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    Gerolzhofen

    Die in Gerolzhofen gestrandete Brieftaube ist weitergezogen

    Vor einigen Tagen machte eine erschöpfte Brieftaube in der Stadt Rast und sorgte für Diskussionen. Das Tier hat seine Reise fortgesetzt, aber sein Schicksal ist ungewiss.
    Die gestrandete Brieftaube aus Manching machte ein paar Tage Rast in Gerolzhofen. Das Foto hat Sibylle Gröbl in Gerolzhofen geschossen und der Main-Post zur Verfügung gestellt.
    Die gestrandete Brieftaube aus Manching machte ein paar Tage Rast in Gerolzhofen. Das Foto hat Sibylle Gröbl in Gerolzhofen geschossen und der Main-Post zur Verfügung gestellt. Foto: Sibylle Gröpl

    Normalerweise fallen Tauben in der Stadt nicht weiter auf, denn es gibt sie zuhauf und sie gehören quasi zum Stadtbild. Vor einigen Tagen hat aber ein Taube in Gerolzhofen für Gesprächsstoff gesorgt. Denn das Tier war äußerst zutraulich, hielt sich häufig am Marktplatz auf, um vor einer Bäckerei ein paar Krümel zu picken, und suchte die Nähe der Menschen. Sie lief sogar einmal in den Verkaufsraum der Bäckerei und erweckte laut Zeugenberichten fast den Anschein, als würde sie gerne eine Bestellung aufgeben. Schnell war klar: Eine normale Stadttaube ist das nicht.

    Das Tier wurde fotografiert und in Facebook  wurde darüber diskutiert, was es mit dem Vogel auf sich hat. Da die Taube an ihren Füßen beringt war, war klar, dass sie zu einem Züchter gehören muss. Dank der Kennziffern auf den Ringen konnte die Redaktion der Main-Post Gerolzhofen Kontakt zu dem Eigentümer der Taube aufnehmen, der erklärte, dass es sich um eine Brieftaube handle, die einen Flug zurück in den Heimatschlag nicht vollenden konnte und nun versucht, durch die Zwischenlandung in Gerolzhofen wieder zu Kräften zu kommen.

    Weit vom Weg abgekommen

    Gelänge ihr dies, bestünde die Möglichkeit, dass sie ihren Flug zurück in die Heimat fortsetzt, erklärte der Züchter, der aus Manching in der Nähe von Ingolstadt stammt (Luftlinie Gerolzhofen - Manching: rund 150 Kilometer). Die Brieftaube ist ziemlich weit vom Weg abgekommen, da sie zuvor laut dem Manchinger Züchter mit anderen Artgenossen in der Nähe von Heilbronn (Baden-Württemberg) zu einem Wettbewerbsflug freigelassen wurde, von wo aus die Tiere ihren Rückflug in den Heimatschlag (Luftlinie etwa 170 Kilometer) begonnen hatten.

    Die Hoffnung, dass die Gerolzhöfer Gast-Taube ihren Weg zurück nach Manching noch finden wird, schwindet allerdings immer mehr. Auf erneute Nachfrage der Main-Post erklärte der Züchter am Samstag (20. Juni): "Nein, sie ist nicht angekommen." In Gerolzhofen wurde die Taube ab dem Zeitpunkt 10. Juni regelmäßig gesichtet, hielt sich mehrfach am Marktplatz auf und wurde unter anderem auch im Bauhof von städtischen Mitarbeitern gefüttert. Einfangen ließ sie sich allerdings nicht.

    Erfahrene Brieftauben schaffen bis zu 600 Kilometer

    Zuletzt ward der Vogel in Gerolzhofen nicht mehr gesehen, es liegt also die Vermutung nahe, dass er weitergeflogen ist, aber die Rückreise (noch) nicht geschafft hat. Laut dem Manchinger Züchter "passiert das leider immer mal wieder". Dafür gibt es mehrere Gründe. Er erklärt, dass die Tauben je nach Alter und Erfahrung verschiedene Strecken zurücklegen können. Jungtiere absolvieren seinen Angaben zufolge anfänglich kurze Übungsflüge von rund 60 Kilometern, während ältere Tiere sogar Strecken von bis zu 600 Kilometern Länge zurücklegen können.

    Vor jedem Wettbewerb werden sie "so gefüttert, dass sie den Flug packen können", sagt er. Dass die Rückkehr misslingt, kann unter anderem daran liegen, dass das Wetter umschlägt, dass Greifvögel einzelne Vögel attackieren oder dass sie die Orientierung verlieren. Da sich Brieftauben bei ihren Weitflügen unter anderem am Magnetfeld der Erde orientieren, vermutet der Manchinger Züchter, dass womöglich auch elektromagnetische Wellen, die zum Beispiel von Mobilfunkmasten ausgesendet werden, einen Störfaktor für den Orientierungssinn der Vögel darstellen. 

