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    WETTRINGEN

    Wiesenweihen: Gefährliches Bett im Kornfeld

    Früher habe ich gedacht, eine Wiesenweihe, das ist, wenn der Pfarrer die Felder segnet“, sagt Lisa Schneider aus Oberpleichfeld. Zusammen mit den Hobby-Ornithologen Christiane Krüger aus Dipbach sowie dem Estenfelder Heinz Schrank ist die junge Vogelschützerin auf den Feldern zwischen Wettringen und Nassach unterwegs.

    Kleiner Bodenbrüter

    Das ehrenamtliche Trio ist auf der Spur eines wenig bekannten Vogels, der beringt und markiert werden soll: eben die Wiesenweihe, ein kleiner Greifvogel und Bodenbrüter, der seine Horste früher bevorzugt in Feuchtwiesen angelegt hat. Die sind in der modernen Landwirtschaft rar geworden, die Art gilt als stark gefährdet.

    In Deutschland erholen sich die Bestände wieder, mit etwa 300 Brutpaaren, nicht zuletzt rund um Würzburg: Mainfranken hat die größte Population in Mitteleuropa. Im Freistaat setzt sich der „Landesbund für Vogelschutz Bayern“ (LBV) für die Wiesenweihe ein. Die eigentlich keine Wiesen-Weihe mehr ist.

    Nistplätze im Kornfeld

    Der elegante Flieger, der sich bei der Jagd auf Mäuse oder Kleinvögel mehr aufs Gehör als die Augen verlässt, hat das Motto von Schlagerkönig Jürgen Drews übernommen: „Ein Bett im Kornfeld, das ist immer frei“. Tatsächlich nisten die Vögel, die Mitte April aus Afrika zurückkommen, mittlerweile bevorzugt in Getreidefeldern. Dort lauern neue Gefahren, in Form des Mähdreschers, dessen Schneidwerk allzu oft die getarnten Jungtiere zum Opfer fallen.

    Oliver Kleider ist vom Phantom der mainfränkischen Felder fasziniert: Der Berufsschullehrer aus Hausen bei Schonungen fährt regelmäßig in die Flur bei Wettringen und Nassach, wo Wiesenweihen kreisen, um sie zu beobachten. „Als Kind hab ich mal ein Greifvogelbuch in die Hand genommen“, sagt der Tierschützer, „heute hab ich einen Falknerschein.“

    Tiere auf dem Acker schützen

    Zuhause betreut er einen kleinen Steinkauz und einen Turmfalken, beides Verletzungsopfer: „Wichtiger als die verletzten Tiere aufzuziehen, ist es, sie auf dem Acker zu schützen.“ Die Wiesenweihe erkennt man an der V-förmigen Flügelhaltung beim Flug: „Sie ist sehr nützlich.“ Zwei bis sechs Junge habe ein Weihenpaar, jedes Tier brauche etwa zwei Mäuse pro Tag, bei einer siebenköpfigen Familie werde da schon einiges weggefuttert, bis die Jungvögel als Ästlinge auf dem Baum sitzen: „Die hauen was weg.“

    Auch Christopher Popp, Landwirt aus Wettringen, hat nichts dagegen, wenn die Wühlmäuse auf seinem Acker dezimiert werden, per Luftangriff. Es gibt aber auch Entschädigung, wenn die Getreidefelder rund um die Nester bei der Ernte stehen gelassen werden. Eine Fläche von 50 mal 50 Meter wird beim Mähen ausgespart. Fünf Jungtiere wurden schon auf Popps Acker beringt und mit „Nummernschildern“ markiert, zwecks Beobachtung.

    An diesem Tag geht es auf das Getreidefeld des Nassacher Landwirts Andreas Häpp. Dort hat Kleider das Nest eingehegt, zur Abwehr von Raubtieren wie Fuchs und Marder: „Der Schutz hält aber auch das schwere Getreide gerade, das sich sonst auf das Nest legen kann. Die Eltern füttern ihre verdeckten Jungen dann nicht mehr.“

    Mit 35 Tagen flugfähig

    Das Expertenteam begibt sich nun in das halbhoch gewachsene Kornfeld, und packt drei flaumige Jungtiere in den Stoffbeutel: zwei Mädchen mit markanten dunkelbraunen Augen und ein Junge, alle drei, vier Wochen alt. Mit etwa 35 Tagen sind die Kleinen flugfähig. „Es sollten nicht zu viele zum Nest gehen“, sagt Kleider, „um keine deutliche Spur zu legen“.

    Die Halbwüchsigen werden vermessen und gewogen, alle sind an die 350 Gramm schwer. In der Regel haben Wiesenweihen zwei bis sechs Kinder. In diesem Jahr könnte sich der trockene Sommer bemerkbar machen und es etwas weniger Nachwuchs geben. Nach der Beringung gibt es noch eine nummerierte Flügelmarke, was für die Tiere nicht schmerzhaft ist und sie auch nicht bei der Jagd behindern soll.

    Bei Wettringen werden sich demnächst die Nummern 60, 62 und 63 in die Lüfte erheben und im August auf den Weg nach Süden machen. „Die Nummer 61 wird nicht vergeben, wegen der Verwechslungsgefahr mit der 67“ erläutert Christiane Krüger. Die Elterntiere haben die Aktion unterdessen gar nicht mitbekommen.

    Um die Wiesenweihe schützen zu können, ist es wichtig, zu wissen, wo sie sich aufhält und nistet. Der LBV (www.lbv.de) sucht daher ehrenamtliche Wiesenweihen-Betreuer, die nach dem raren Jäger spähen und sein Vorkommen melden: etwa ans nächste Landratsamt.

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