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    Gernach

    Kurt Pohli: Den Krieg "haben wir als sinnlos erlebt"

    Der Gernacher Kurt Pohli  erinnert sich im Gespräch mit der Main-Post an die schwierige Zeit des Zweiten Weltkriegs und die folgenden Jahre.
    Kurt Pohli (87) schildert seine Erinnerungen an die Zeit im und nach dem 2. Weltkrieg.
    Kurt Pohli (87) schildert seine Erinnerungen an die Zeit im und nach dem 2. Weltkrieg. Foto: Armin Heck-Dressel

    In loser Folge berichten wir darüber, wie die Frauen und Männer in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg die damaligen Herausforderungen bewältigt haben. Anlass: Der Blick auf die damalige Situation soll Mut machen, auch die aktuelle Corona-Krise zu bewältigen - die Krise, die nach Einschätzung von Bundeskanzlerin Angela Merkel die größte Herausforderung für die Gesellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg ist.

    Der Gernacher Kurt Pohli, 87 Jahre alt, hat sich in einem Gespräch mit Elke Dressel an diese Zeit erinnert. Die Mitschrift des Gespräches durch Elke Dressel ist Grundlage dieses Artikels.

    Bombenalarm während des Gottesdienstes

    Die Eltern von Kurt Pohli waren Landwirte mit eigenem Hof. Sein Zwillingsbruder Adolf starb im Alter von neun Monaten; es blieb immer unklar, was letztendlich die Todesursache war. Bei Kriegsende war Pohli 13 Jahre alt. Im Jahr 1941 war sein Großvater gestorben, die Kinder mussten in der Landwirtschaft mithelfen. Der heute 87-Jährige kann sich noch gut an seine Erstkommunion erinnern: Während des Gottesdienstes ertönte der Bombenalarm, da wurde der Gottesdienst unterbrochen und nach der Entwarnung weitergeführt. Während des Gottesdienstes und auch sonst, wenn die Sirenen heulten, suchten viele Gläubige Schutz im Gewölbekeller der Familie Pohli. Das Anwesen liegt in der Nähe der Gernacher Kirche St. Aegidius.

    Damals, im Jahr 1941, gingen zehn Mädchen und fünf Jungen zur Heiligen Erstkommunion. Es waren mehrere Jahrgänge zusammen, Kurts älterer Bruder Walter, Jahrgang 1930, war auch dabei. Zum Erstkommunion-Festessen wurde Schweinebraten aus der eigenen Landwirtschaft serviert, der Käsekuchen zum Kaffee – es gab gekauften Malzkaffee -  wurde aus eigenem Quark hergestellt. "Meine Mutter konnte sehr gut backen" erinnert sich Pohli. Der Taufpate Josef Schüll schenkte eine Armbanduhr, es gab weitere kleine Geschenke aus dem Dorf, aber Geldgeschenke waren selten, denn die Leute waren alle sehr knapp bei Kasse.  

    Viele Nachbarn suchten bei den Pohlis Schutz

    Intensiv ist Kurt Pohli noch die zunehmende Bedrohung durch die vielen Fliegerangriffe auf Schweinfurt in Erinnerung: Sie wurden gegen Kriegsende immer mehr und dauernd musste man Schutz suchen im Keller. Auch wenn der Keller starke Mauern hatte, konnte man doch nie ganz sicher sein, denn einen direkten Treffer hätte das Gewölbe wohl nicht ausgehalten. "Wir waren nie allein in dem Keller, viele Nachbarn suchten bei uns Schutz", erinnert sich Pohli.

    Im Wald gab es viele Bombentrichter. Gernach hatte Glück und bekam keinen Treffer ab. Aber es war knapp: Beim schweren Heidenfelder Angriff fielen laut Pohli Brandbomben bis kurz vor Gernach (Richtung Heidenfeld).

    Angst um die Liebsten

    Große Sorge und Angst kehrten laut dem Gernacher ein, als sein Vater 1944 zur Flugabwehr in den Schwarzwald eingezogen wurde – auf Betreiben des damaligen Bürgermeisters von Gernach, weil sich Pholis Vater offenbar wiederholt kritisch zum damaligen Regime geäußert hatte. Mit der Angst um die Liebsten ging es vielen Gernacher Familien so, denn es blieben viele junge Männer im Krieg und kehrten nicht zurück.

