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    Oberlauringen

    Was braucht ein Kirchweihpfarrer? Durst, Schlagfertigkeit, Humor

    Sie lesen den Oberlauringern bei der Kirchweihpredigt deftig, fränkisch die Leviten. Die Kirchweihpfarrer (von links) Micky Eschenbach, Oliver Mischtenko, Theo Zirkelbach, Oskar Buchert, Nicole Korb und Michael Jäger. Foto: Ursula Lux

    In "Öiwerlauringen" da wohnt "ä besondre Rass", die zu erleben, war ein großer Spaß. Für die unterfränkischen Kulturwochen haben die "Kirchweihpfarrer" mit einer mindestens hundertjährigen Tradition gebrochen und das Brauchtum der Kirchweihpredigt vorgestellt. Das Datum war den zahlreichen Besucher völlig egal, sie gingen von Anfang an klatschend, schunkeln, singend und vor allem lachend mit.

    Auch einen besseren Moderator als den BR-Franken Eberhard Schellenberger hätten sich die "Pfarrer" nicht wünschen können, redete er doch, wie ihm sein fränkisches Maul gewachsen war. Trotz dieser Vorkenntnisse lernte auch Schellenberger mundartlich Neues. "Der hat sich auf lass lüg", wird er wohl in sein fränkisches Wörterbuch aufnehmen.

    Im Gegensatz zu vielen im Publikum war Moderator Eberhard Schellenberger (rechts) noch nicht ganz "kermesefest". Er brauchte noch ein Liederbuch für die zahlreichen Oberlauringer Kirchweihlieder. Foto: Ursula Lux

    Tradition seit 1919 belegt

    1919 ist die Tradition der Kirchweihpredigt erstmals belegt. Am "Kermese" Montag früh um neun Uhr bei Bratwürst und Bier wird gepredigt, den Dorfbewohnern deftig, fränkisch, schadenfroh und hintergründig die Leviten gelesen. "Fasching Ende Oktober?", fragt Schellenberger. Nein, eher eine "reinigende Dorfjustiz, die auch vor den Honoratioren nicht halt macht", erklärt das Küken der Kirchweihpfarrer, Michael Jäger.

    Die beiden Senioren im sechsköpfigen Team, Theo Zirkelbach und Oskar Buchert, erinnern sich noch an die Anfänge. Im Krieg gab es keinen, der das gemacht hat, erzählen sie, nach dem Krieg habe es aber wieder Kirchweihprediger gegeben. Bis die Tradition Ende der 1960er Jahre mangels "Kirchweihpfarrern" ausfiel. "Aber da hat was gefehlt", erklärt der Theo mit den Engelslocken.

    Seit 1975 lebt die Tradition weiter

    Am Biertisch hätten die Alten damals ihre Schwänke und Erinnerungen erzählt und so fand sich mit ihm, Oskar, Helmut Gräf und Herbert Herder ein neues Team von Kirchweihpfarrern zusammen, die 1975 ihre ersten Predigten hielten. Seitdem lebt die Tradition wieder. Der Kirchweihmontag wird um neun Uhr mit neun Glockenschlägen eingeläutet, der Prolog gesprochen und dann in zwölf Schmähgedichten die Geschehnisse des vergangenen Jahres gewürdigt.

    Ein immerwährendes Opfer ist der Bürgermeister, aus dessen Gedicht von 2017 "Pfarrer" Oliver Mischtenko zitiert: "Wir leben in einer Monarchie, seit 1978 gab es erst zwei Monarchen", stellt er fest. Die Gemeinderäte seien "dessen Vasallen, die alles abnicken". Aber sie scheinen mit ihrem Monarchen zufrieden, denn der greife "wie eine Krake mit zehn Fangarmen in jeden Fördertopf". Nach jedem Schmähgedicht sind die beiden Kermese- Musikanten Heinz und Hans-Peter am Zug. Unterstützt von einem vielstimmigen Chor aller Gäste singen sie "Ja, ja, ja s'ist traurig aber wahr. Nein, nein, nein ach nein von einmal kann's nicht sein."

    Ab Mai werden die Reden konzipiert 

    Das ganz Jahr höre man zu, wenn in Bierlaune was zur Sprache komme und das werde gesammelt, erklärt Micky Eschenbach. Ab Mai träfe man sich dann jeden Mittwoch und die Reden werden konzipiert, "Oft feilen wir an einem Wort". "Ist denn alles wahr?", will Schellenberger wissen. "Ein Funke Wahrheit ist immer dabei", betont Michael. Und früher, da habe es auch manchmal Kalamitäten gegeben", erinnert sich Theo. Aber für ihn ist klar: "Wer in der Predigt ist, hat Humor, wer nich,t hat keinen, oder einen Dünkel oder Dreck am Stecken."

    Nicole Korb ist die einzige Frau in der Truppe, und noch dazu eine "Reingeschmeckte". Lange Zeit war sie die "Praktikantin", bevor sie in die Rolle der Kirchweihpfarrerin rutschte. Sie fühlt sich wohl unter den Männern und dass sie am Anfang von so manchem Oberlauringer recht kritisch beäugt wurde, kommentiert sie so: "Ich bin eine starke Frau, hab einen breiten Buckel und bin noch dabei."

    Auch der Ortspfarrer kommt nicht ungeschoren davon, der letzte Pfarrer war Veganer, und bei ihm hatten die Holzwürmer auf der Kanzel gut leben. Denn. So einer "kann keinen g’scheiten Pfurz lassen um die Holzwürmer zu vertreiben", dichten die Kirchweihpfarrer. Diesen Pfarrer, vermuten sie, hätten sie schon vertrieben. Sein Nachfolger aber sitzt bereits unter den Gästen und versichert lachend, er sei kein Veganer und werde sein bestes tun. S

    Auch zum Kuchenblech gibt es bei den Kirchweihpfarrer ein Gschichtli, ein Gedichtli und ein Lied. Foto: Ursula Lux

    Sie sind ein bunter Haufen und ein tolle Rass, die Kirchweihpfarrer. Micky bleibt "wegen dem Spaß", Oli "weil mer hier sag' darf, was mer denkt, in der Sparkass' aber erst denk‘ muss, was mer sagt." Theo genießt es kein Tabu zu haben und Oskar macht's Spaß "über die Leut' herzuziehen". Nicole wünscht sich weibliche Verstärkung "für den Michael" und der meint, irgendwas Kulturelles brauche der Mensch, "wenn er von Büchern und Kunstausstellungen nichts hält". Und was braucht's um ein guter Kirchweihpfarrer zu werden? "Durst, Schlagfertigkeit, Humor und die Kunst über sich selbst lachen zu können."

    Noch mehr Kirchweihpredigt

    In diesem Jahr feiern die Oberlauringer ihr hundertstes Kirchweihpredigt-Jubiläum. Dafür haben sich die Kirchweihpfarrer etwas Besonderes einfallen lassen. Am Abend des 25. Oktober werden sie im Sportheim alte Kirchweihpredigten aus den 1930er-Jahren vortragen. Geplant sind auch  Tonaufnahmen aus den 1960er-Jahren vorzuspielen und die besten Schmähgedichte der 70er-, 80er- und 90er-Jahre werden vorgetragen. Die aktuellen Schmähgedichte dieser Kirchweih gibt es dann traditionell am Montag um 9 Uhr im TSV Sportheim.

    Eine Sendung über die Veranstaltung "Die Kirchweihpredigt in Oberlauringen, Geschichte und Geschichten", sendet der Bayerische Rundfunk in BR Heimat am Mittwoch, 9. Oktober um 18 Uhr.

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