noch alles erlebt? Naja, da war ja erst das Landesturnfest. Mords was los in Schweinfurt, und das bei Superwetter. Der so genannte traditionelle „Hamburger Fischmarkt“ war auch schon auf dem Marktplatz – mit viel und billig Wurst und Obst und Käs' von den Herren Marktschreiern Wattwurm, Bananen-Fred und Käse-Dickel.

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    So weit, so schön bisher. Weiter geht's im Schnüdel-Festkalender in einer Woche mit dem Schweinfurter Volksfest und allerlei alten und neuen Attraktionen bei den Fahrgeschäften – wie etwa der Wildwasserbahn „Poseidon“. Dazu kommt eine Neuheit, an die sich der Schweinfurter und sein Umland noch wird gewöhnen müssen: das Bier im Festzelt. Es ist erstmals kein heimisches mehr, sondern ein oberfränkisches – aus Kulmbach. Da schluckt der mainfränkische Freund des Gerstensaftes, ohne den Maßkrug angesetzt zu haben: kein Roth-Bier mehr im Zelt, sondern Mönchshof!? Es ist auch nicht mehr bernsteinfarben wie sonst, sondern „gelbgolden“ und verfügt über ein ein „rundes Karamellaroma“.

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    Es ist aber leider – anders als das Festbier, das die Verwaltungsspitze und nicht wenige Stadträte vorab schon getestet haben – nicht alles gelbgolden im Leben. Gerade erst mussten sich die Stadträte mit Widrigkeiten der Abwasserklärung befassen, mit Blähschlamm und Fadenbakterien in Kläranlagen mit „Belebtschlammverfahren“. Schuld sei, dass im Winter zu viel Streusalz über die Kanäle ins Klärbecken gelangt, was die Zusammensetzung der Brühe verändere, worauf Bakterien im „Belebungs- und Nachklärbecken“ Bläh- und Schwimmschlamm und Schaum herstellten, was wiederum die Abwasserklärung „massiv“ behindere. So hieß es kürzlich im Hauptausschuss.

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    Bevor jetzt aber jemand vorschnell skandalisiert, der Herr Oberbürgermeister Remelé habe seine Schweinfurter Fadenbakterien und den Blähschlamm nicht im Griff, muss an dieser Stelle ganz klar erklärt werden, dass ein Granulat im Belebungsbecken die Schlammstruktur schon recht positiv verändern würde, worauf der Stadtrat Maßnahmen im hohen sechsstelligen Bereich genehmigte, so dass dem unbotmäßigen Treiben der Fadenbakterien wirksam begegnet werden kann. Da müssen halt mal ein paar Hunderttausender ins Klo beziehungsweise die Klärbecken gesteckt werden. Schließlich haben die, spätestens zum Volksfest, zu 100 Prozent leistungsfähig zu sein.

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    Für Klärschlämme ist übrigens auch der Herr von Lackum zuständig, wie für fast alles. Außer Baujurist und Sicherheits- und Umweltreferent ist er nebenbei auch noch der Werkleiter der Stadtentwässerung. Von Fadenbakterien der Kläranlage lenkt ihn vielleicht auf dem Volksfest die Wildwasserbahn „Poseidon“ ein wenig ab. Da geht's zwar wie im Stadtrat hin und her und rauf und runter, aber immerhin stilvoll zwischen antiken Säulen und griechischen Götterstatuen.

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