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    Schweinfurt

    Wie Respekt Coaches gegen den Extremismus kämpfen

    Gürcan Kökgiran ist einer von über 200 Respekt Coaches, die Jugendliche vor Extremismus schützen sollen. Foto: Lara Wantia

    Gürcan Kökgiran sitzt in einem Café am Schweinfurter Hauptbahnhof. Es sei ein guter Ort für ein Interview, sagt er. Es ist laut. Jugendliche kommen zur Mittagspause herein. Wenige Meter weiter organisiert Kökgiran regelmäßig Workshops zur Prävention von Extremismus. Er ist seit einem halben Jahr Respekt Coach an der Adolph-Kolping-Schule, einer von über 200 in Deutschland. Das Programm gehört zu den Jugendmigrationsdiensten, es ist Teil des Nationalen Präventionsprogramms gegen islamistischen Extremismus. Initiiert hat es Bundesfamilienministerin Franziska Giffey von der SPD. 20 Millionen Euro stellt der Bund in diesem Jahr bereit – 20 000 Euro für jeden Respekt Coach. Gürcan Kökgiran sagt: Zu wenig.

    FRAGE: Wie groß ist das Problem des Extremismus in Schweinfurt?

    GÜRCAN KÖKGIRAN: Das Problem fängt an beim Ausländerhass in Foren, wenn Klassenkameraden als Juden beschimpft werden. Wenn muslimische Schüler nicht fasten und die, die fasten, mobben. Wenn muslimische Schülerinnen angesprochen werden: Warum hast du kein Kopftuch? Ich habe Anfragen von Schulen erhalten, die von erheblichen Problemen sprechen. Da ist religiöses Mobbing ein alltägliches Phänomen. Von Kollegen weiß ich, dass es deutschlandweit an den Schulen, an denen die Zahl der muslimischen Schüler signifikant hoch ist, zu kontroversen Themen und zu Mobbing kommt.

    Was machen Sie mit den Schülern zur Prävention?

    KÖKGIRAN: Es wird erst mal beachtet: Wie ist die Konzentrationsstärke? Wie lange können sie sich auf ein Thema fokussieren? Wir haben ein niedrigschwelliges Angebot – von der Sprache und von der Methodik her. Da ist ein Präventionsträger, mit dem ich zusammenarbeite, Mind Prevention. Die arbeiten unter anderem mit Rollenspielen. Die holen die Schüler dort ab, wo sie sind, aus ihren lebensweltlichen Problemen. Wir haben das Programm vorgestellt und hatten gleich drei Listen voll mit 20 bis 25 Teilnehmern.

    Das heißt, die Schüler können sich anmelden.

    KÖKGIRAN: Die können sich anmelden, es ist freiwillig. Hier haben wir es so gemacht, dass wir das an den Ethik-Unterricht angegliedert haben, damit es zeitlich passt.

    In den Workshops treffen Jugendliche aus unterschiedlichen Religionen aufeinander. Welche Schwierigkeiten gibt es?

    KÖKGIRAN: Immer dort, wo junge Menschen zusammentreffen, kommt es zu Kontroversen. Das kann irgendwo auf der Rhön eine Dorfschule sein mit einem Migrantenanteil von einem Prozent. Dann sind es die Jungs vom Nachbardorf. Sicherlich gibt es Konflikte aus interkulturellen Gründen, aber die werden von den Lehrern gut aufgefangen. Durch die Projekte, die ich lanciere, stärken wir die Fähigkeit, Vielfalt auszuhalten, selbstbewusst zu sein, eine eigene Vorstellung von Identität zu bewahren und mit Respekt zu kommunizieren. Dieses Alter mit 14, 15, 16, das ist eine wilde Zeit. Man sucht Orientierung, man möchte sich Anerkennung und Geltung verschaffen. Es geht darum, wie man Unterschied kommuniziert. Wenn man das mit Respekt machen kann, kann das zu einer Win-Win-Situation führen.

    Also liegt es nicht an der Kultur, sondern an der Entwicklung der Jugendlichen?

    KÖKGIRAN: Das Terrain des Sagbaren ist vermint. In Ballungszentren, wo ein Großteil der Schüler einem bestimmten Glauben anhängt, gibt es bestimmte Verhaltensmuster: fehlender Respekt gegenüber Lehrerinnen, Intoleranz gegenüber anderen religiösen Vorschriften oder einer liberalen Lebensweise. Wenn von der Landkarte der Staat Israel herausgekratzt wird und Schüler sich antisemitisch verhalten, dann haben wir sicherlich ein kulturell oder religiös motiviertes Problem. Selbst wenn die Schüler ihre Verhaltensweisen oder Meinungen religiös legitimieren, muss dies nicht der Religion entsprechen. Es können fehlende Kenntnisse sein oder eine falsche Interpretation.

    Haben Sie das hier in Schweinfurt schon erlebt?

    KÖKGIRAN: Es sind Fälle da, von denen ich gehört habe. Aber dafür sind wir Respekt Coaches nicht zuständig. Sollte ein Schüler – angenommen oder vielleicht tatsächlich passiert – seinen Mitschülern Enthauptungsvideos gezeigt haben von dem IS, vom Dschihad geprahlt haben und gesagt haben, er hätte Absichten krimineller oder sonstiger Art, dann melden wir das an die entsprechenden Stellen.

    Sie haben gerade gesagt: Das Terrain des Sagbaren ist vermint. Wie meinen Sie das?

