• aktualisiert:

    NEUHOF

    Wo den Schwalben die Stalltür immer offen steht

    Erich Meidel ist inzwischen jenseits der 90. Sein Herz hängt aber mehr denn je am Zabelstein und den Dörfern zu seinen Füßen, wo er einst aufgewachsen ist. Das kleine Neuhof mit seinen wenigen Häusern, der Kapelle, dem Dorfsee und dem alten Brunnen ist eine dieser Besiedlungen. Hier wohnen Sandra und Oliver Pfister. Deren Herz hängt wiederum an den Tieren. Dazu zählen Esel, Pferd, Hühner, Schafe, Hund, Katze, Kaninchen und nicht zuletzt die Schwalben. Neuerdings haben es die Pfisters vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) offiziell, dass Schwalben bei ihnen willkommen und sie somit ein schwalbenfreundliches Haus haben. So steht es auch auf der Plakette, die jetzt auf Initiative von Erich Meidel am Scheunentor hängt.

    Mit dieser Auszeichnung würdigt der LBV samt entsprechendem Begleitschreiben in Bayern Naturfreunde, die durch die Erhaltung von Schwalbennestern an oder in ihren Gebäuden zum Schutz der selten gewordenen Vögel beitragen. Erich Meidel möchte mit dieser Aktion weitere Eigentümer alter Stallungen zu ähnlichem Einsatz für die frei lebende Tierwelt anspornen, um so den Rauch- und Mehlschwalben wieder mehr Lebensraum und Nistmöglichkeiten einzuräumen.

    Das geschieht bei den Pfisters etwa dadurch, dass sie die Stalltüren und Durchgänge während der Sommerzeit weit geöffnet lassen, damit die Flugakrobaten ungehindert ein- und ausfliegen können. Ein Rauchschwalben-Pärchen, berichtet Oliver Pfister, wollte sein Nest allerdings direkt im Haus bauen. „Da haben wir die Tür dann doch zugemacht“, sagt er augenzwinkernd. Ein bisschen Privatsphäre darf schließlich bei aller Tierliebe doch noch sein.

    Er könne sich noch gut an seine Jugendzeit erinnern, als sein Vater das Forstamt in Hundelshausen leitete, und wie dort, aber auch in Altmannsdorf und Neuhof, die Schwalben in den Ställen ein- und ausflogen, erzählt Erich Meidel. Bei seinen regelmäßigen Aufenthalten in diesem Jahr in Neuhof konnte er feststellen, wie die Schwalben sehr lebhaft über dem dortigen Dorfweiher hin und her gestrichen sind. Das habe ihn animiert, die Aktion „Schwalbenfreundliches Haus" des LBV ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rufen und die Pfisters für die Auszeichnung vorzuschlagen.

    In der Tat ist „Wohnungsnot“ für Rauch- und Mehlschwalben in der heutigen Zeit zum Problem geworden. Immer weniger Hausbesitzer dulden es wegen der damit verbundenen Verschmutzung, dass die Vögel unter dem Dachvorsprung oder auch in leer stehenden wie noch genutzten Ställen nisten und hier ihre Jungen aufziehen können. Viele alte Gebäude werden zudem saniert oder, wenn es um Ställe geht, ganz abgerissen.

    Doch es gibt eben noch Menschen wie Sandra und Oliver Pfister, die absolut kein Problem mit den einst als Sommerboten und Glücksbringer verehrten geflügelten „Untermietern“ haben, selbst wenn sie manchmal ganz schön Dreck hinterlassen. Oliver Pfister: „Die Verschmutzung nehmen wir in Kauf. Dann wird mal zum Besen gegriffen und gekehrt – und schon ist alles wieder in Ordnung.“

    Seit 1999 bewirtschaften die Pfisters inzwischen den Hof, der Sandra Pfisters Vater gehört. Die Schwalben werden dort auch in Zukunft willkommen sein, sagen beide und betonen: „Wir vertreiben sie nicht. Im Gegenteil: Wir sind froh, dass sie da sind.“ So erfreuen sich Sandra und Oliver Pfister immer wieder, wenn sie im Sommer auf der Terrasse beim Kaffeetrinken sitzen, an den geschickten Seglern und Flugkünstlern, wenn sie akrobatisch und mit hoher Geschwindigkeit vorbeifliegen.

