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    Geldersheim

    Musik-Geragogik: Wie der Spaß am Gesang zur Therapie wird

    Musik mit alten Menschen: Manche Melodien sind tief im Gedächtnis verankert. Werden sie angestimmt, werden Erinnerungen wach. Aber das ist noch lange nicht alles.
    Der Spaß an der Musik ist ansteckend. Musiklehrer Jörg Wiedersich weiß, wie man Melodien und kleine Geschichten so einsetzt, dass sie das Gedächtnis und das Wohlbefinden steigern.
    Der Spaß an der Musik ist ansteckend. Musiklehrer Jörg Wiedersich weiß, wie man Melodien und kleine Geschichten so einsetzt, dass sie das Gedächtnis und das Wohlbefinden steigern. Foto: Helmut Glauch

    So unterschiedlich die Menschen auf diesem Planeten auch sein mögen – alle haben Freude an schönen Melodien und gemeinsamem Gesang. Gleichklang von Körper und Geist, ein harmonisches Leben, in dem der Rhythmus stimmt. Die Sprache ist da recht eindeutig, wenn sie Wohlbefinden ausdrücken will und sich dabei bei Begriffen aus der Welt der Musik bedient.

    Musik selbst ist eine eigene "Sprache", die unabhängig vom Alter Zugang schafft zu anderen Menschen und zum eigenen Ich. Da setzt die Musik-Geragogik an, wie sie von der Musikschule Schweinfurt in diversen Senioreneinrichtungen angeboten wird. Coronabedingt herrschte monatelang musikalische Sendepause, jetzt öffnen sich wieder nach und nach und unter Einhaltung strenger Hygieneregeln die Tore der Wohnheime. In St. Martin in Geldersheim war jetzt erstmals wieder Gelegenheit für ein einstündiges musikgeragogisches Angebot, das weitaus mehr ist als gemeinsam das "Kufstein-Lied" zu singen und dabei in Erinnerungen zu schwelgen.         

    Melodien, Gedichte und viele Erinnerungen 

    Die unverwüstliche Melodie von "Horch, was kommt von draußen rein" wird zum Auftakt zu "Heute wird Musik gemacht". Das "Holla Hi, Holla ho", kommt nach kurzem Zögern schon von alleine. Eine tief im Gedächtnis verankerte Melodie wird so zum Aufwärmer für diese von Diplom-Musiklehrer Jörg Wiedersich geleitete Stunde "Musik, Bewegung und Erinnerungsarbeit". Das gute halbe Dutzend Damen, die an dieser wegen einzuhaltender Abstände ersten kleineren Gruppe teilnehmen, haben bereits ein Lächeln im Gesicht. Lange mussten sie auf diese einmal wöchentlich stattfindende beschwingte Stunde verzichten.

    Melodien sind das eine, doch Jörg Wiedersich hat mehr zu bieten. Die Hände zum Himmel, Mitklatschen, auch mal mit den Füßen trampeln und immer darauf achten, dass nicht nur die Stimmbänder in Schwung kommen. "Welcher Tag ist heute?", streut er ein, beschwört mit kleinen Gedichten, zum Beispiel von der Kirschernte oder vom Wandern, bunte Erinnerungsbilder und will Wissen, wie hoch denn eigentlich die Zugspitze ist.        

    Erinnerungen wachrufen, positiv besetzte Lebensereignisse ansprechen und das ganze mit Musik garnieren. So werden die Teilnehmerinnen körperlich und geistig aktiviert. "Selbst bei demenzkranken Menschen kann Musik stabilisierend wirken und einen Beitrag zum Erhalt der Lebensfreude leisten", weiß der erfahrene Musikpädagoge.   

    Als Jörg Wiedersich dann seinen Wanderhut aufsetzt, gemeinsam in der Fantasie mit den Seniorinnen den Wanderrucksack packt und seinen Wanderstock herausholt, kommen sie gleich in Serie, diese Schlüsselreize, diese Erinnerungen als man selbst noch mit Stock und Hut in Wald und Flur und in den Bergen unterwegs war. Übervoll mit Stocknägeln, diesen kleinen Erinnerungs-Plakettchen, die die Wanderstöcke verdienter Wanderer zieren, ist auch sein Wanderstock. Kloster Ettal, der Kreuzberg in der Rhön, Oberammergau – der Stock war schon überall und teilt an diesem Vormittag seine Erinnerungen mit den Heimbewohnern.     

    Dazu passen hervorragend die Lieder vom Vater, der ein Wandersmann war und vom Hut, der drei Ecken hat. Als die virtuellen Wanderer und Sänger dann in Kufstein, der "Perle Tirols" ankommen und beim Jodel-Refrain die Hände zum Himmel heben, kommt schon beinahe so etwas wie zarte Bierzeltstimmung auf. Was nach Stimmung ausschaut, hat aber einen tieferen Sinn. "Das Gedächtnis und die Konzentration werden trainiert, Körperkraft und Motorik gestärkt und koordiniert." Die Wissenschaft geht davon aus, dass Menschen bis ins hohe Alter lernfähig sind. Musikgeragogische  Arbeit mit ihrem bunten Mix aus guter Laune und Konzentration setzt genau dort an.  

    Seniorengerechtes musikalisches Angebot

    "Die Senioren kommen gerne zur Musik-Geragogik, freuen sich darauf, haben sie all die Monate vermisst", so auch die Einschätzung von Gerontofachkraft Ursula Dürmeier vom Alten- und Pflegeheim St.Martin in Geldersheim. Sie ist genauso wie Andrea Schärringer, musikpädagogische Leiterin der Musikschule in Schweinfurt, vom Wert dieser seniorengerechten musikalischen Angebote überzeugt.   

    Als nach einer knappen Stunde mehrsprachig und nach dem Motto "Au revoir, goodbye und auf Wiedersehen" der Abschied naht, ist der Spaß an dieser musikalischen Reise den Damen förmlich anzusehen. "Bis nächsten Mittwoch", winkt eine alte Dame beim Hinausrollen. Die nächste Gruppe wartet schon.   

    Informationen zur Musik-Geragogik bei der Musikschule Tel. (09721) 51599 oder musikschule@schweinfurt.de

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