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    Sömmersdorf

    Warum der Sömmersdorfer Herodes einen Schwimmkanal im Garten hat

    In die Geschichte ging der König von Galiläa als Kindermörder ein. Bei der Sömmersdorfer Passion ist er nur auf der Bühne ein Bösewicht. Für Kinder tut er Erstaunliches. 
    Im hauseigenen Schwimmkanal bieten Gabi und Jörg Kampe seit Anfang des Sommers ehrenamtlich Schwimmtraining für die Sömmersdorfer Kinder an. Das Angebot wird begeistert angenommen. Foto: Anand Anders

    Klara hat es geschafft. Sie ist die ganze Bahn geschwommen. 20 Meter an einem Stück. "Bravo", loben Gabi und Jörg Kampe die Fünfjährige, die erst vor einigen Wochen bei ihnen das Schwimmen gelernt hat. Das in Sömmersdorf zugezogene Paar bietet seit diesem Sommer Schwimmtraining für Kinder ab vier Jahren an – ehrenamtlich, kostenlos, im hauseigenen Schwimmkanal.

    Warum macht Jörg Kampe – bekannt als Herodes-Darsteller bei den Sömmersdorfer Passionsspielen – mit 70 Jahren noch einmal das Deutsche Rettungsschwimmabzeichen und bringt Kindern das Schwimmen bei? Und warum hat sich das Paar überhaupt einen Schwimmkanal in den Garten gebaut?

    "Das ist eine lange Geschichte", sagt Jörg Kampe, die sich kurz erzählen lässt. Gabi und Jörg Kampe sind vor 20 Jahren von Ulm nach Schweinfurt gezogen. Aus beruflichen Gründen. Sie leben zuerst in Sennfeld, dann in Werneck und gehen als leidenschaftliche Schwimmer fast täglich ins Schweinfurter Silvana. Als dort 2015 die Jahreskarten abgeschafft werden, beschließen sie kurzerhand, sich selbst einen Schwimmkanal zu bauen, wo sie täglich ihre Bahnen ziehen können. Jörg Kampe schwimmt bis zu 450 Kilometer im Jahr, seine Partnerin bringt es auf 350 Kilometer.

    20 Meter lang, zwei Meter breit und 1,50 Meter hoch: Der Schwimmkanal im Garten von Gabi und Jörg Kampe ist eine Attraktion. Foto: Anand Anders

    Für so ein Projekt braucht es ein Haus, das erst gebaut werden muss. Bei der Bauplatzsuche werden Kampes in Sömmersdorf fündig. Am Trieberg errichten sie 2016 ihre Villa und im Garten dahinter ihren Schwimmkanal. 20 Meter lang, zwei Meter breit und 1,50 Meter hoch. "Die Leute dachten, das wird ein Gewächshaus." Tatsächlich könnte man auf den ersten Blick meinen, unter dem aufschiebbaren Glaskuppeldach, das sich über der gemauerten und mit Eisen bewehrten Röhre wölbt, werden exotische Pflanzen gezüchtet. Tatsächlich ist die mit Klinkerfolie ausgekleidete Steinwanne aber bis auf 1,35 Meter Höhe mit Wasser gefüllt. Über eine Treppe steigt man hinein und taucht ab.

    Wir wollen dieser großartigen Dorfgemeinschaft etwas zurückgeben."
    Gabi und Jörg Kampe

    Jörg und Gabi Kampe machen das mindestens zweimal am Tag. Und stellen immer wieder persönliche Rekorde auf. "Meine beste Zeit auf 100 Meter waren eine Minute und 56 Sekunden", sagt der 70-Jährige stolz. Und Ehefrau Gabi verweist auf ihren Streckenrekord von 2,5 Kilometern in einer Stunde und 15 Minuten. Dabei hatte die 55-Jährige früher mit Sport überhaupt nichts am Hut. Erst auf ihrer Hochzeitsreise auf Teneriffa habe sie erlebt, dass Schwimmen schön sein kann. "Und gesund", ergänzt Jörg Kampe. Denn der Gesundheit wegen ist der ehemalige Profi-Radsportler zum Schwimmer geworden und hat auch seine Frau dafür begeistert.

    Variabel: Je nach Wetterlage wird das aufschiebbare Glaskuppeldach geöffnet oder geschlossen. Foto: Anand Anders

    Doch warum lassen die beiden nun die  Sömmersdorfer Kinder von ihrer Leidenschaft profitieren? "Das ist eine besondere Geschichte", die Jörg Kampe gerne erzählt. Sie hat etwas mit der Passion zu tun und mit seiner Rolle als Herodes bei den letztjährigen Spielen. Als Zugezogene aus der Stadt kannten die Eheleute die "besonderen" Gepflogenheiten in dem 700-Einwohner nicht. Alle fünf Jahre werden hier die Passionsspiele aufgeführt, und so gut wie das ganze Dorf macht bei diesem Großereignis mit. Entweder vor, hinter oder auf der Bühne. So steht eines Tages ein Vertreter des Passionsspielvereins bei den Kampes vor der Tür und lädt sie zum Mitspielen ein.