    Aber Schwalben haben natürlich auch natürliche Feinde. Wenn sie nicht aufpassen, gehören sie buchstäblich der Katz oder dem Marder. Da trifft es sich gut, dass die Pfisters einen Hund haben, der keine Katzen in seiner Nähe duldet. Und unter das Gebälk der Scheunen und des Durchgangs kommen Katze oder Marder ohnedies nicht.

    So herrschte auch heuer wieder emsiger Flugverkehr im Hotel „Schwalbenhof“ der Pfisters. Die haben die Nester nicht explizit gezählt, aber gut und gerne über 15 Stück hätten die Vögel in den Scheunen und Durchgängen bezogen. Manche der „Wohnzimmer“ werden von ihnen „renoviert“, andere aber auch zerstört und komplett neu gebaut, wenn sie im Frühjahr zwischen April und Mai aus dem Süden zurückkehren. Dazu brauchen sie in jedem Fall aber Lehm. Sandra Pfister: „Leider gibt es fast keine Dreckpfützen mehr. Aber hier bei uns haben sie den See vor der Tür. So finden sie genug Material, das sie für den Nestbau benötigen.“

    Auch am Futter mangelt es in Neuhof nicht, wie es heutzutage oft der Fall ist. Denn das Nahrungsangebot muss passen, um die hungrigen Mäuler gerade der Jungen bei der Aufzucht zu stopfen. Wo sich andernorts die Nahrungssuche durch intensive Landwirtschaft und weniger Insekten immer schwieriger für die Vögel gestaltet, können sie in Neuhof aus dem Vollen schöpfen. Wie erwähnt, tummeln sich auf dem Hof der Pfisters jede Menge Tiere. „Und mit denen sind die Fliegen da“, so Sandra Pfister, voll des Lobes für den „natürlichen Insektenschutz“ durch die gefiederten Freunde.

    Heuer war dabei ein vom Wetter her optimales Jahr für Schwalben. Drei Bruten pro Nest haben die Pfisters gezählt, die von den Alten aufgezogen worden sind. Zeitweise warteten bis zu sechs Junge mit weit aufgesperrten gelben Schnäbelchen gierig darauf, gefüttert zu werden. Oliver Pfister: „Das Nest war so voll, dass es fast so aussah, als würden die Jungen seitlich herausfallen.“

    Bis vor gut zwei Wochen saßen die letzten geschlüpften Jungen noch im Nest. Da war gerade noch genug Zeit, um vor dem Abflug in den Süden das Fliegen zu lernen. Denn wie besagt eine alte Bauernregel, die sich auf den 8. September bezieht: „An Mariä Geburt ziehen die Schwalben furt“.

    So war es auch heuer wieder in Neuhof. Denn schon eine Woche früher verabschiedeten sich die Schwalben aus dem „neuen Hof“, den Bewohner der Burg Zabelstein einst wegen des zunehmenden Wassermangels oben auf der Höhe am Fuße des Berges errichtet hatten.

    Ab April werden die Pfister wieder mit Spannung darauf waren, dass die Zugvögel ins Haus mit der Nummer 5 zurückkommen. Nicht minder willkommen sind die Schwalben in Neuhof gleich nebenan im Anwesen von Simon Greb mit der Nummer 4. Damit wird der kleine Weiler am Waldrand vollends zum „Schwalben-Dorado“.

    Über die Auszeichnung als „schwalbenfreundliches Haus“ durfte sich übrigens bereits auch die Familie Ahles in Sulzheim freuen, nachdem sie an ihrem Anwesen Wilhelm-Behr-Straße 6 ebenfalls seit längerem aktiv zum Schutz der Vögel beiträgt. Begonnen hat dort alles vor über zwei Jahren mit zwei künstlichen Nistmöglichkeiten. Zu denen sind inzwischen etliche selbst gebaute Naturnester hinzugekommen. So zählen Gerhard und Arntrud Ahles seitdem beim Abflug im Herbst regelmäßig zehn bis 15 Schwalbenpaare in ihrer Schwalbenkolonie am Haus. Auch heuer haben sie die Familie nicht im Stich gelassen, waren aber auch hier an „Mariä Geburt schon furt“.

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!