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    Werneck

    Weihnachtstrucker helfen mit Paketen in Osteuropa

    Die Johanniter-Weihnachtstrucker bringen in diesem Jahr zum 25. Mal Pakete nach Osteuropa. Mit dabei sind drei Helfer aus Unterfranken (von links): Heike Henning, Berthold Weidner und Erhard Schmitt. Foto: Lara Wantia

    Ein kleiner Junge wartet in der Kälte in Rumänien-Nord. Es herrschen Minustemperaturen. Der Junge trägt nur einen blauen Kapuzenpullover. Seine Unterlippe zittert. "Sehen Sie, wie kalt das ist, wie der bibbert?", fragt Berthold Weidner und zeigt auf den Handy-Bildschirm. An dem Tag war er selbst in dem kleinen Dorf in Rumänien-Nord, hat Pakete an Kinder und Familien verteilt. Auf dem Autohof in Werneck stehen zwei Lkw, gefüllt mit solchen Paketen. Die bringt Weidner in diesen Tagen in einem Konvoi mit 16 weiteren Lkw in das osteuropäische Land.

    41 LKW sind unterwegs

    Weidner ist einer von über 100 Helfern, die als Johanniter-Weihnachtstrucker jedes Jahr am zweiten Weihnachtsfeiertag von Landshut nach Osteuropa fahren. Angefangen hat die Aktion im Jahr 1994 mit 3000 Päckchen aus Bayern. Im vergangenen Jahr haben die Ehrenamtlichen 58 816 Pakete verteilt. Im Konvoi nach Rumänien-Nord - dem größten der aktuell sechs Konvois - sind 20 Lkw mit 40 Fahrern und über 25 000 Päckchen in 200 Dörfer gefahren. In diesem Jahr organisiert die Johanniter-Unfall-Hilfe die Aktion zum 25. Mal. Insgesamt fahren 41 Lkw mit 16 Begleitfahrzeugen nach Rumänien-Nord, Rumänien-Zentral, Albanien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien und in die Ukraine. Rumänien-Nord ist das Ziel für 18 Lkw.

    Kinder und Familien in Rumänien-Nord freuen sich über die Päckchen. Foto: Erhard Schmitt

    Weidner fährt seit über zehn Jahren als Weihnachtstrucker dorthin. 2005 hat er zum ersten Mal Pakete zu Kindern und Familien gebracht. "Damals habe ich gesagt: Wenn ich im nächsten Jahr wieder mit dem Einsatzleiter fahren kann, fahre ich wieder mit." Jährlich etwa eineinhalb Wochen vor der Abfahrt beginnt er, Päckchen in Unterfranken zu sammeln. 52 Ladestellen sind es in diesem Jahr in den Landkreisen Schweinfurt, Kissingen, Main-Spessart und Würzburg.

    Der Lkw-Fahrer stellt fest, dass die Kinder oft nicht wissen, wofür sie spenden. Also fährt er persönlich zu den Kindergärten und Schulen und erzählt von seinen Erlebnissen in Rumänien. "Ich frage die Kinder, was sie morgens als erstes machen", sagt Weidner. Zähne putzen ist die Antwort, auf die er hinaus will. "Zu 80 Prozent gibt es da kein Wasser, nur Dorfbrunnen. Die Toilette ist draußen wie bei uns vor 100 Jahren", sagt er. Eine Zahnbürste hätten viele Kinder in den Ländern noch nie gesehen. "So erkläre ich denen das. Da gucken die Kinder dann." Viele würden ihn danach fragen, ob er im nächsten Jahr wiederkommt.

    Auf ein Paket der Weihnachtstrucker warten die Leute stundenlang 

    Weidner fährt Lkw aus "Leidenschaft", sagt er. Um seinen Hals baumelt eine silberne Kette mit einem Lkw-Anhänger, einen passenden Ohrring hat er auch. Seine längeren Haare und sein Schnurrbart sind grau. Freunde nennen ihn Berti. So steht es auch auf dem Namensschild hinter der Windschutzscheibe des Lkw, den er normalerweise fährt. Der ist im Moment in der Werkstatt, die vielen kleinen Lampen werden geprüft und repariert. "Damit alles wieder schön leuchtet", sagt Weidner. Seine Frau akzeptiert, dass er jedes Jahr an Weihnachten tausende Kilometer fährt und nicht bei seiner Familie ist. Weidner ist Opa, seine Kinder bitten ihn manchmal, zuhause zu bleiben. 

