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    Gerolzhofen

    Wenn Wiegenlieder die Angst vor der Nacht nehmen

    Es war ein besonderer Abend mit einer außergewöhnlich dichten Stimmung: Inmitten der aktuellen Sonderausstellung "Ruhe bitte! Die Stille hat das Wort" gaben die bekannte Sopranistin Radka Loudova-Remmler und Kantor Karl-Heinz Sauer ein Konzert mit bekannten Wiegen- und Abendliedern. Pfarrer Stefan Mai steuerte meditative Texte bei.
    Inmitten der aktuellen Sonderausstellung musizierten in der Johanniskapelle Radka Loudova-Remmler und Kantor Karl-Heinz Sauer. Pfarrer Stefan Mai (Mitte) steuerte meditative Texte bei.
    Inmitten der aktuellen Sonderausstellung musizierten in der Johanniskapelle Radka Loudova-Remmler und Kantor Karl-Heinz Sauer. Pfarrer Stefan Mai (Mitte) steuerte meditative Texte bei. Foto: Klaus Vogt

    Es war ein besonderer Abend mit einer außergewöhnlich dichten Stimmung: Inmitten der aktuellen Sonderausstellung "Ruhe bitte! Die Stille hat das Wort" gaben die bekannte Sopranistin Radka Loudova-Remmler und Kantor Karl-Heinz Sauer ein Konzert mit bekannten Wiegen- und Abendliedern. Pfarrer Stefan Mai steuerte meditative Texte bei.

    Über 80 Besucherinnen und Besucher zwängten sich in der kleinen Kapelle und auf der Empore zwischen die Vitrinen und Stellwände der Sonderausstellung. Einige mussten gar mit Stehplätzen vorlieb nehmen. "Still, still..." war der Abend überschrieben, der mit dem bekannten Kanon "Abendstille überall" begann. "Abendlieder beruhigen mit ihren Melodien, lassen herunterfahren, möchten helfen, still zu werden, stimmen ein auf die Nacht. Sie möchten ermutigen, getrost und voll Vertrauen sich dem Schlaf zu überlassen und sich in den Händen eines Größeren geborgen zu wissen", sagte Pfarrer Mai.

    Nochmals die Glut trinken

    Nach Franz Schuberts "Im Abendrot", wo man beim Sonnenuntergang nochmals die Strahlen des Abendrots als "Glut trinkt" und das letzte "Licht schlürft", brachte Radka Loudova-Remmler unter der dezenten Begleitung von Karl-Heinz Sauer an der Truhenorgel zwei Lieder von Clara Schumann zu Gehör: "Der Abendstern" und "Die gute Nacht, die ich dir sage", zwei vertonte Liebesbriefe an Robert Schumann. Pfarrer Mai: "Wenn man abends schlafen geht, tauchen nochmals die Bilder des Tages auf. Gesichter von Menschen, denen ich begegnet bin, ziehen vorbei. Und Verliebte denken an ihren Geliebten oder Geliebte. Menschen, die man gern hat, mit in den Schlaf zu nehmen, welch eine Wohltat." 

    Herzschlag der Mutter

    "Schlaf, Kindlein, schlaf!" Seit Urzeiten und in allen Kulturen der Welt singen Eltern ihre Babys in den Schlaf. Den ganz Kleinen hilft das Singen, in den Schlaf zu finden, und selbst den größeren Kindern vermittelt das Vorsingen noch das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Eltern spüren intuitiv, dass ihre singende Stimme ihr Kind beruhigt. Inzwischen ist es auch wissenschaftlich nachgewiesen, welch Segen der abendliche Ritus eines Wiegen- und Schlaflieds für das Kind ist. Die Taktfrequenz der Lieder mit 60 bis 80 Schlägen in der Minute sind dem Herzschlag der Mutter abgeschaut und wirken beruhigend auf die menschliche Psyche.

    Im Konzert wurden ganz unterschiedliche Wiegenlieder präsentiert. Da war das "Wiegala" der deutschen Jüdin Ilse Weber, die seit 1942 im KZ Theresienstadt im dortigen Kinderkrankenhaus die schwächsten der Schwachen pflegte und in ihren schlaflosen Nächten durch Dichten und Komponieren der erdrückenden Wirklichkeit zu entfliehen suchte. Mit ihren Liedern wie das "Wiegala" versuchte sie, den Kindern die Angst vor dem Schrecklichen zu mildern. Am 6.Oktober 1944 ging Ilse Weber zusammen mit ihrem Sohn und mit den Kindern des Krankenhauses in die Gaskammer.

    Emotionaler Abendsegen

    Im Gegensatz dazu gab es anschließend zwei liebreizende Wiegenlieder des tschechischen Komponisten Bedrich Smetana zu hören, in der die Mutter ihr Kindlein mit Namensverniedlichungen als Ausdruck inniger Liebe liebkost. 

    Emotionale Höhepunkte des meditativen Konzerts waren für viele Besucher sicherlich die bekannten Lieder "Guten Abend, gut Nacht" von Johannes Brahms und der "Abendsegen" aus Humperdincks Oper "Hänsel und Gretel". Man spürte, wie gut solche Melodien tun, die die Angst vor der Nacht nehmen und zugleich wissen: Es ist nicht selbstverständlich, dass du morgens gesund wieder aufwachst. "Aber morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt."

    Langanhaltender Beifall.

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