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    Sennfeld

    Warum die Alarmspinne exakt in der Ecke sitzen muss

    Was soll ich werden? Nach Mittlerer Reife, Fachoberschule und Bundesfreiwilligendienst beim Roten Kreuz wusste Jonas Knauer immer noch keine Antwort auf diese Frage. Also surfte er im Internet und fand seinen Traumjob – Flachglasmechaniker. Bis dahin hatte er gar nicht gewusst, dass es diesen Beruf gibt, der sich heute übrigens Flachglastechnologe nennt. Aber das Anforderungsprofil hörte sich gut an, weshalb sich der junge Niederwerrner um ein Praktikum bei der Firma Semco-Glas in Sennfeld bewarb. Das ging nahtlos über in eine dreijährige Lehre, die der 23-Jährige jetzt bundesweit als bester Auszubildender in seiner Branche abschloss.

    "Das hatten wir noch nie", freut sich Betriebsleiter Martin Kügel. Bei der Nationalen Bestenehrung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags am Montag in Berlin war er selbstverständlich dabei. 213 Bundesbeste aus 205 Ausbildungsberufen zeichnete DIHK-Präsident Eric Schweitzer aus. Die Festrede hielt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Jonas Knauer nahm stolz die Auszeichnung entgegen, die ihm bei Semco nun alle Türen öffnet. Einen festen Arbeitsvertrag hat er bereits in der Tasche und die Option, sich zum Techniker weiterzubilden. "Wir halten große Stücke auf ihn", prophezeit Betriebsleiter Kügel seinem Schützling eine steile Karriere.  Nicht nur seine beruflichen Qualifikationen schätzt man in der Unternehmensführung, sondern auch seine menschlichen. "Er ist ein ganz feiner Kerl." 

    Was genau macht nun eigentlich ein Flachglastechnologe. Vereinfacht gesagt, gibt er jedem Glas den letzten Schliff.  Im Sennfelder Werk mit 130 Mitarbeitern wird Sicherheits- und Isolierglas gefertigt.Beispielsweise für Fenster, Balkone, Duschwände oder auch Bankschalter. Tagtäglich werden 3000 Quadratmeter Flachglas verarbeitet, das sind rund 40 Tonnen. Die selbe Menge verarbeitetes Glas verlässt täglich den Betrieb auf dem Weg zum Kunden. Der Einzugsbereich umfasst ein Gebiet von 100 Kilometern im Umkreis zwischen Nürnberg, Fulda und Aschaffenburg. 

    "Wir schneiden und brechen die Glasscheiben in verschiedenen Stärken", erklärt Betriebsleiter Kügel und zeigt auf die große Schneidmaschine. Die Glasscheibe wird zuerst angeritzt und dann auseinander gebrochen. Je nach Verwendungszweck kommen dann diverse Bearbeitungstechniken zum Einsatz. Sägen, schleifen, säumen, polieren – fast alles übernehmen die Maschinen. In der Ausbildung allerdings lernt man noch die Handarbeit.

    Jonas Knauer musste vier Prüfstücke mit verschiedenen Sägeschnitten, Bohrungen und Facettenschliffen fertigen. Dabei waren nicht nur handwerkliches Geschick und technische Versiertheit gefragt, sondern vor allem Genauigkeit.  Denn Glasverarbeitung ist Millimeterarbeit. Bei Jonas Knauer hat alles gepasst, seine Prüfstücke wurden mit der Note eins bewertet. Aktuell arbeitet der 23-Jährige in der Randemaillierung. Diese kommt im Ganzglasbau zum Einsatz, um beispielsweise Konstruktionselemente zu verdecken. Auch hier ist Genauigkeit gefragt. Nichts darf überstehen, wie ein Bilderrahmen muss der Emaillerand die Glasscheibe umhüllen. Passt alles, kommt die Glasscheibe zum Härten in den Ofen und wandert nach dem Auskühlen in die Verpackung. Per Lkw wird die Ware dann zum Kunden gebracht.

    Und was hat es nun mit den Alarmspinnen auf sich. Diese werden bei sogenanntem Alarmglas aufgebracht, das überall dort eingebaut wird, wo Wertsachen geschützt werden sollen. Bei Juwelieren beispielsweise, bei Geschäften oder bei Banken, aber auch im privaten Bereich. Über ein Sieb wird mit Silberpaste eine spinnennetzartige Leiterschleife (daher der Name) in die Ecke der Außenseite auf der inneren Glasoberfläche angebracht. Zerstört ein Einbrecher die Scheibe, zerspringt das Glas in kleine Bruchstücke. Dabei wird die Leiterschleife durchtrennt, der Strom unterbrochen und damit der Alarm ausgelöst. Die Alarmspinne muss deshalb exakt in der Ecke sitzen. 

    Jonas Knauer kontrolliert jede Glasscheibe, bevor er sie in die Weiterverarbeitung gibt. Die Arbeit macht ihm Spaß. "Hier ist noch viel Handarbeit gefragt, und das gefällt mir." Überhaupt: Glas ist für ihn ein faszinierender Rohstoff und einer, "der Zukunft hat". Denn Bauen mit Glas liegt im Trend. Kein anderes Baumaterial bewirke eine derartige optische Leichtigkeit, meint er. Außerdem sei das überwiegend aus Sand bestehende Naturmaterial fast komplett recycelbar, also auch ein umweltfreundlicher Werkstoff. 

    Jede Glasscheibe, die das Werk verlässt, ist auf Qualität geprüft. Und jedes Glas ist ESG-zertifiziert. Das heißt, es hat den Bruchtest überstanden. Dieser muss einmal wöchentlich für jede Glasstärke gemacht werden. Jonas Knauer nimmt dazu einen spitzen Metallstift, den er aus etwa einen Meter Höhe auf die Glasscheibe fallen lässt. Peng! Wie ein Pistolenschuss hört sich das an, und die Scheibe zerfällt in kleine würfelförmige Glasstücke. Das ist die Vorgabe bei diesem sogenannten Einscheiben-Sicherheitsglas, um das  Risiko von Schnittverletzungen zu minimieren. 

    Jonas Knauer: "Ich will mich auf jeden Fall weiterbilden"

    Und wie geht es nun weiter? Anders als vor drei Jahren hat Jonas Knauer heute nach seiner Ausbildung zum Flachglastechnologen nun konkretere Vorstellungen von seiner beruflichen Zukunft. "Ich will mich auf jeden Fall weiterbilden." Vielleicht erst den Techniker machen und dann das Fachabitur, um ein Studium in Glastechnik aufzunehmen. Die Semco-Unternehmensleitung hat ihm bereits ihre Unterstützung zugesichert. "Er hat sich in seiner Ausbildung nicht nur durch die Qualität seiner Arbeit hervorgehoben, sondern auch durch seine Persönlichkeit und in seinem Verhalten", sieht Betriebsleiter Kügel in dem jungen Niederwerrner einen hoffnungsvollen Führungsnachwuchs.

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