    "Wir hatten keine Ahnung, was uns erwarten würde", erinnert sich Jörg Kampe und sagt spontan zu. Als es an die Rollenverteilung geht, drückt man ihm überraschend das Textbuch für den Herodes in die Hand. Eine große Rolle, ein großer Vertrauensbeweis, eine große Geste der Dorfgemeinschaft. Das hat Jörg Kampe beeindruckt. Ebenso Ehefrau Gabi, die spontan die Rolle der Martha erhält. "Wir wurden als Fremde so herzlich aufgenommen, wie in einer Familie."

    Sechs bis zehn Kinder kommen regelmäßig zum Schwimmtraining, das Gabi und Jörg Kampe in ihrem 20 Meter langen Schwimmkanal kostenlos anbieten. Foto: Anand Anders

    Für Gabi und Jörg Kampe, die "so etwas noch nie erlebt haben", ist damit klar: "Wir wollen etwas zurückgeben." Doch was können die Kampes einer solchen "großartigen Dorfgemeinschaft" geben, was diese nicht hat? Da kommt die Idee vom Schwimmtraining für Kleinkinder auf. Denn viele Badeunfälle passieren, weil Kinder heutzutage nicht schwimmen können. Laut einer Studie der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft e.V. (DLRG) schaffen nur noch 40 Prozent aller Kinder bis zum Abschluss der vierten Klasse das Deutsche Jugendschwimmabzeichen in Bronze, den sogenannten Freischwimmer. Ende der 1980er-Jahre waren es noch mehr als 90 Prozent. Also beschließen die Kampes, für Sömmersdorfer Kinder ab vier Jahren kostenlos Schwimmtraining in ihrem Schwimmkanal anzubieten. Ein- bis zweimal wöchentlich, von Juni bis August, dank des schönen Wetters jetzt sogar bis Ende September.

    Fast alle Kinder können inzwischen schwimmen

    Das Angebot trifft voll ins Schwarze. 15 Kinder melden sich spontan an, sechs bis zehn kommen regelmäßig. So wie die fünfjährige Lena, die in Kampes Schwimmkanal die Angst vor dem Wasser verloren hat und schon die halbe Bahn durchschwimmen kann. Oder der gleichaltrige Colin, der wie Klara und Laura die ganze Länge schafft. "Wir üben keinen Druck aus", erklären Jörg und Gabi Kampe ihr Erfolgsrezept. Im Vordergrund stehe die Freude an der Bewegung im Wasser. Erst wenn die Kinder Vertrauen gefasst haben, werden Schwimmübungen gemacht und Sprünge geübt. Fast alle Kinder können inzwischen schwimmen und sogar tauchen.

    Während die Kinder im Schwimmkanal trainieren, können die Mamas und Papas auf der Terrasse Kaffee trinken. Foto: Anand Anders

    Während die Kampes mit den Kindern im Schwimmkanal trainieren, sitzen die Mamas oder Papas auf der Terrasse daneben beim Kaffeetrinken. Und Lilli, Kampes Australien-Shepherd-Dame, wacht aufmerksam über die ganze Szenerie.

    Erfinderisch: Je nach Wetterlage hissen Gabi und Jörg Kampe eine Fahne. Bei "Mistwetter" fällt das Schwimmen aus. Foto: Anand Anders

    Sicherheit und Sauberkeit ist oberstes Gebot beim Schwimmtraining. Deshalb haben Jörg und Gabi Kampe noch einmal einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert und zum Abduschen ein eigenes Badezimmer neben der Terrasse eingerichtet. Die Reinigung des Wassers erfolgt über einen Filter im angrenzenden Technikaum, ohne Chloreinsatz, die Beheizung ausschließlich über eine Solaranlage. Damit die Kinder wissen, ob das Wasser warm genug fürs Schwimmtraining ist, hängen Kampes die entsprechende Fahne aus: Grüßen die Seehunde mit "Moin Moin" ist der Schwimmkanal geöffnet. Krähen die Raben mit Regenschirm "Mistwetter", bleibt er geschlossen. Bislang ist das Schwimmtraining aber nur einmal ausgefallen. 

    Hinweis: Wer das ehrenamtliche Engagement von Gabi und Jörg Kampe unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende an die Europäische Stiftung Tanzen tun, die das Ehepaar als Unternehmensberater für Tanzschulen ins Leben gerufen hat.
    Spendenkonto: Sparkasse Schweinfurt, IBAN: DE85 7935 0101 0021 5326 68, BYLADEM1KSW

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