    Für den Lkw-Fahrer ist das keine Option. Er hat die Umstände in Rumänien gesehen und weiß, wie sehr die Kinder und Familien Hilfe brauchen. Er kennt Klassenzimmer mit Betonböden und Bänken aus ein paar Latten genauso wie Toiletten, die aus einem Loch im Boden bestehen. Zeitungen hängen als Toilettenpapier an einem Haken. "Das kann man sich nicht vorstellen", sagt er immer wieder. Er hat Gänsehaut, während er davon erzählt. Deshalb sei er dankbar, dass so viele Schulen und Kindergärten in Unterfranken Pakete spenden. "Die Leute wissen, da kommt der Weihnachtstrucker und dann warten die. Stundenlang. Wer würde sich bei uns stundenlang ins Freie stellen für ein Päckchen, wo Mehl, Nudeln und Öl drin sind?", fragt er. Ein Mann habe den Weihnachtstruckern seine Tiere gezeigt, in einem Stall, der größer ist als das Wohnhaus. "Richtig stolz, obwohl die so arm sind. Das wäre hier unvorstellbar", sagt er. "Deswegen mache ich das, so lange ich kann."

    Die Lkw sind weihnachtlich gestaltet (von links): Heike Henning, Berthold Weidner und Erhard Schmitt. Foto: Lara Wantia

    Neben Weidner fahren drei Helfer aus Unterfranken in diesem Jahr nach Osteuropa. Der Lkw-Fahrer aus Eckartshausen ist mit zwei von ihnen nach Rumänien unterwegs: Erhard Schmitt aus Opferbaum und Heike Henning aus Kützberg. Am Morgen des zweiten Weihnachtstages treffen sich wie in jedem Jahr alle Lkw-Fahrer in Landshut. Mehrere hundert Leute kommen zur Verabschiedung. Das Technische Hilfswerk und die Feuerwehr sperren die Straßen. "Wir bleiben alle immer zusammen. Dann geht es mit Hupkonzert über sämtliche rote Ampeln hinweg", sagt Weidner.

    Mit 80 bis 90 Stundenkilometern fährt der Konvoi durch Österreich und Ungarn nach Rumänien-Nord. Alles ist genau geplant. Die erste Pause mit Übernachtung machen die Weihnachtstrucker in der Nähe von Budapest, die zweite kurze Pause an der ungarisch-rumänischen Grenze, an der sie Maut zahlen müssen. Am Abend des 27. Dezember kommen sie in Rumänien an. Einen Tag lang verteilen sie die Päckchen, an einem Tag besuchen sie Familien. Am dritten Tag fahren sie zurück nach Deutschland. Wenn es nicht schneit, sind sie gegen zehn Uhr am Silvesterabend wieder da. So einwandfrei läuft es aber nicht immer. "Wir hatten schon 26, 27 Grad minus. Da ist bei manchen der Diesel eingefroren", sagt Weidner.

    Viele versuchen seit Jahren, bei den Weihnachstruckern mitfahren zu können

    In den Ländern fährt jeder Lkw seine eigene Tour durch die Orte. Dort steht jedes Kind auf einer Liste. Wenn es sein Päckchen bekommt, müssen die Eltern unterschreiben. Auch wenn der Inhalt identisch ist, freuen sich die Kinder über ein bunt eingepacktes Paket mit Geschenkpapier mehr. "Wenn einer ein schönes Päckchen bekommt und einer nicht, gibt es neidische Blicke", sagt Weidner. In den Dörfern haben die Bewohner Essen für die Weihnachtstrucker vorbereitet. "Da ist beim Bürgermeister alles gedeckt wie bei Oma früher, obwohl die nichts haben. Dann musst du essen, sonst denken die, du willst nicht."

    Ein Teil der über 25 000 Päckchen, die die Weihnachtstrucker im vergangenen Jahr nach Rumänien-Nord gebracht haben. Foto: Erhard Schmitt

    Heike Henning möchte schon seit einigen Jahren bei den Weihnachtstruckern mitfahren. Aber die Liste der Leute, die das Gleiche möchten, ist lang. In diesem Jahr hat es geklappt. Berti habe sie neugierig gemacht, sagt Henning. "Ich habe so viel davon gehört  und Youtube-Videos gesehen." Sie ist mit dem Lkw groß geworden, braucht es als Ausgleich. "Für mich gab es nie was anderes." Für ihre Tochter ist es kein Problem, dass ihre Mutter an Weihnachten nicht da ist. "Sie ist 19 und auch immer mit dem Lkw mitgefahren." Ansonsten sei sie "vogelfrei" und freue sich "riesig" auf die Fahrt. "Man hört so viel. Jetzt kann ich das einmal selber sehen."

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