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    Handthal

    Wie Artenschutz im Wirtschaftswald gelingen kann

    Mit Totholz-Experimenten versucht der Biologe Dr. Simon Thorn herauszufinden, wo sich welche Insekten bevorzugt ansiedeln. Foto: Norbert Finster

    Egal, ob staatlich, kommunal oder privat - ein Sturmschaden ist für einen Waldbesitzer immer ein  schmerzlicher Einschnitt. Und Sturmschäden werden häufiger und haben oft neue Qualitäten.

    Davon konnten sich die rund 160 Teilnehmer  des 3. wissenschaftlichen Symposiums "Natur- und Artenschutz bei integrativer Waldbewirtschaftung" bei einer Exkursion ins Revier Winkelhof des Forstbetriebs Ebrach überzeugen. Dort sind große Waldflächen im wahrsten Sinne des Wortes in die Brüche gegangen. Bäume sind gespreiselt und gedreht, auf halber Höhe abgeknickt oder bis zur Wurzel umgeworfen. Verantwortlich dafür war Sturmtief "Fabienne", das am 23. September 2018 auch im Steigerwald Schneisen der Verwüstung schlug. 30 0000 Festmeter Holz lagen allein im Forstbetrieb Ebrach darnieder.

    Vor Ort war zu sehen, dass Teile der Schadflächen zwar kahl, aber bereits ziemlich aufgeräumt wirkten. An anderen Stellen lagen die Bäume noch, wie sie "Fabienne" hingeworfen hatte. Das ist kein Zufall, sondern Methode. Die Teilnehmer am Symposium, Forstleute, Wissenschaftler aus vielen Fakultäten, Politiker, ehren- und hauptamtliche Naturschützer sowie Waldbesitzer, erfuhren nämlich, dass ein Forstmann aus der Not vielleicht sogar eine Tugend ableiten kann. 

    Drei Flächenkategorien

    Forstbetriebsleiter Ulrich Mergner berichtete, sein Betrieb habe die Sturmflächen für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung gestellt. Sie sind dazu bereits in drei Kategorien aufgeteilt. In der ersten Kategorie werden die Schäden überhaupt nicht aufgearbeitet. Alles bleibt liegen, wie es ist. In der zweiten Kategorie bleibt ebenfalls alles liegen mit Ausnahme von Eichen und Buchen, die noch verwertbar sind. Hochstümpfe werden bei der Buche erst ab zehn Meter Höhe umgesägt und verwertet, bei der Eiche ab fünf Meter. Auch Wurzelteller bleiben stehen.

    In Flächenkategorie drei schließlich räumen die Waldarbeiter alles auf, verfahren so, wie es früher immer geschah. Diese Arbeit war hochgefährlich, denn die Bäume lagen in verschiedene Richtungen und das Holz stand teils unter großer Spannung. Allein auf der 0,5 Hektar großen Fläche, die zur Schau stand, wurden 1000 Festmeter Holz gewonnen.

    Forstbetriebsleiter Ulrich Mergner vor einem Berg von Sturmholz. Mergner entwickelte die Idee, Wurfflächen von ganz bis gar nicht aufzuräumen und wissenschaftlich zu beobachten, wie sie sich entwickeln. Foto: Norbert Finster

    Auf allen drei Flächentypen haben bereits die Wissenschaftlicher Einzug gehalten. Sinn des Ganzen soll ein Erkenntnisgewinn sein, wie sich so verschiedene Waldflächen langfristig entwickeln. Gibt es da große Unterschiede und wohin orientieren sich Fauna und Flora lieber?  Dazu sind laut Mergner noch kaum Erkenntnisse vorhanden. Bis die vorliegen, wird eine lange Zeit vergehen, etwa 100 bis 200 Jahre, schätzt der Betriebsleiter. Nachfolgende Generationen müssten dieses Projekt also weiterführen.

    Störungsforschung

    An der Grenze zwischen total und gar nicht geräumten Flächen klärte der Biologe Dr. Simon Thorn von der Universität Würzburg die Exkursionsteilnehmer über seine Arbeit auf. Es geht hier um bisher kaum betriebene Störungsforschung, das heißt, wie lebt ein Wald weiter, dessen Entwicklung durch eine Störung wie etwa einen Sturm unterbrochen wurde. Auf der geräumten Fläche stehen Holzgalgen, die alle Insekten aus der näheren Umgebung einfangen und in einer Salzlösung konservieren. Einmal im Monat, bei großer Hitze häufiger, kommen die Wissenschaftler vorbei und registrieren die gefangenen Insekten.

