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    Schweinfurt

    Wie Schweinfurt zur grünen Industriestadt mit Zukunft werden will

    Dass Schweinfurt irgendwann CO2-neutral wird, ist das Ziel eines großen, neuen Schulterschlusses von Wirtschaft, Stadt und Versorgern. Warum das entscheidend sein könnte.
    Blick auf den Schweinfurter Hafen vom ZF Werk Süd aus, wo die neue E-Mobility-Produktionslinie am Standort ihren Sitz hat. Foto: Anand Anders

    Der Zeitpunkt, sagt Prof. Dr. Johannes Paulus von der Fachhochschule für angewandte Wissenschaften (FHWS) Würzburg-Schweinfurt, ist im Grunde passend. Die kommenden Jahre werden auch in Sachen CO2-Steuer entscheidende sein. Stichwort Klimapaket. Wer viel CO2 ausstößt, zahlt mehr als bisher. Ein Wirtschaftsfaktor für Unternehmen, die schon im eigenen Interesse handeln müssen, um in Richtung klimafreundliche oder sogar klimaneutrale Produktion zu kommen. In Schweinfurt aber will man mehr. Wirtschaft, Wissenschaftler, Stadt und Energieversorger arbeiten an einem gemeinsamen Konzept. Das Ziel: den Standort "über kurz oder lang" CO2 frei und wirtschaftlich mit Energie zu versorgen, wie Oberbürgermeister Sebastian Remelé es nach einem Spitzengespräch mit den Beteiligten der verschiedenen Bereiche am Freitag nannte. Denn Ökonomie und Ökologie gingen sehr wohl zusammen und müssten es auch, so der OB.

    Wasserstoff soll bei der Energiegewinnung der Zukunft in Schweinfurt eine tragende Rolle spielen, kündigte Oberbürgermeister Sebastian Remelé an. Foto: Monika Skolimowska

    Dieses Treffen, zu dem Remelé eingeladen hatte, war quasi der Anfang eines Projekts, das langfristig angelegt ist. Schweinfurt soll zum "Reallabor" für die Energiegewinnung der Zukunft werden. Und dabei spiele, so Remelé, das Thema Wasserstoff eine große Rolle. Wie sieht die Energieversorgung aktuell aus, wie decken Industrie und Private ihren Verbrauch, welchen Ausstoß gibt es, welche Projekte – und wie grün ist Schweinfurt schon jetzt? Das ist die Basis für die weiteren Schritte – allen voran eine umfassende Studie, die alle Beteiligten gemeinsam finanzieren werden. Die Fachhochschule soll dafür den Auftrag erhalten. Keine leichte Aufgabe. Denn die Datenmenge wird enorm sein, sagt Prof. Dr. Paulus, Dekan der Fakultät Maschinenbau an der FHWS. 

    Beim Verbrauch gleicht Schweinfurt einer Großstadt

    Schweinfurt ist mit seinen rund 55 000 Einwohnern  eine überschaubare Stadt, doch was den Energieverbrauch betrifft, ist man auf den Werten einer Großstadt, sagt Thomas Kästner, Leiter der Stadtwerke Schweinfurt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass Schweinfurt die größte Industriestadt nach Nürnberg ist. Für eine saubere Analyse braucht es Zeit, zwei Jahre schätzt Paulus. Dann soll die Basis gelegt sein für Schweinfurts "digitalen Zwilling": ein Simulationsprogramm, das genau zeigen kann, wann sich etwas rechnen, wie sich etwas auswirken würde. Zum Beispiel der Bau einer Photovoltaikanlage, wie sie ZF gerade startet. Die Überdachung von 890 Parkplätzen mit Photovoltaik-Modulen ist dabei nur der Anfang, sagt Standortleiter Hans-Jürgen Schneider. Am Ende will ZF eine Anlage besitzen, die mit ihrer Leistung von 10 Megawatt einem Kraftwerk vergleichbar sei. Ein Schritt hin zu einer CO2-neutralen Produktion, sagt Schneider, doch das sei keine Sache von wenigen Monaten.

    So wie das gemeinsame Projekt, das gewährleisten soll, dass einzelne Projekte perfekt zusammenwirken, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Ein Computermodell als Basis für politische und wirtschaftliche Entscheidungen? Das scheint denkbar. Die Stadt und ihre Verwaltung wollen bei dem Langzeitprojekt nicht nur die Klammer sein, politisch unterstützen, erklärt Remelé. Man werde auch mit gutem Beispiel vorangehen: So soll das Kessler Field bis 2026 so ausgebaut werden, dass in dieser neuen Siedlung die "Gartenstadt des 21. Jahrhunderts" entsteht, wo nicht nur der Energieverbrauch klimaneutral gedeckt wird, sondern auch der Verkehr. Schweinfurts erste grünes Wohngebiet soll Kessler Field werden – und ein Beispiel geben. Auch für die Menschen. Die müsse man mitnehmen, erklärte Remelé und betont, er sei angesichts der Aufgeschlossenheit für Neues in Schweinfurt zuversichtlich.

    Es geht um Lebensqualität – und den Standort

    Gehe es doch bei diesem Zukunftsprojekt um Lebensqualität. Auch, aber nicht nur. Ein wichtiger Aspekt ist sicher, den Standort Schweinfurt für und mit der Großindustrie attraktiv zu halten. "Wir wollen in Schweinfurt produzieren", sagt ZF-Standortleiter Schneider – und spricht dabei gleichzeitig für Schaeffler und SKF, die ebenfalls an dem Projekt beteiligt sind. Ebenso wie Senertec. Wenn diese Produktion auch in Zukunft in Schweinfurt wirtschaftlich ist, wäre das ein klarer Standortvorteil, erklärt Prof. Paulus. "Klimaneutral und bezahlbar für die Industrie."

    Vier Vertreter zogen Bilanz nach dem Spitzengespräch zum Thema Energie der Zukunft (von links): Oberbürgermeister Sebastian Remelé, Prof. Dr. Johannes Paulus von der FHWS, ZF-Standortleiter Hans-Jürgen Schneider und Thomas Kästner, Geschäftsführer der Stadtwerke. Foto: Katja Beringer

    Dass die großen Drei – ZF, Schaeffler und SKF – selbst klimafreundliche Produkte liefern, von Komponenten für Windkraft bis E-Mobiltität, betont Schneider ebenso wie das gemeinsame Ziel: Diese Produkte auch klimafreundlich oder -neutral zu produzieren. Überlegungen gibt es, beispielsweise die Verbrauchsschwankungen mit Batterien und Brennstoffzellen abzufedern. Ob sie greifen, was sie bringen, auch das könnte Schweinfurts digitaler Zwilling zeigen. Die Frage sei, so Paulus: Wie kann man eine Industriestadt in die Zukunft führen – und zwar als Ganzes? Wie kann ein System entstehen, das Verkehr, Wärme und Strom so koppelt, dass Schweinfurt tatsächlich zur grünen Industriestadt wird?

    Das Zukunftsgespräch soll im Frühjahr 2020 fortgesetzt werden, dann ist auch das GKS im Boot, der Produzent der Schweinfurter Fernwärme. Im Februar lädt die Stadt zu einem öffentlichen Zukunftsforum ein – auch mit Vorträgen von Experten aus den Bereichen Wasserstoff-Technologie und Elektromobilität. Auch ein Zukunftsforscher ist eingeladen. Visionen erhofft man sich auch von den Nachwuchswissenschaftlern, für die ein Zukunftspreis ausgelobt worden ist, so Finanzreferentin Anna Barbara Keck.

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