    Der Vater von Kurt Pohli kam in französische Kriegsgefangenschaft in der Nähe von Grenoble, 1947 wurde er entlassen. In der Gefangenschaft hatte er sich die Hand gebrochen, er musste in einer Fabrik unter sehr schlechten Bedingungen arbeiten. Lange Zeit hatten sie keine Nachricht von ihrem Vater – eine Zeit des Hoffens und Bangens. Die Post ließ lange auf sich warten.  

    Mit 14 Jahren – 1946 -  kam Kurt Pohli aus der Schule, es schloss sich der Besuch der Landwirtschaftsschule an, die damals in verschiedenen Ortsteilen stattfand. Allerdings nur an Wochenenden, in einer Klasse waren zwischen 30 und 40 Schüler – ausschließlich junge Männer.  "Unter der Woche mussten wir alle auf dem Bauernhof mitarbeiten. Das einzige Fuhrwerk auf unserem Hof war das Ochsengespann. Mit dem wurde das Heu eingebracht, die Futterrüben und die Garben in die Scheune gefahren, die Kartoffelsäcke im Herbst heimgebracht, und jeden Tag Futter geholt", erinnert sich Kurt Pohli an diese Zeit. Es habe keine Maschinen gegeben, alles musste mit der Hand erledigt werden: das Mähen der Wiesen für das Heu, die Ernte des Getreides und der Kartoffeln.

    Selbstversorger

    Zwei Ochsen, vier Kühe, etwa 15 Schweine, einige Hasen, Hühner, Gänse und Enten waren auf dem Hof der Pohlis. Man war ziemlich unabhängig, was das tägliche Leben anging. Das Essen kam aus dem eigenen Garten und den Feldern. Das Getreide brachte man zur Mühle zwischen Gernach und Unterspiesheim, die damals noch in Betrieb war. Die Kleie wurde an das Vieh verfüttert, das Mehl brachte man zur Bäckerei Schnös, der die entsprechende Menge Brot buk. Nach und nach, je nach Bedarf, konnte man das Brot dann abholen. Alle mussten zusammenhelfen: die Gänse wurden gerupft für das eigene Federbett, beim Schlachten wurde jede Hand gebraucht.

    Die Wohnverhältnisse damals waren eng: Die drei Brüder Gerhard (geboren 1928), Walter (Jahrgang 1930) und Kurt (geboren 1932) teilten sich ein Zimmer, die Eltern teilten ihr Schlafzimmer mit Tochter Maria, die 1937 auf die Welt kam. Kurt Pohlis Tante mütterlicherseits, Alicia, und deren Mann wohnten in einem Zimmer zusammen mit ihren Kindern Horst und Ingrid. Zusätzlich lebte noch ein Ehepaar aus Eger für einige Jahre im Haus der Familie Pohli. 

    Den Krieg als sinnlos erlebt

    Lange hatte Kurt Pohlis Familie noch Kontakt zu einem Helfer aus Solingen, der im gleichen Alter wie Pohli war; er besuchte die Familie auch nach dem Krieg noch öfters, später auch mit seiner Ehefrau. "Insgesamt lebten also zeitweise 14  Personen in unserem Haushalt – es ging ganz schön eng zu, Privatsphäre im heutigen Sinn gab es damals nicht", erinnert sich Kurt Pohli.  Gute Erinnerungen hat Kurt Pohli  noch an den Musikunterricht bei Vinzenz Berchtold: "Das war für mich ein Stück Freiraum", sagt er, genau wie der Fußball. "Es war eine schwere Zeit damals – die Sorgen um unseren Vater waren in unserer Familie immer spürbar – und auch die Trauer um die vielen jungen Männer, die im Krieg, den wir in unserer Familie als sinnlos erlebt haben, ihr Leben lassen mussten, waren ständig präsent", sagt der Gernacher.

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