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    Schweinfurt

    Warum die Pflegeberufe selber Imagepflege brauchen

    Junge Leute, die sich für einen Pflegeberuf entscheiden, sehen sich mit manchem Vorurteil konfrontiert. Warum sie es dennoch tun und kaum jemand die Entscheidung bereut.
    Gemeinsames üben darf auch Spaß machen. Lena, Ronja, Rabia und Annika (von links) probieren, wie man mit so einer Hebebühne zum Beispiel einen Patienten sicher vom Rollstuhl in die Badewanne bringt.
    Gemeinsames üben darf auch Spaß machen. Lena, Ronja, Rabia und Annika (von links) probieren, wie man mit so einer Hebebühne zum Beispiel einen Patienten sicher vom Rollstuhl in die Badewanne bringt. Foto: Helmut Glauch

    Die Menschen werden älter, der Bedarf an Pflegekräften steigt. In der Pflege herrscht Fachkräftemangel. Seniorenwohnheime, Pflegeeinrichtungen, Tagesstätten – die meisten suchen händeringend qualifiziertes Personal. Sichere Jobs mit Tariflöhnen, von einigen "schwarzen Schafen" abgesehen, sollte man meinen. Warum fehlt es an Bewerbern, warum ist der Nachwuchs rar?  

    Auch der Umgang mit dem verstellbaren Bett will gelernt sein. Reza (Zweiter von links) studiert assistiert von zwei Mitschülerinnen die dafür nötige Fernbedienung. Klassenleiterin Andrea Renner (links) schaut dabei über die Schulter.
    Auch der Umgang mit dem verstellbaren Bett will gelernt sein. Reza (Zweiter von links) studiert assistiert von zwei Mitschülerinnen die dafür nötige Fernbedienung. Klassenleiterin Andrea Renner (links) schaut dabei über die Schulter. Foto: Helmut Glauch

    An der staatlichen Berufsfachschule für Sozialpflege am Beruflichen Schulzentrum Alfons Goppel Schweinfurt werden junge Menschen auf einen Beruf in der Pflege vorbereitet. Zwei Jahre durchlaufen sie eine schulische Ausbildung, sind wöchentlich zu Praxistagen  und mehrmals jährlich zu Blockwochen in den Pflegeeinrichtungen. Dort sind sie nach dem Motto "Learning by Doing" als Arbeitskräfte eingeplant, Überstunden oder Wochenendarbeit fallen nicht an.  Nach zwei Jahren sind sie staatlich geprüfte Sozialbetreuer(innen) und Pflegefachhelfer(innen) und haben eine Basis, um direkt in einen dieser Pflegeberufe oder in die Behindertenarbeit einzusteigen, oder sich beruflich weiterzuentwickeln. Bei einem Notendurchschnitt bis 3,0 und dem Nachweis ausreichender Englischkenntnisse haben sie ihren Mittleren Schulabschluss in der Tasche.

    Die Schule ist erst der Anfang – Die beruflichen Perspektiven sind gut

    "Einige unserer Schülerinnen haben es bis zur Pflegedienstleitung gebracht", so Klassenleiterin Andrea Renner, die zum Besuch ihrer Klasse 11 B Sozialpflege eingeladen. Eine Klasse, in der sich junge Leute von 17 bis 37 trotz manchen Vorurteils gegen ihre Berufswahl auf einen Job in der Pflege vorbereiten.   

    Blutdruck stimmt. Hamid, der hier bei Lena-Sophia misst, weiß, dass die analogen Meßgeräte, die man noch von Hand aufpumpen muss, sogar etwas genauer arbeiten als moderne elektronische Blutdruckmessgeräte.
    Blutdruck stimmt. Hamid, der hier bei Lena-Sophia misst, weiß, dass die analogen Meßgeräte, die man noch von Hand aufpumpen muss, sogar etwas genauer arbeiten als moderne elektronische Blutdruckmessgeräte. Foto: Helmut Glauch

    15 Schülerinnen und drei junge Männer, das ist die S 11 B Sozialpflege. Im Sommer sind sie fertig mit ihrer schulischen Ausbildung. 17 von 18 heben die Hand auf die Frage, ob sie weiter im Pflegesektor tätig sein wollen. Im Gespräch erläutern sie Gründe, warum sie sich für einen Beruf entschieden haben, der im Freundeskreis und in der Gesellschaft ein Imageproblem hat.   

    Die Leute da draußen haben oft keine Ahnung was Pflege eigentlich ist 

    Eine Schülerin, die ihre Praxistage in der Altenpflege  verbringt, wählt drastische Worte. Auf "Kaffee trinken und Arsch abwischen" sei ihre Arbeit "unter Freunden" schon reduziert worden. Die Leute wüssten nicht, das Pflege so viel mehr bedeutet als das, weshalb sie unermüdlich erklärt, wie vielfältig der Job ist.  Sie fände es gut, wenn bei Tagen der offenen Tür Schüler mehr Kontakt mit alten Menschen bekämen und so verstehen lernen würden, welche Arbeit hier geleistet wird.

