• aktualisiert:

    SCHWEINFURT

    Wie ein Museum zum Verschiebebahnhof wird

    Kultur in Zeiten der Corona-Pandemie: In den Schweinfurter Museen ziehen die Besucherzahlen nach der Corona-Pause wieder an. Die Folgen werden aber noch einige Zeit bemerkbar sein.
    Mit Maske ins Museum: Dieser Besuchergruppe hier im Museum Georg Schäfer macht das nichts aus.
    Mit Maske ins Museum: Dieser Besuchergruppe hier im Museum Georg Schäfer macht das nichts aus. Foto: Anand Anders

    Wolf Eiermann hat seit kurzem einen neuen Titel. Der wurde dem Leiter des Museums Georg Schäfer nicht verliehen. Er hat ihn sich selbst gegeben. Aus der Not. Und um trotz Corona weder Mut noch Humor zu verlieren: „Ich bin nicht mehr Museumsleiter, sondern Stationsvorsteher eines Verschiebebahnhofs“, sagt er mit einer Mischung aus Heiterkeit, Verantwortungsbewusstsein und so etwas wie Galgenhumor.

    Seit kurzem hat das Museum Georg Schäfer wieder geöffnet. Langsam kommen die Leute wieder. 60 Prozent der sonst üblichen Besucher sind da, sagt Eiermann im Gespräch Anfang Juni. Nach der Wiedereröffnung nach dem Corona-Stillstand waren es erheblich weniger, nur gut 20 Prozent, schätzt Eiermann. 2019 schauten sich 49 832 Menschen das Museum an. Eine Zahl, auf die er stolz ist.

    Gruppenbuchungen fehlen

    Was schmerzlich fehlt, sind die Gruppen, die quasi zum Stammpublikum gehören. Zu neuen Ausstellungen kommen kunstinteressierte Gruppen auch von weiter her. Auch in vielen Volkshochschulprogrammen sind Ausflüge ins Museum Georg Schäfer schon immer Standard. Aber Busausflug, in größeren Gruppen unterwegs? Geht nicht in Corona-Zeiten. „Wir hatten gute Gruppenbuchungen für die laufende Ausstellung Talent kennt kein Geschlecht. Malerinnen und Maler der Romantik auf Augenhöhe“, sagt Eiermann. Der Wegfall trifft auch die Führerinnen und Führer, die die Besuchergruppen durch die Ausstellungen begleiten: Ihnen fehlt ihre Einnahmequelle. Wolf Eiermann treibt aber noch etwas um zur Zeit: Auf Grund der fehlenden Gewerbesteuereinnahmen hat die Stadt einen strengen Sparkurs verordnet. Virus und Einsparungen unter einen Hut zu kriegen, das ist nicht einfach, sagt Eiermann. Zumal ja auch die Besucherzahlen schließungsbedingt zurückgingen.

    Eine große Mannschaft

    Eiermann hätte übrigens am Anfang nicht gedacht, dass sein Museum schließen muss wegen Corona. Es ist groß, gut durchlüftet, hat hohe Räume. Aber, es gab keine Ausnahmen. In zwei Teams wurde gearbeitet, vieles im Homeoffice gemacht. Die Corona-Krise hat dem Musemschef etwas klar gemacht: Er ist zwar offiziell nur für sieben Mitarbeiter zuständig. Aber von seinem Handeln hängen weit mehr ab, nämlich 65. Reinigung, Sicherheit, Aufsicht: Diese Bereiche sind ausgegliedert, outgesourct oder freiberuflich wie die Führer. Wie fast überall im Feld Kultur sieht es auch im Museumsbereich oft schlecht für Freiberufler aus. Nicht jeder bekommt staatliche Unterstützung.

