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    Schweinfurt

    Wildpark Schweinfurt: Wie man einen Luchs austrickst

    600 000 Besucher kommen pro Jahr in die Anlage an den Eichen. Warum Sponsoren so wichtig sind. Und warum uns die Finnen beim Würstchen-Grillen weit voraus sind.
    Die Beute im Blick: Nur einer der Luchse kann zum Zug kommen. Dazu muss er übrigens nicht auf einen Baum klettern und den Beutesimulator fixieren. Ein kluger Luchs wartet, dass ihm das Fleisch vor die Füße fällt.   Foto: Anand Anders

    Ein Samstagnachmittag im Wildpark Schweinfurt. Thomas Leier tritt an die Voliere der Gänsegeier. Sekunden später rauscht Edith ebenso majestätisch wie neugierig heran. Der große Vogel weiß, was sich gehört. Denn Leier, Leiter des Wildparks, ist mit einer großen Besuchergruppe erschienen. Dieses Mal ist es Thomas Wehner mit Kollegen, Freunden und Familie. Ein guter Bekannter also: Wehner ist mit seiner Firma Miramax seit fünf Jahren einer der 46 Hauptsponsoren des Wildparks.

    Wer in den Wildpark an den Eichen geht, muss keinen Eintritt zahlen. Nicht für den Spielplatz, nicht für das Planschbecken, nicht für die Begegnungen mit den Tieren. Dafür sorgen Sponsoren, Spendenaktionen und der Förderverein Freunde des Wildparks mit  Angeboten wie beispielsweise der Wildparkakademie für Kinder. "Seit 2002 sind 3, 5 Millionen Euro zusammengekommen", sagt Leier. Zum Dank lädt er die Hauptsponsoren zu besonderen Führungen durch den Park ein.

    Ein Spektakel: Thomas Leier füttert die Gänsegeier.  Foto: Anand Anders

    "Unbezahlbar", nennt der Tierpark-Chef diese Führungen, die man tatsächlich nicht buchen kann. Und wer mal dabei war, weiß: Sie sind eine Riesengaudi, bei der man sehr viel lernen, vor allem aber den Park aus einer anderen Perspektive sehen und erleben kann. Eben von der anderen Scheiben-Seite der Voliere aus.  Oder aus der Perspektive eines Käfers, der auf dem Boden krabbelnd in die Wipfel schaut. Dazu teilt Leier kleine Spiegel aus, die sich die Teilnehmer so vor die Nase halten, dass die Welt plötzlich Kopf steht.

    450 Tiere leben auf 18 Hektar im Wildpark 

    Die Tiere kennen sich übrigens aus: Kommt Leier mit einer größeren Gruppe, wissen sie, dass er was zum Futtern mitgebracht hat. Und traben, tapsen, wuseln, rauschen zügig heran.  Wie Gänsegeierin Edith. Gänsegeier sind wunderschöne Tiere, elegant gezeichnet in verschiedenen Brauntönen. "Es ist ein Vorurteil, dass Geier hässlich sind", sagt Thomas Leier, seit 26 Jahren Chef hier. Die Vögel sind aber auch beeindruckend groß:  2,5 Meter Flügelspannweite! Wenn Edith auf einen zugleitet, hat man das Gefühl, einem Flugzeug beim Landen zuzuschauen. Wenn sie läuft, sieht das allerdings ein bisschen aus wie Trampolin-Springen mit hohen Absätzen. 

    Kann ganz schön kritisch schauen: ein Gänsegeier. Die stattlichen Vögel werden bis zu 40 Jahre alt.  Foto: Anand Anders

    Leier hat zwei Brocken Rindfleisch dabei. Edith und Fuzzy zerhacken sie genüsslich. Jack, der dritte im Geier-Bund, hält sich zurück. Ein Kilo Fleisch frisst jeder Vogel am Tag. In der Voliere gibt es Steinwände, Vorsprünge, Äste, Stangen: Die Tiere brauchen Gymnastik, sonst bekommen sie Arthrose, erzählt Leier, während Edith um ihn herumtrapst und die "freiwillige Helferin", also die Reporterin, beäugt, die da mit in ihr Gehege gekommen ist. Bei jeder Führung darf ein Freiwilliger als Fütterungs-Assistent mit in das Geierland. 

    Über seine Tiere zu reden, ist für Leier Herzenssache – um die 460 gibt es auf den 18 Hektar Wildpark, und der Chef kennt sie alle. Und er weiß, was sie gerne mögen. Er weiß, welche Marotten sie haben. Und er könnte stundenlang erzählen. Über Luchsin Liesel zum Beispiel, die 2006 kurz nach dem Einzug  in den Wildpark spurlos verschwunden war. Wie sich nach drei Tagen herausstellte, saß sie in 26 Metern Höhe auf einem Baum und war nicht herunter zu kriegen, nicht einmal mit Leckerbissen. Schließlich wurde Leier mit einem Kran nach oben gehoben und setzte die große Katze mit einem Betäubungspfeil außer Gefecht. "Liesel fiel wie geplant ins Sprungtuch", erzählt Leier.  Darüber ist er heute noch erleichtert. Denn die Luchsdame hätte sich schwer verletzen können. 