    Anderen, wie Lena-Sophia, scheint ein Pflegeberuf  förmlich in die Wiege gelegt zu sein. "Du bist so ein sozialer Mensch, du musst unbedingt was mit Menschen machen", haben ihr  Verwandte mit auf den Weg gegeben. Andere waren skeptischer, meinten "mach das, wirst ja sehen, wie es dir nach zwei Jahren damit geht". Und es geht ihr gut damit. Sie will mit behinderten Menschen arbeiten. Das tut sie bereits an ihren Praxistagen. "Ich werde gebraucht, ich werde eingesetzt und es fühlt sich gut an", so die Einschätzung der jungen Frau, die offensichtlich ihren Weg gefunden hat.

    Wertschätzung kommt weniger von der Gesellschaft, dafür umso mehr von den Patienten

    Eine Einschätzung, die auch Jennifer teilt. "Sehr viel zu tun und manchmal eine ganz schöne Rennerei, aber da kommt was zurück von den Menschen, die wir pflegen, an manchem Tag haben sich die Leute gefühlt 50 Mal bei mir bedankt", meint sie.  Einig sind sich alle, dass man sich vom ersten Tag an draußen in den Teams nicht nur willkommen, sondern regelrecht "wie in eine Familie aufgenommen fühlt". "Ich brauche gar keine Bewerbung mehr zu schreiben, ich weiß schon, dass ich genommen werde", berichtet eine junge Frau.

    Und noch ein Image – das der schlechten Bezahlung – macht für junge Leute den Einstieg in Pflegeberufe nicht einfacher. Doch auch dies ist meist Schnee von gestern. Robert Wagner, Teil der Schulleitung und Lehrkraft für die Theorie in der Sozialpflege, berichtet, dass in dieser Hinsicht deutlich nachgebessert wurde. Schon im ersten Jahr sei die Ausbildungsvergütung vierstellig.

    Rund die Hälfte der jungen Leute in der Klasse hat Migrationshintergrund. Von dem ist bei einigen nicht mehr viel zu spüren. Zainab, eine 21-jährige Syrerin, hat sich einen strammen Karriereplan vorgenommen, will sich nach der Schule weiter qualifizieren, in gut zehn Jahren den Weg von der Pflegefachkraft bis zur Pflegedienstleitung durchlaufen.

    Was nützt Integration, wenn der Papierkram nicht stimmt

    Reza, eigentlich ein Musterbeispiel gelingender Integration, tut zwar alles, um in Deutschland Fuß zu fassen, weiß aber dennoch nicht, wie es für ihn weitergeht. Seit vier Jahren ist 24-jährige Afghane in Deutschland, macht seine Praktikumstage bei der AWO in Schwebheim und fühlt sich dort gut aufgenommen. Bis zum Ende der Schule hat er eine Duldung, wie es danach für ihn weitergeht, ob die Abschiebung droht, weiß er nicht, weil ihm Papiere aus dem Heimatland fehlen. "Das ist auch für uns als Lehrer ein Schlag ins Gesicht, wenn wir uns wie in diesem Fall vier Jahre bemühen Schüler aus anderen Ländern in unsere Kultur zu integrieren und ihnen die Sprache beizubringen", so Fachlehrerin Christine Scheuring, und die Kollegen pflichten ihr bei. 

    Nicht nur im Hinblick auf Reza meint sie: "Wir lassen hier nur Leute durch, bei denen wir sicher sind und ein gutes Gefühl haben, dass die einen Pflegeberuf ausüben können, und dann müssen wir erfahren, dass diese Arbeit auf dem Arbeitsmarkt oder von der Politik nicht wertgeschätzt wird." "Wäre schön, wenn man uns da vertrauen würde, wir machen da sehr verantwortungsbewusste Arbeit und uns die Entscheidungen oft nicht leicht", ergänzt sie. Individuelle Fallbetrachtungen, bevor es zu einer Abschiebung kommt, seien viel sachdienlicher.

    Angst vor der Abschiebung führt zu psychischen Problemen 

    Robert Wagner erzählt die Geschichte eines anderen Schülers in ähnlicher Situation, der, von Abschiebung bedroht, die Schule abbrechen musste, weil die psychischen Belastungen für ihn zu groß wurden. Ohne die Angst hätten seine Perspektiven anders ausgesehen. Im Krankenhaus St. Josef hätte er eine Ausbildung machen können, doch die hätte er ohne Bleiberecht gar nicht antreten dürfen. 

    Abbrecher meist nur am Anfang der Ausbildung

    Es sind ambitionierte junge Leute, die in dieser 11. Klasse Sozialpflege über ihre Zukunft sprechen. Die Spreu vom Weizen hat sich schon in der 10. Klasse getrennt, in der Einsteiger auch auch mal feststellen "Das ist nichts für mich". In der zweiten Klasse gibt es kaum noch Abbrecher, dafür künftige Pflegefachkräfte, die meist mehr wollen und die Durchlässigkeit des Ausbildungssystems schätzen. Eine Ausbildung machen und nebenbei am Abitur bauen, auch das ist heute bei entsprechendem Engagement möglich. "Eine motivierte und zielstrebige Klasse, die es den Lehrkräften leicht macht, sie zu unterrichten, bescheinigt Andrea Renner ihrer S 11.  

    Was sie vermissen ist die Wertschätzung, die ihren Berufen eigentlich entgegengebracht werden sollte. Einen Imagewandel, ein neues Bewusstsein im Hinblick auf diese Berufe, für die sie sich entschieden haben, wünschen sich die jungen Leute. Die Anmeldezahlen steigen. Es scheint so, dass dieser Wandel bereits in Bewegung gekommen ist. 

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