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    Schweinfurt

    Wohnen im Herrenhaus und im Rinderstall auf Gut Deutschhof

    Die Evangelisch-Lutherische Gesamtkirchengemeinde hat das Gut Deutschhof bis auf die von der Gemeinde St. Lukas genutzten drei Gebäude des Ostflügels (Kindertagesstätte mit Freifläche, Kirchenraum und Gemeindesaal) verkauft. Der neue Eigentümer will in dem denkmalgeschützten Ensemble an der Arnsbergstraße Wohnungen schaffen. 

    1982 war der von der Stadt initiierte Versuch, in dem neuen Stadtteil Deutschhof ein ökumenisches Gemeindezentrum zu schaffen, aus vielen Gründen gescheitert. Wo heute am Deutschhof-Marktplatz der große Kindergarten der katholischen Gemeinde St. Maximilian Kolbe steht, hätte ursprünglich die Evangelische Kirche bauen sollen.

    Leer stand damals das Gut Deutschhof, das auch genügend Platz für eine Bildungseinrichtung der Evangelischen Kirche geboten hätte. Die evangelisch-lutherische Gesamtkirchengemeinde erwarb das Gut von der Stadt. Die Pläne von einer Bildungsstätte zerschlugen sich. Auch der angedachte Einzug des Johanniter-Rettungsdienstes (zu teurer, zu weit außerhalb) wurde – wie etliche weitere Ideen – nicht weiterverfolgt. Bereits 2008 war dann das damalige und bis zuletzt gültige Ausbauziel erreicht.   

    Bildungsstätte, Rettungsdienst, Jugendzentrum

    Die Suche nach weiteren Nutzungsmöglichkeiten scheiterte in den Folgejahren mehrfach – an den Finanzen, aber auch an der Vorgaben des Denkmalschutzes. Auch die Vision von einem mit der Stadt zu realisierenden Jugendzentrum wurde schnell wieder fallen gelassen.

    1996 waren dann die zwölf Wohnungen im Bereich des ehemaligen Pferdestalls entstanden. Gedacht waren diese für "kirchennahe" Familien. Schon längst sind diese jedoch  frei vermietet. Durch die beim Bau hohen Anforderungen des Denkmalschutzes deckten die Einnahmen bis zum Verkauf die Ausgaben bei weitem nicht.

    Von 2002 bis 2009 gab es wegen der gesunkenen Einnahmen der Kirche landesweit sowieso keine Baumittel. 2012 stand dann mit dem neuen Gebäudekonzept fest, dass die Kirche auf dem Gut keine weitere Nutzung mehr verwirklichen wird. Schon im Jahr darauf folgten erste Gespräche mit dem jetzigen Eigentümer. Bei den langwierigen Verhandlungen wurde als Kaufpreis die Empfehlung eines unabhängigen Gutachters von der Kirche und von dem Projektentwickler akzeptiert.

    "Wir haben alles, was wir bauchen."
    Dekan Oliver Bruckmann

    "Alles oder nichts", sei die Position der Kirche gewesen, sagt Dekan Oliver Bruckmann. Seit November gehören der Kirche jetzt nur noch 4000 der 14 000 Quadratmeter des Guts. Geregelt ist das Fahr- und Wegerecht zum Ostflügel und damit zu den Einrichtungen der Gemeinde St. Lukas. Außerhalb des Guts muss der Käufer für die Gemeindemitglieder einen Parkplatz realisieren. Außerdem darf der autofreie Hof zehnmal im Jahr für kirchliche Veranstaltungen genutzt werden. 

    "Wir haben alles, was wir brauchen", so Dekan Oliver Bruckmann und die Geschäftsführerin der Gesamtkirchengemeinde, Dagmar Kohlmeyer, im Gespräch mit der Redaktion. Der Käufer habe nun auf 10 000 Quadratmetern die Voraussetzung für eine einheitliche Planung für einen hochwertigen Wohnungsbau. Zu dessen Eigentum zählen neben den Mietswohnungen die Gebäude zwischen Tor und Herrenhaus (ehemals Gesindehaus mit den seit Jahren leerstehenden Räumen für die Diakoniestation), das Herrenhaus und der ehemalige Rinderstall.

    Im Hof muss der Projektentwickler die abgerissenen Gebäude (Schrotmühle, Remise und Schmiede) nach den Vorgaben des Denkmalschutzes wieder errichten. Steine, die aus dem Abriss der früheren Bebauung stammen, liegen im Hof auf dem künftigen Baugelände.   

    An der geschlossenen Dachlandschaft durfte auch schon die Kirche nichts ändern, die allerdings ganz kräftig in den Denkmalschutz zu investieren hatte – etwa für die Abdichtung des Dachs auf dem Herrenhaus und in die 200 000 Euro teure Sanierung des Hoftors. Allein für die Pflege von Hof und Garten (samt Verkehrssicherungspflicht) fielen zuletzt jährlich Kosten in Höhe von 30 000 Euro an.

    Mehrmals zerstört

    Die Geschichte des Guts lässt sich bis in das Jahr 1437 zurückverfolgen. Damals kaufte die Stadt das "Deutschfeld" (Flurname) vom Deutschritterorden. Zum Deutschfeld gehörte das Land links und rechts der heutigen Deutschfeldstraße (zwischen Leopoldina Krankenhaus und Höllental). Ob damals auch gleich das Gut den Besitzer wechselte, ist nicht einwandfrei geklärt. Fest steht dagegen, dass die mehrfach durch Krieg und Brände zerstörten Gutsgebäude, die einsam vor der Stadt lagen, im 16. Jahrhundert erstmals von einer Mauer geschützt wurden. 

    Im Jahr 1619 erwarb die Hospitalstiftung das Gut aus Privatbesitz. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde ein großer Teil der Gutsflächen in Bauland umgewandelt. Ab 1970 entstand darauf der Stadtteil Deutschhof. Ersatzflächen für den noch heute bestehenden landwirtschaftlichen Betrieb erwarb die Stadt bei Grettstadt.

    Die landwirtschaftliche Nutzung der verbliebenen Wiesen und Äcker im Bereich des Höllentals gab das Gut 1977 auf. Die Gutsgebäude blieben dann bis in das Jahr 1982 verlassen. Neuer Eigentümer der Gebäude mit dem großen Hof (aber nicht der Ländereien) war jetzt die evangelisch-lutherische Gesamtkirchengemeinde, die 1984 einen neuen Kindergarten einweihte. In der ehemaligen Scheune öffnete 1986 der Gemeindesaal und im ehemaligen Pferdestall entstanden bis 1996 Wohnungen. 2008 konnte der Kirchensaal im ehemaligen Getreidespeicher eingeweiht werden. 

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