    Wie viele Lebewesen sind in einer Handvoll Wald-Erde, fragt Thomas Leier.  Foto: Anand Anders

    Auch die Luchse wissen, was es heißt, wenn der Chef mit Gruppe auftaucht: Fressen! Leier zeigt den Beutesimulator. Er hängt Fleisch an eine Art Seilzug, der in einigen Metern Höhe verläuft. Schon pirschen sich zwei Luchse auf einem Ast an, fixieren die Beute. Einer sitzt unten. Er lässt lieber jagen. Denn die Beute rutscht – wie erhofft – dem Kollegen oben aus den Tatzen und fällt ihm direkt vor die Schnauze. "Katzen sind schon clever", meint jemand aus der Besucherrunde.

    Der Trick mit der gespielten Führung 

    Wie geht's Luchs Rufus? Das wird Leier regelmäßig gefragt. Rufus  wurde 2018 als "Deutschlands dickster Luchs" zum Medienstar. Selbst die New York Times berichtete über den übergewichtigen Schweinfurter, nachdem die Werbeabteilung einer amerikanischen Fastfood-Kette Rufus entdeckt hatte und mit ihm ein bisschen Werbung für frittierte Hähnchenflügel machte.Nach der Kastration und einer Verletzung an der Pfote hatte Rufus ein bisschen zugelegt. Inzwischen hat er abgenommen, ist an diesem Tag aber nicht bei seiner Familie. Der Luchs ist separiert, er muss demnächst wegen einer Art Lungenentzündung geröntgt werden, erzählt der Wildpark-Förster. Er wird dann wieder seinen Betäubungspfeil mit der so genannten Hellabrunner Mischung einsetzen.

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    Nachdem es nicht immer einfach ist, einem Tier so nahe zu kommen, dass der Pfeil abgeschossen werden kann, greift Leier ab und an zu einem Trick. Er spielt mit einigen Mitarbeitern Besucherführung und stellt sich mit der Gruppe  vors Gehege. Die Tiere kommen dann erwartungsgemäß nach vorne. Und damit in Pfeil-Reichweite. Thomas Leier hat allerdings dann oft das Gefühl, das ihm seine Schützlinge diese List krumm nehmen und eine Weile beleidigt mit ihm sind.  

    Wildparkleiter Thomas Leier mit der Karte des Wildparks.  Foto: Anand Anders

    "Die Tiere sollen sich wohlfühlen", sagt der Förster. Sie können selbst entscheiden,  wo sie sich aufhalten wollen, können wählen zwischen Nähe zu den Besuchern und Rückzugsmöglichkeiten, zwischen drinnen und draußen, zwischen warm und kalt. "Wir zeigen sie nicht auf dem Präsentierteller."

    Würstchen am Lagerfeuer grillen: Die Belohnung nach der Wanderung.   Foto: Anand Anders

    Bei der Wanderung geht es aber nicht nur um Tiere, sondern auch um Wald und Natur. Thomas Leier greift eine Handvoll Laub und Boden. "Wie viele  Lebewesen leben darin?", fragt er in die Runde. Die Antwort überrascht alle: mehr als es Menschen auf der Welt gibt. Ganz und gar nicht tot ist übrigens Totholz. Käfer, Spechte brauchen die abgestorbenen Bäume. "Sind Spechte im Wald, ist der Wald intakt." Früher wurden abgestorbene Bäume entfernt. Jetzt bleiben sie stehen, sofern sie  stabil sind. 

    Zum Schluss gibt's dann noch eine wertvolle Lektion am Lagerfeuer. Finnisch Würstchen grillen. Das heißt: Nicht einfach eine Wurst auf einen Ast spießen. Sondern einen Ast mit Gabelung nehmen und gleichzeitig zwei Würste grillen. Auch das ist eine wertvolle Erfahrung fürs Leben. Und unbezahlbar!

    Wildpark Schweinfurt
    Der 18 Hektar große Wildpark an den Eichen wurde 1962 gebaut. Er ist ganzjährig und ganztägig für jedermann bei freien Eintritt geöffnet. Der Park gehört zu den meistbesuchten Erholungs-und Freizeiteinrichtungen Bayerns. Die Ostereiersuche und die Waldweihnacht ziehen regelmäßig die Besucher an. 
    43 Tierarten sind hier zu beobachten: vom Wildschwein über den Elch bis zum Luchs und zum Papagei. Der Park ist aber auch eine Freizeitanlage mit Spielplatz und Wasserbecken, beliebt bei Joggern und Spaziergängern. Hunde dürfen auch mit, sie müssen aber an die Leine.  Hauptsponsoren (Vereine oder Firmen) unterstützen den Wildpark jährlich mit je 2975 Euro brutto oder mit Sach-oder Dienstleistungen. 

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