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    Niederwerrn

    Attacke der Niederwerrner Reiterei

    Hobbyforscher Roland Fick sammelt historische Bilder von Niederwerrn – und sucht Nachschub fürs Archiv.
    'Die Ulanen kommen!': Die prachtvolle bayerische Reiterei war der Hingucker, als sie 1922 am Unterbrunnen vorbeizog, in der Schweinfurter Straße. 
    "Die Ulanen kommen!": Die prachtvolle bayerische Reiterei war der Hingucker, als sie 1922 am Unterbrunnen vorbeizog, in der Schweinfurter Straße.  Foto: Archiv Roland Fick

    Der wilde, wilde Westen fing vor hundert Jahren gleich hinter Schweinfurt an: 1922 galoppierte noch Kavallerie durch Niederwerrn, mit Ulanen-Lanze und Tschapka-Kappe, anlässlich der Einweihung des Kriegerdenkmals. Auf der Festwiese an der Wernbrücke blickten die Reservisten­ stolz in die Kamera, dem verlorenen Weltkrieg zum Trotz.

    Die selbe Stelle, wie die auf der die prächtige bayerische Reiterei zu sehen ist, im Jahr 2020, etwa auf der Höhe des Asylbewerber-Cafés.
    Die selbe Stelle, wie die auf der die prächtige bayerische Reiterei zu sehen ist, im Jahr 2020, etwa auf der Höhe des Asylbewerber-Cafés. Foto: Uwe Eichler

    Es sind durchweg bekannte Familien-Namen vertreten, auf dem Foto aus der Sammlung von Roland Fick: Die glorreichen Acht hoch zu Ross wurden als Georg Lauerbach, Ludwig Rödemer, Wilhelm Stremel, Richard Lauerbach, Richard Gäb, Georg Kolmar, Ludwig Müller und Adolf (oder Andreas?) Lauerbach identifiziert. Für das Fußvolk renommierte ein weiterer Adolf Lauerbach sowie Willi Michelmann. Im Dorf gab es öfters Ausritte, auch in Zivil, bis in die 50er-Jahre hinein: Auf einem weiteren Foto wird die Kutsche mit dem neuen Pfarrer eskortiert, von einer Kavalkade schwerer (Bürger-)Reiterei.

    Kriegstagebücher aus der altdeutschen Schrift "übersetzt"

    "Es geht mir um die `Locations´, im Vergleich zu heute", sagt Fick, der vor zwei Jahren eine große Ausstellung "100 Jahre Ende Erster Weltkrieg" organisiert hat: mit einer Liste der Gefallenen aus Niederwerrn, aber auch Einblicken ins Alltagsleben zur Zeit von deutschem Kaiserreich, bayerischem Königreich und fränkischer Heimatfront. Das Sammeln wurde eine "Materialschlacht" für sich, bei der vieles übrig geblieben ist – unter anderem zwei Kriegstagebücher, die Fick gerade aus der altdeutschen Schrift "übersetzt" hat. Noch vor den Ausgangsbeschränkungen wegen Corona, gab es zwei kleinere Ausstellungen, im Rathaus und bei Informationstagen der Schule, mit historischen Postkarten, Luftbildern und Schnappschüssen von anno dazumal. Hobby- und Familienforscher Fick ist es wichtig, möglichst mehrere Ansichten von einem Ort zu zeigen, um ein Gesamtbild von Niederwerrn einst und heute zu bekommen. Getreu dem Motto: "Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern."

