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    SCHWEINFURT

    Aus Matze Rossis Wohnzimmer

    Matze Rossi bei seinem Wohnzimmerkonzert.
    Matze Rossi bei seinem Wohnzimmerkonzert. Foto: Steffen Krapf

    Als Matthias Nürnberger an einem Samstagabend Mitte März seine Gitarre bei Seite legte, war er überwältigt. Der Sänger und Songwriter, der unter seinem Künstlernamen Matze Rossi bekannt ist, hatte gerade einen Live-Auftritt vor mehreren Tausend Zuschauern hinter sich.

    Nur Applaus bekam der gebürtige Schweinfurter nach seinem letzten Stück keinen. Er konnte noch nicht einmal in die Gesichter seines Publikums blicken. Über drei Jahrzehnte Erfahrung in der Musikszene hat Nürnberger bereits auf dem Buckel. Ein reines Online-Konzert aus dem eigenen Wohnzimmer wegen der Corona-Krise war aber auch für ihn absolutes Neuland. „Die Situation war sehr komisch, aber das Konzert der Hammer“, erzählte er.

    Via Livestream über das Internet konnten die Fans dabei sein. Über 6000 waren es insgesamt, die höchste Anzahl, die gleichzeitig live einschaltete waren knapp 1500 User. Das Coronavirus macht Konzertveranstaltungen aktuell unmöglich, der Musiker hat trotzdem einen kreativen Weg gefunden, um mit seinen Fans zusammenzukommen. Unterstützt von Ehefrau Miriam, die auch einige Songs mitsang, spielte der Musiker sich knapp eine Stunde querbeet durch die eigene Discographie. „Die Reaktionen waren krass“, berichtet er. Bis halb drei in der Nacht versuchte er die Vielzahl von Nachrichten zu beantworten. Am Sonntag ging es damit weiter. „Man merkt schon, dass den Leuten gerade ganz einfach die Normalität fehlt, und man sieht, wie wichtig Musik für uns Menschen sein kann“, gibt der 43-Jährige Einblicke in seine Gedankenwelt. Eintritt verlangte er beim Wohnzimmerkonzert aus Schonungen, das in alle Welt übertragen wurde, nicht.

    Auf vielfache Nachfrage im Vorfeld war es aber möglich, den Künstler durch eine Spende zu unterstützen. Er selbst rief aber auch dazu auf, die Spenden lieber an Flüchtlingshilfen zu überweisen. „Ich will mir nicht ausdenken, was in den Flüchtlingslagern in Griechenland und an der türkisch-syrischen Grenze passiert, wenn dort das Virus ausbricht“, warnt er. Egoismus hat in seiner Welt nichts verloren. Dabei hätte der Familienvater gerade selbst genügend Grund zur Sorge. Die Corona-Pandemie könnte viele Musiker die berufliche und finanzielle Existenz kosten. Neben den Eintrittsgeldern bei Live-Konzerten und Touren verkaufen sich auch Platten und Merchandise-Artikel hauptsächlich bei den Live-Auftritten, erzählt Matthias Nürnberger. Konzerte im herkömmlichen Sinn sind erst mal unmöglich – vielleicht für eine lange Zeit. Bis Juni wurden alle seine Auftritte bereits abgesagt. Die Corona-Krise bedroht nicht nur die Musiker selbst, auch die vielen Jobs hinter der Bühne und die Veranstaltungsorte. Die ganze Szene ist bedroht. Nürnberger kann gerade etwas Glück im Unglück verbuchen.

    Seine Live-Tour fand im Februar statt, als noch niemand ahnte, in welch dramatische Zeiten wir uns bewegen. Mit Musik verdient er rund 70 Prozent seines Einkommens – daneben hat er noch eine Anstellung als Dozent an einer Fachakademie für Sozialpädagogik.

    In den Jammermodus verfällt er keineswegs: „Sehr viele Leute melden sich, wie sie mich unterstützen können, damit ich weiter Musik machen kann. Das ist ein schönes Geschenk, dass Menschen so solidarisch sind.“ Der Schweinfurter kommt aus der Punkrock- und Hardcore-Szene – Zusammenhalt ist für ihn elementar. „Wir sind alle gut vernetzt und werden uns, wo es nur geht, unter die Arme greifen“, ist er sich sicher.

    Bevor es irgendwann live vor Publikum weitergeht, kann er den Menschen zumindest den Alltag mit seiner Musik verschönern. „Viele haben mir geschrieben, dass sie meine Lieder jetzt noch einmal in einem anderen Licht sehen und diese ihnen viel Kraft geben.“

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