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    BERGRHEINFELD

    Von der längsten historischen Schnitzeljagd der Welt

    Laurent Guillet machte bei seiner 2200 Kilometer langen Wanderung Station bei Bergrheinfelds Bürgermeister Ulrich Werner... Foto: Horst Fröhling

    Der französische Schriftsteller Laurent Guillett machte auf seiner 2200 Kilometer langen Wanderung von der Bretagne ins tschechische Most in Bergrheinfeld Station. Dort übernachtete er bei Bürgermeister Ulrich Werner.

    Was bezweckt der 48-jährige Franzose damit? Mit seinem mehr als 2000 Kilometer langen Marsch quer durch Europa will Laurent Guillet den Toten des Ersten und Zweiten Weltkrieges ebenso Tribut zollen wie jenen verstorbenen Menschen, die ihm und anderen am Herzen liegen. Er lädt in allen Orten auch Menschen ein, ihn ein Stück seines Weges zu begleiten.

    Seine Strecke orientiert sich weitgehend an der Route seiner „Längsten historischen Schnitzeljagd der Welt“. Sie verfolgt den in seinem Buch „Er heißt Josef“ beschriebenen Leidensweg seines Großonkels Joseph Santerre, der als Kriegsgefangener im Juli 1940 ins Lager Mühlberg kam und nach weiteren Stationen schließlich im tschechischen Most sein Leben lassen musste.

    In seinem Buch hat er acht markante Stationen benannt, die er bei seiner Wanderung anläuft. Dort wurden Tafeln aus emaillierten Lavastein enthüllt, nummeriert und übersetzt in die Sprachen der Städte, in denen Joseph zwischen 1940 und 1945 „geblieben“ ist: Trévelo (F), Sarrebourg (F), Bad Liebenwerda (D), Mühlberg an der Elbe (D), Hartmannsdorf (D), Lengenfeld (D), Plauen (D), Litvínov (CZ) und Most (CZ).

    Auf seiner Art „Schnitzeljagd“ durch Europa zu diesen Stationen nimmt er mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern sowie interessierten Menschen Kontakt auf und berichtet über seine „Mission“. Ohne viel Geld unterwegs, ist er auf Leute angewiesen, die ihm Unterkunft geben. So hat er auch mit Ulrich Werner Kontakt aufgenommen und nach einer Übernachtungsmöglichkeit gefragt und spontan die Zusage bekommen, obwohl man sich nicht kannte. Diese Art der Wanderung und Kontaktaufnahme sind für den Franzosen kein Problem. Die allermeisten Begegnungen seien überaus positiv. Er hat bei Pfarrern und Kirchengemeinden wie auch bei Privatleuten übernachten dürfen, einige wenige Male übernachtete er auch im Freien.

    Rund 30 Kilometer beträgt das tägliche Marschpensum. Der Tag in Bergrheinfeld war der 60. seiner Wanderung. Muskelkater habe er keinen, sagte Laurent Guillet. Nur den Füßen merke er die lange Strecke inzwischen deutlich an. Die große Hitze der letzten Tage habe den Marsch nicht eben einfacher gemacht. „Schlimm ist es, wenn man keine Gelegenheit hat, um Wasser zu kaufen und so einige Kilometer durstig laufen muss.“

    Im Marschgepäck hat Laurent Guillet für jede der neun Tourstädte eine Kerze, auf die die jeweiligen Bürgermeister ihrerseits Namen von Verstorbenen schreiben sollten, derer sie gedenken wollen. Und wenn der Franzose unterwegs Menschen traf und mit ihnen ins Gespräch kam, bat er auch sie, einen Namen auf die Kerzen zu schreiben. Das machte ihn mitunter auch sehr betroffen: „In Lengfeld habe ich jemanden kennengelernt, der an seine Enkeltochter erinnern möchte, die nach schwerer Krankheit und etlichen Operationen mit vier Jahren verstarb“, erzählte er. Auch Ulrich Werner durfte ihm eine Kerze mitgeben. Geschichten und konkrete Schicksale sind dem Friedensaktivisten wichtig. Diese trägt er im „Herzen“ mit und schreibt sie in einem Tagebuch auf.

    Die Toten, sagte Guillet, begleiteten ihn gewissermaßen auf seinem Weg, den er konsequent zu Fuß zurücklegt. Er erlaube es sich lediglich, sein Gepäck für kurze Abschnitte von Menschen tragen zu lassen, die ihn mitunter begleiten. Ins Gespräch gekommen sei er bereits mit vielen. Die allermeisten Begegnungen seien überaus positiv. Und für Bergrheinfelds Bürgermeister war dies eine außergewöhnliche Begegnung mit einem besonderen Menschen.

    Von Bergrheinfeld aus ging es weiter nach Stadtlauringen. Am 16. August will Guillet nach 83 Tagen Most in Tschechien erreichen. Bis dahin hofft er, noch mehr Menschen darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig es sei, die Erinnerung an vergangenes Leid zu bewahren, so dass daraus Versöhnung und Freundschaft wüchsen.

    Dieses französisch-europäische Friedensprojekt vereint seit seiner Gründung vor sieben Jahren bis heute mehr als 350 Menschen in allen Ländern.

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