    KÖKGIRAN: Es herrscht eine Diskussion darüber, wie man ein Problem beschreiben soll. Wenn ein Schüler Erdogan lobt und den Krieg gegen die Kurden und sagt, das ist ein legitimer Dschihad. Wie benennt man das Problem? In dem Augenblick hat man keine Inneneinsicht zu dem Jugendlichen. Er ist kein Ideologe, kein ausgebildeter Theologe. Er argumentiert aus seinen lebensweltlichen Bezügen, so wie es zuhause oder bei seinen Verwandten in der Moschee kommuniziert wird. Bezeichnet man das schon als islamischen Extremismus und rückt mit der Kavallerie an? Oder sagt man, es ist eine Form, um Anerkennung zu erhalten und irgendwo dazuzugehören? Da ist das Wording sehr wichtig.

    Die Jugendlichen erzählen Ihnen persönliche Details. Wie schaffen Sie das?

    KÖKGIRAN: Das Gute ist, das schaffe nicht ich, sondern das macht das Präventionsteam. In diesen Workshops entwickeln sich Eigendynamiken. Die Teamer sind nicht mehr diejenigen, die die meiste Zeit reden, sondern die Schüler beginnen, zu diskutieren. Das ist etwas Faszinierendes, weil eine Verwandlung stattfindet. Väterlich geprägte Meinungen verwandeln sich in diesen 90 Minuten zu einer kritischen Wahrnehmung: Wieso denken wir so? Wieso haben wir diese Annahmen?

    Andere Respekt Coaches sehen sich als Identifikationsfiguren für Schüler. Sind Sie das auch?

    KÖKGIRAN: Ich würde nicht sagen, dass alle Respekt Coaches ein identisches Profil haben. Andere sind Vollblut-Sozialpädagogen, ich komme aus der Soziologie. Ich habe den Bezug über meine Biografie. Ich war in der muslimischen Gemeindearbeit in den Neunzigerjahren, ich kenne meine Pappenheimer. Da ich knapp 15 Jahre Zeit da verbracht habe, dann in die Soziologie eingestiegen bin und mich mit Vorurteilsforschung und Präventionstheorie beschäftigt habe, sehe ich mich eher in der Position, angemessene Präventionsarbeit zu vermitteln und für die Schüler da zu sein.

    Sie begleiten die Jugendlichen nicht über einen langen Zeitraum, sondern machen einen einmaligen Workshop. Inwiefern schützt es die Jugendlichen im Alltag vor Extremismus?

    KÖKGIRAN: Das Programm bietet keinen Rundumschutz. Auch wenn ich von Verwandlung gesprochen habe, verzaubern wir die Schüler nicht. Klar sind das punktuelle Maßnahmen, die in einer gewissen Regelmäßigkeit angeboten werden. Da ist es wichtig, die richtigen Impulse gesetzt zu haben. Ich selbst bin donnerstags den ganzen Tag da. Ich rede mit den Schülern, sie erkennen mich. Wenn Probleme sind, dann bin ich mit Rat und Tat zur Stelle. Sollten es in Zukunft mehrere Schulen sein, dann müsste ich mich aufteilen. Das heißt, die Zeiten werden geringer für die persönliche Betreuung.

    Bräuchte es bei kritischen oder gefährdeten Fällen nicht kontinuierliche Betreuung?

    KÖKGIRAN: Wenn ein Fall wirklich kritisch ist, werden andere Stellen kontaktiert. Zum Beispiel habe ich erfahren, dass es an einer Schule wohl eine Gruppe gibt, angeleitet von einem Salafisten, die extrem mobben.

    Hier in Schweinfurt?

    KÖKGIRAN: Sagen wir mal. Da spreche ich mit der Schulleitung und dem Jugendsozialarbeiter über geeignete Maßnahmen. Gleichzeitig geht es um den Aufbau eines Präventionsnetzwerkes. Es müssen viele Akteure zusammenarbeiten, entsprechende Programme müssen nach Schweinfurt geholt werden. Wenn wir es schaffen, ein Präventionsnetzwerk aufzubauen, können wir mehrere Schulen erreichen. Religiös und ideologisch motiviertes Mobbing oder Radikalität betrifft in der heutigen Zeit, in der der fehlende Respekt und die Gewaltsprache so zugenommen haben, jede Schule.

    20 000 Euro stellt Ihnen der Bund für „geeignete Projekte“ zur Verfügung.

    KÖKGIRAN: Viel zu wenig.

    Haben Sie bei der Auswahl freie Hand?

    KÖKGIRAN: Bisher habe ich mir die freie Hand erlaubt. Das hat sich jetzt etwas geändert. Ich muss die Auswahl meiner Präventionspartner begründen. Meine Begründungen waren bisher stichhaltig und wurden durchgewunken. Aber sie müssen erst mal bewilligt werden. Die Kriterien sind nicht extrem scharf – bisher. Eine Änderung ist für das nächste Jahr angedeutet worden.

    Das Problem des Extremismus hört nicht auf, wenn das Geld verteilt ist. Was machen Sie, wenn Sie noch Geld bräuchten, aber der Bund nicht mehr zahlt?

    KÖKGIRAN: Das ist die große Frage. Das Projekt läuft jetzt bis 2020. 2021 ist wohl angedacht. Es wurde darüber gesprochen, dass es nicht sinnvoll sein kann, dass man bundesweit so ein Projekt beginnt und nach drei Jahren abbricht. Für mich ist das Präventionsnetzwerk wichtig, um Mittel lokal abzugreifen. So kann ein Fördertopf aufgebaut werden, der das Projekt an mehreren Schulen über einen kontinuierlichen Zeitraum ermöglicht. Das Problem Extremismus oder Radikalismus wird nach drei, vier Jahren nicht verschwinden. Ich habe eher die Befürchtung, es wird zunehmen.

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