    Für Eiermann zeigt das Ganze aber auch eines: Im Kulturbereich spielt sich vieles unter der Wasseroberfläche ab. Sprich: Viele Leute sind involviert, die man auf den ersten Blick gar nicht sieht. „Unter Wasser ist der Motor.“

    Aber zurück zum Verschiebebahnhof. Alle Museen haben jetzt ein Problem. Wollen sie bestehende Ausstellungen verlängern, zum Beispiel, weil sie coronabedingt lange nicht zu sehen war, wollen sie natürlich die Werke behalten, die als Leihgaben aus anderen Häusern kommen. Auf die können aber schon wieder andere Museen warten, die die Bilder schon seit längerem für eine Ausstellung eingeplant haben. Oder eine Ausstellung soll nacheinander in zwei Museen laufen.

    Im Wettbewerb mit anderen Häusern

    Verzögerungen in einem wirken sich auf das andere aus. Wie im Bahnverkehr eben. Deswegen hat Eiermann in der letzten Zeit sehr viel telefoniert. Dazu kommt noch, dass man in der Regel zwei Jahre vorausplant, wenn man Ausstellungen plant, Werke leihen möchte. Und: „Wir stehen im nationalen und internationalen Wettbewerb.“ Die laufende Ausstellung „Talent kennt kein Geschlecht. Malerinnen und Maler der Romantik auf Augenhöhe“ wird bis zum 12. Juli verlängert. Und dann? Wahrscheinlich kommt erst im Herbst eine neue Sonderausstellung. Nächstes Jahr könnte eine Ausstellung über frühe Fotografie gezeigt werden. Ein weitere Baustein, um zusammen mit der Dauerausstellung das 19. Jahrhundert zu behandeln. Und zu bewerten.

    Im 19. Jahrhundert wurde „die Beziehungskiste gezimmert, in der wir leben“, sagt Eiermann. Das heutige Verständnis von Ehe und Familie stammt aus dieser Zeit. „Im 19. Jahrhundert wurden grundlegende Entscheidungen getroffen“, sagt Eiermann. „Sobald eine Krise kommt, fallen wir zurück“, meint er und fragt provokant: „Ganz ehrlich, sind wir im neuen Biedermeier?“

    Durch Corona finden sich Frauen wieder in den tradierten Rollen wieder, sind für Kinder, Familie, Haushalt zuständig. Er lädt dazu ein, in der laufenden Sonderausstellung die Brüche, die Schicksale der Künstlerinnen zu sehen, den modernen Frauentypus. Einige waren finanziell richtig erfolgreich. Es gibt aber auch Bilder hochtalentierter Malerinnen zu sehen, die sich von ihrer Mutter verächtlich „Kunstmamsell“ nennen lassen mussten. Von vielen talentierten Malerinnen hat man nichts mehr gehört, nachdem sie geheiratet haben. Es gibt aber auch Frauen, die sich vor dem Jawort ausbedungen haben, weiter malen zu können als verheiratete Frau.

    „Wir sind so froh, dass das Museum wieder auf hat.“
    Anna Spor, Besucherin im Museum Georg Schäfer

    Auch mal wieder eine andere Seite sehen. Nachdenken. Als Ausgleich zu Zwängen und Mechanismen im jetzt in eine andere Welt tauchen: Das treibt Leute an, die in ein Museum gehen, ist Eiermanns Erfahrung.

    Wer Hunger auf Kunst hat, lässt sich auch nicht von Hygienekonzept, sprich Einbahn-Regelung für die Besucher im Haus oder Mund-Nasen-Schutzpflicht abhalten. „Wir sind so froh, dass das Museum wieder auf hat“, sagt Anna Spor. Sie ist Mitglied bei den Museumsfreunden Münnerstadt, Museums-Besuche gehören jetzt wieder langsam zum Alltag für die Mitglieder. Masken? Für sie und ihre kleine Gruppe kein Problem. „Man hat ja verschiedene, da kann man schauen, dass man sich wohlfühlt.“