    Blättert in den wenig bekannten Seiten der Niederwerrner Ortsgeschichte: Hobbyforscher und Fotosammler Roland Fick.
    Blättert in den wenig bekannten Seiten der Niederwerrner Ortsgeschichte: Hobbyforscher und Fotosammler Roland Fick. Foto: Uwe Eichler

    Wer zum Beispiel kennt noch das Kriegerdenkmal: eine wuchtige, tafelbedeckte Steinsäule, die unterhalb vom Raiffeisenplatz stand, an der Schweinfurter Straße, zwischen "Elektro Haag" und der heutigen Metzgerei Lamprecht. 1958 rückte statt der Kavallerie der Bagger an: Im Zuge der Straßen-Erweiterung wurde das Verkehrshindernis ruhmlos abgebrochen, auch davon gibt es Fotos. Gemeindediener Georg Dietmar, Friseur Ludwig Pötsch und die Dorfjugend sahen an der Bushaltestelle zu. Auf der Litfaßsäule nebenan wurden gesundes Bier und filterlose Zigaretten, Marke Eckstein, beworben. Das Gerätehaus der Feuerwehr befand sich neben der Dorfkirche, im ehemaligen Diakoniegebäude.

    Der Abbruch des Kriegerdenkmals in der Schweinfurter Straße, Höhe Raiffeisenplatz, im Jahr 1958.
    Der Abbruch des Kriegerdenkmals in der Schweinfurter Straße, Höhe Raiffeisenplatz, im Jahr 1958. Foto: Archiv Roland Fick/Willi Haag
    Der ehemalige Standort des Denkmals heute, zwischen Metzgerei Lamprecht und Elektro Haag.
    Der ehemalige Standort des Denkmals heute, zwischen Metzgerei Lamprecht und Elektro Haag. Foto: Uwe Eichler

    Im Winter lag noch Schnee, neben der verschwundenen Zehntscheune an der Synagoge (der jetzigen Gemeindebibliothek). An die einst blühende jüdische Gemeinde erinnert der Name "Judenhof" am Burgweg. Die Katholiken hatten mal eine kleine Notkirche in der Gademannstraße, vor dem Bau von St.Bruno in den 50ern.

    "Wie hat sich das Dorf verändert? Welches Gewerbe, welche Gastwirtschaften gab es früher?" All diesen Fragen will Fick nachspüren, ebenso dem Dorfleben von einst, mit Hochzeiten, Einweihungen, Kirchweihen, Umzügen. Es sind eigene Welten, die mit den vergangenen Jahrzehnten die Wern hinuntergeflossen sind. An Stelle der Pizzeria Italo stand bis Ende der 70er Jahre mal ein Konsum-Markt. Konsumgenossenschaften gab es nicht nur in der DDR. "Kaufe ohne nachzudenken schnell unsern Mist" buchstabierte der Volksmund Ost das realsozialistische Label. Im Westen gingen viele marode Läden im Coop-Konzern auf (und der in einem der größten Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik unter).

    "Mach Station bei Texaco" hieß es an der Tankstelle in der Schweinfurter Straße, im Zeichen des Sheriffsterns. Gleich gegenüber lag die berüchtigte "Genickschussbar". Benannt wurde die Gaststätte nach dem Ergebnis des Ausrasters eines eifersüchtigen Ehemanns, eines gebürtigen Spaniers. Aus dem Jahr 1969 gibt es ein Farbfoto von der Straße: Der Dramatische Verein Niederwerrn hatte drei große Reisebusse für einen Ausflug gechartert.

    Roland Fick ist auch weiterhin auf der Suche nach alten Fotos und Ansichtskarten, die er digitalisieren und so "ein Stückchen Heimat" für die Nachwelt erhalten will. Wer über entsprechendes Bildmaterial verfügt, kann sich bei ihm  unter Telefon (09721) 49 85 38 melden. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Das Dörfle an der Wern hat schon öfters bewegte Zeiten gemeistert.

    Reserve hat Ruh: Hier paradiert das lokale Militär, 1922 auf der Festwiese an der Wernbrücke, am Ortsausgang Richtung Oberwerrn.
    Reserve hat Ruh: Hier paradiert das lokale Militär, 1922 auf der Festwiese an der Wernbrücke, am Ortsausgang Richtung Oberwerrn. Foto: Archiv Roland Fick
    Die gleiche Stelle in der Gegenwart - mit dem markanten Turm der evangelischen Dorfkirche.
    Die gleiche Stelle in der Gegenwart - mit dem markanten Turm der evangelischen Dorfkirche. Foto: Uwe Eichler
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