    Gleich daneben stehen Kunstoffrohre, in denen Totholzbündel liegen. Solche Bündel liegen auch in unmittelbarer Nähe ungeschützt am Boden. Hier will der Biologe erfassen, welche Arten im Schatten, welche im Licht liegendes Totholz bevorzugen. Erforscht werden soll auch, wo sie das Reh gerne aufhält. Die Idee zu dieser wissenschaftlichen Aufarbeitung der Schadflächen hatte Ulrich Mergner.

    Zweite Station der Exkursion war der Gemeindewald von Oberschwarzach. Auch für den Laien ist dort auf den ersten Blick zu sehen, dass es im Gegensatz zum Staatswald fast vollständig an Totholz fehlt. An einer Stelle, die von etwa 115 Jahre alten Buchen dominiert wird, präsentierte  Stephan Thierfelder, Bereichsleiter Forsten am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Schweinfurt, das Vertragsnaturschutzprogramm (VNP) Wald.

    Hier bekommen Waldbesitzer Geld, wenn sie sich bereiterklären, zum Beispiel Biotopbäume mindestens zwölf Jahre zu erhalten oder Totholz im Wald zu belassen. Das VNP Wald ist im Privatwald und im Körperschaftswald ein wichtiger Baustein für die Umsetzung naturschutzfachlicher Ziele des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000 sowie der bayerischen Biodiversitätsstrategie.

    Beste Akzeptanz in Bayern

    Das VNP funktioniere in Bayern mit Abstand am besten, sagte später im ersten Vortragsblock im Steigerwaldzentrum Kerstin Franz vom Thünen-Institut. Ansonsten hatte sie nicht viel Positives von diesem Programm zu berichten. Durch es sei zwischen Waldbesitzern und Naturschützern viel kaputt gegangen.

    Auch bei diesem 3. wissenschaftlichen Symposium nach 2015 und 2017 gehe es um die spannende Frage, wie sich die Nutzung der Wälder mit dem Schutz der Artenvielfalt vereinbaren lässt oder kurz: Wald mit Menschen und nicht ohne Menschen, sagte zur Begrüßung Ulrich Mergner, der zusammen mit Stephan Thierfelder das Symposium organisiert hatte. Eine Erkenntnis der vorangegangenen Symposien sei es gewesen, dass, wenn Wälder biotopholzreich bewirtschaftet werden, die Ausbreitung einer Artenvielfalt schneller als bislang vermutet vonstatten geht. Und die Artenausstattung in Wäldern mit Bewirtschaftung nähere sich der Ausstattung in Naturreservaten an.

    Stephan Thierfelder ergänzte, zwei Drittel der Waldflächen in Bayern sind Privat- und Kommunalwälder. Auch die müsse man beim Artenschutz mitnehmen.

    Stefan Gatter gab für das Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten bekannt, dass 2018 die Summe von 18,8 Millionen in den Waldnaturschutz geflossen ist. Dazu kommt noch die Arbeitskraft von Menschen im Staatsforst, die am Naturschutz beteiligt sind.

    Ohne Wald keine Biodiversität

    Reinhardt Neft, Vorstand bei den bayerischen Staatsforsten, beteuerte an die Adresse der Wissenschaft,  die Staatsforsten nehmen die Forschungsergebnisse ernst und versuchen sie umzusetzen. Ziel sei es, die Biodiversität auf der gesamten Fläche zu erhalten und zu verbessern, was durch Trittsteine, Biotopbäume, Pflege, Vernetzung und Strukturpflege geschehen könne. Im bayerischen Staatswald seien bereits 10,4 Prozent des Waldes aus der Nutzung genommen (einschließlich der Nationalparke).

    Zum größeren Problem entwickelt sich allerdings der Klimawandel, der den Wald existenziell gefährde. "Wenn der Wald weg ist, brauchen wir uns über Biodiversität nicht mehr zu unterhalten."

    Die Teilnehmer der Exkursion beim 3. Symposium "Natur- und Artenschutz bei integrativer Waldbewirtschaftung" kämpfen sich durch ein Waldstück im Ebracher Staatsforst, wo nach dem Sturm "Fabienne" für wissenschaftliche Zwecke überhaupt nicht aufgeräumt wird. Foto: Norbert Finster

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