    Die Ausstellung „Talent hat kein Geschlecht“ hat ihr gut gefallen. Besonders gefallen ihr die Bilder von Luise Seidler. „Sie malt richtig toll.“ Sie will auf jeden Fall noch mal wieder kommen. „Das muss man sich mehrmals anschauen.“ Bevor sie wieder zu ihrer Gruppe stößt, hat sie noch eine Rückmeldung an den Museumsleiter: Die Bemerkungen zur Provenienz, die seit nicht allzu langer Zeit an einigen Bildern hängen, gefallen ihr gut. „Das zeigt Bewusstsein.“ Kunst ist zurück: Mit diesem Satz, gedruckt auf eine bananengelbe Karte, der Markenzeichenfarbe des Hauses, meldete sich die Kunsthalle nach der Corona-Schließung zurück bei Stammkunden, Partnern, Veranstaltern. 1500 Adressen sind im Verteiler, die Botschaft ging an einen großen Kreis, sagt Jan Soldin, zuständig auch für die Öffentlichkeitsarbeit.

    Ein Lebenszeichen der Kunsthalle

    „Die Leute haben sich über ein Lebenszeichen von uns gefreut“, meint Soldin. „Seit dieser Woche haben sich die Besucherzahlen normalisiert“, sagt er am 17. Juni. Am Anfang, als auch die Kunsthalle wieder öffnen konnte, haben sich die Leute wohl noch nicht so recht getraut, rauszugehen. Um so schöner, dass beim ersten eintrittsfreien Donnerstag nach der Wiedereröffnung 130 Leute kamen. „Schön aufgeteilt in Morgen, Mittag, Abend.“ Auch die Sonntagsführungen, natürlich mit Masken und Abstand, seien gut angenommen worden.

    Das Kunsthalle-Team hat eine Erfahrung gemacht, die viele während der Corona-Zeit gemacht haben. „Der Laden ist schnell zugemacht“, so Soldin. „Aber das Hochfahren ist schwierig. Eine offene Tür allein reicht nicht. Die Leute wollen an die Hand genommen werden.“ Deswegen soll auch das Veranstaltungsprogramm in der Kunsthalle wieder anlaufen, werden Führungen angeboten. „Wir kommen gut klar mit den Regelungen“, findet Soldin. Das gelte auch für die Besucher. Die Leute seien zwar stellenweise etwas verunsichert, was geht, wo man eine Maske braucht und wo nicht aber: „Sie kommen.“ Bis 5. Juli läuft die Ausstellung Lich T raum von Ludger Hinse. Am 26. Februar ist sie gestartet, kurz vor der Schließung. Schade, dass sie lange nicht zu sehen war, meint Soldin. Aber die Lichtinstallationen sind „eine gute Sache zum Wiedereinstieg“.

    Ausführliche Informationen über die Führungen und das Veranstaltungsprogramm gibt es im Internet unter www.kunsthalle-schweinfurt.de bzw. www.museumgeorgschaefer.de

    MGS-Museumsleiter Wolf Eiermann: Die Sonderausstellung „Talent kennt kein Geschlecht“ wird bis zum 12. Juli verlängert.
    MGS-Museumsleiter Wolf Eiermann: Die Sonderausstellung „Talent kennt kein Geschlecht“ wird bis zum 12. Juli verlängert. Foto: Anand Anders
    Coronabedingt gibt es im Museum Georg Schäfer neue Regeln, darunter auch ein Einbahn-System.
    Coronabedingt gibt es im Museum Georg Schäfer neue Regeln, darunter auch ein Einbahn-System. Foto: anand Anders
    Die Kunsthalle meldet sich plakativ zurück.
    Die Kunsthalle meldet sich plakativ zurück. Foto: Susanne Wiedemann
    Werke von Ludger Hinse sind in der Kunsthalle noch bis Anfang Juli in der Großen Halle zu sehen.
    Werke von Ludger Hinse sind in der Kunsthalle noch bis Anfang Juli in der Großen Halle zu sehen. Foto: Peter Leutsch
    Zwei Mal wöchentlich bequem per E-Mail:
    Abonnieren Sie jetzt den kompakten Schweinfurt-Newsletter!

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!