    Stress für die Brieftauben

    Nach dem ersten Artikel der Main-Post über die Gast-Taube kam in der Leserschaft auch Kritik auf, dass Brieftauben unnötig großem Stress ausgesetzt werden, wenn sie auf lange Wettbewerbsflüge geschickt werden. Es gebe Züchter, die rein auf die Leistung der Tiere aus sind und wenn die Tauben einen Flug nicht schaffen, werden sie eben dadurch aussortiert, lautete der Tenor in einigen Zuschriften an diese Redaktion. Daraufhin hat die Main-Post mit Jasmin Poyotte gesprochen, die in Schweinfurt die Tierschutzorganisation "White Angels" betreibt. Ihr Verein kümmert sich unter anderem um verletzte Stadttauben und auch um gestrandete Brieftauben in Schweinfurt und Umgebung.

    Poyotte setzt sich dafür ein, dass Tauben nicht als "Ratten der Lüfte" diffamiert und als lästige Tiere wahrgenommen werden, denn tatsächlich handele es sich bei diesen Vögeln um intelligente, liebenswerte Geschöpfe, die respektvoll behandelt werden sollten. Über die Brieftaubenzucht, sagt Poyotte, gebe es zwar geteilte Meinungen, aber "wenn man das verantwortungsvoll macht, ist das in Ordnung". Sie habe zu vielen Züchtern in der Region Kontakt und diese hätten ihr bei ihrer Arbeit mit den Schweinfurter Stadttauben auch schon häufig mit ihrem Wissen über Tauben geholfen. Dafür sei sie dankbar. Wichtig sei es, dass Züchter ihre Tiere achten und sich darum kümmern, gestrandete Tiere wieder in den Heimatschlag zurückbringen.

    Verluste werden einkalkuliert

    Allerdings werden die Tiere häufig sich selbst überlassen. "Bei Brieftauben ist es so, dass sie die Strecke von der Auflassung bis zurück zum Heimatschlag auf einem Stück durchfliegen", erklärt Poyotte. "So fliegen sie zum Beispiel die Strecke von hier nach Fulda (Luftlinie rund 70 Kilometer, Anmerkung der Redaktion) oft in 45 Minuten durch. Wäre diese Taube nach spätestens drei Stunden nicht im Heimatschlag, wird sie vom Züchter als Verlust abgeschrieben." Diese Verluste seien einkalkuliert. "Alleine in den letzten zwei Wochen haben wir sieben Brieftauben gemeldet bekommen", teilt sie mit. Bei der gestrandeten Brieftaube aus Gerolzhofen glaubt sie nicht daran, dass sie wieder in ihren Heimatschlag zurückgelangt. Versuche von "White-Angels"-Helfern, sie einzufangen, seien misslungen. "Es kommt vor, das die Tiere wieder zurück finden. Jedoch ist das selten die Regel." In 90 Prozent der Fälle, schätzt sie, bleibt eine gestrandete Brieftaube auf der Strecke. Da diese Vögel - im Gegensatz zu den verwilderten Stadttauben - das Leben in der Wildbahn nicht gewöhnt sind, haben sie wenig Überlebenschancen.

    Der Züchter in Manching versichert, dass ihm seine Taube nicht egal ist. Allerdings müsse er auch abwägen, ob er die Strecke von Manching nach Gerolzhofen fährt (rund 200 Kilometer einfache Strecke), um die Taube abzuholen, die womöglich dann schon wieder weitergeflogen ist, wenn er vor Ort ist. Deswegen habe er darauf gehofft, dass das Tier nach der Zwischenlandung den Weg alleine zurückfindet. Ihm sei aber freilich klar, dass das mitunter nicht klappt. Denn für Greifvögel wie Hühnerhabicht oder Falke seien einzelne Tiere leichte Beute.

    Tote Brieftaube gefunden: Es ist nicht das Tier aus Manching

    Ganz lässt sich das Schicksal der Gerolzhöfer Gast-Taube allerdings nicht klären. In der vergangenen Woche hat sich Main-Post-Leser Peter Backhaus bei der Redaktion gemeldet, er habe eine tote Brieftaube am Straßenrand in Lülsfeld gefunden. Nachdem er den Bericht über die gestrandete Taube aus Manching gelesen hatte, dachte er, dass es sich womöglich um das besagte Tier handle. Er las die tote Taube auf und machte anhand der Kennziffern auf der Beringung den Züchter ausfindig. Dieser stammt aus Sulzbach-Rosenberg (Oberpfalz).

    Die Manchinger Taube ist also womöglich immer noch irgendwo da draußen unterwegs...

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