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    Würzburg

    1945: Als Würzburger für die „Amis“ spielten

    Ein amerikanischer Soldat steht 1945 vor dem „Varga Club“ in der Hindenburgkaserne. Foto: Sammlung Alexander Kraus

    Nach jahrelangem Krieg war endlich Frieden. Über das ganze Gesicht strahlend steht auf einem Foto aus dem Herbst 1945 ein amerikanischer Soldat vor dem „Varga Club“ in der Zellerauer Hindenburgkaserne. Der GI, der auf ein gemaltes Pin-up-Girl zeigt, gehörte zu den Siegern, die seit dem 6. April 1945 in Würzburg regierten. An Bars und Clubs, in die nur sie durften – und natürlich deutsche „Fräuleins“ als Begleitung – herrschte in der fast völlig zerstörten Stadt kein Mangel.

    Eine weitere Ausnahme machten die Besatzer damals: Auch die Mitglieder deutscher Kapellen hatten Zutritt zu den Bars – falls sie das Richtige boten. „Gespielt wurde ausschließlich amerikanische Musik von ‚Sentimental Journey’ bis ‚Don’t Fence me in’, erinnerte sich der spätere Steuerberater Franz Kunz: „Mit einer Ausnahme: Das bei den Amerikanern ,Beer Bottle Polka' genannte Stück ‚Rosamunde’“. Von Kriegsende bis 1960 leitete Kunz, der Akkordeon und Kontrabass spielte, eine Würzburger Kapelle, die zeitweise auch außerhalb der Stadt auftrat.

    „Gespielt wurde ausschließlich amerikanische Musik"
    Franz Kunz - damals Musiker

    Die Notenblätter kamen vom ‚Special Service“ am Wittelsbacherplatz, wo auch die Einsatzorte festgelegt wurden. Franz Kunz, der 2013 im Alter von 89 Jahren starb, berichtete kurz vor seinem Tod von den Auftritten in den US-Bars. „Jeder einzelne von uns wurde allabendlich mit riesigen Trucks von den Amerikanern zu Hause abgeholt und zur Arbeitsstelle gefahren“, sagte er damals. „Mitten in der Nacht wurden wir auf die gleiche Weise wieder nach Hause gebracht.“

    In den Pausen gab es für die hungrigen deutschen Musiker typisch amerikanische Verpflegung: Weißbrot, das weich wie Watte war, mit einem Belag von Rühreiern und Ketchup. Während sich der deutsche Otto Normalverbraucher noch lange nach Kriegsende mit dünnem Bier zufrieden geben musste, bekamen die US-Clubs eigens für sie in Stuttgart gebrautes „richtiges“ Bier geliefert. Kunz: „Die Gäste spendierten den Musikern gerne einmal eine Runde, so dass wir auch in dieser Hinsicht privilegiert waren.“

    Finanziell lohnte sich die Sache für Kunz und seine Mitmusiker sowieso

    Finanziell lohnte sich die Sache für Kunz und seine Mitmusiker sowieso. „Es gab einen Stundenlohn von sieben Mark pro Instrument, das einer spielen konnte. Ein Musiker, der also zwei Instrumente beherrschte und an einem Abend drei Stunden auftrat, erhielt hierfür 42 Mark. Als Kapellmeister bekam ich das Doppelte, so dass mein Stundenlohn 28 Mark betrug.“

    Der Leiter holte die Gage einmal monatlich per Fahrrad in Giebelstadt ab, wo sich das Besatzungskostenamt befand. Denn: Bezahlen mussten die musikalische Unterhaltung die Deutschen. Manchmal gibt es auch Zigaretten und Tabak als Entlohnung – in der damaligen Zeit noch wichtiger als das immer mehr im Wert verlierende Geld.

    Franz Kunz (vorne mit Akkordeon) spielte in den Jahren nach 1945 mit seiner Kapelle häufig in amerikanischen Bars. Foto: Franz Kunz

    Existierten unmittelbar nach Kriegsende auch noch keine Vergnügungslokale für Deutsche in Würzburg, so mussten diese doch nicht ganz auf Musik verzichten. Im Sommer genehmigte die Militärregierung die Bildung eines Stadtorchesters, das am Sonntag, 12. August, vor dem Stadthaus (heute Studentenhaus) ein Standkonzert gab. Überhaupt taten die von den Besatzern eingesetzte Stadtverwaltung und die Militärregierung einiges, um in der Trümmerstadt für gelegentliche Abwechslung zu sorgen. Am 19. August fand beispielsweise auf dem Platz an der Frankfurter Straße ein erstes Fußballspiel statt.

    Diese kleinen Ablenkungen aus dem tristen Trümmer-Alltag mit langen Schlangen vor den wenigen Verkaufsstellen und geschlossenen Schulen waren freilich nicht zu vergleichen mit dem bunten Leben der Amerikaner. Franz Kunz erinnerte sich: „Wir spielten im Offiziersclub im Bürgerbräu in der Frankfurter Straße, im Unteroffiziersclub am Neunerplatz, auf der ‚Wittelsbacher Höh’ im Club der Militärpolizei, im Waldhaus im Steinbachtal und im Ärzteclub, der sich in einer Villa in Mariannhill befand.“ Manchmal engagierte Kunz weitere Musiker, so dass teilweise bis zu zwölf Mann auf der Bühne standen.

    Das Waldhaus des Verschönerungsvereins hatte eine wechselvolle Vergangenheit hinter sich

    Das Waldhaus des Verschönerungsvereins hatte eine wechselvolle Vergangenheit hinter sich, als die Würzburger dort für die „Amis“ spielten. Es war von den Nationalsozialisten für den Reichsarbeitsdienst beschlagnahmt worden, ab 1939 Hotel und Gaststätte und schließlich bis Kriegsende Lazarett. Die Amerikaner blieben bis 1956; danach war das Gebäude bis 2013 erst Produktionsstätte und dann nur noch Hauptverwaltung der Kneipp-Heilmittelwerke.

    Ebenfalls außerhalb der zerstörten Innenstadt lag die Frankenwarte, die gleichfalls von den Amerikanern beschlagnahmt worden war und nun unter anderem als Offiziersclub diente. Ein weiteres Foto aus dem Jahr 1945 zeigt drei GIs mit ihrem Jeep auf der Straße von der Frankenwarte zum Schützenhof. Einer lehnt lässig an der Motorhaube des „Ramrod“, ein Militärpolizist mit „MP“ (Military Police) auf der Armbinde steht breitbeinig daneben und der dritte hat spielerisch seine Pistole gezückt. Mit uns ist nicht zu spaßen, sollte das wohl zeigen. Die Warnung war nicht nur an Deutsche gerichtet, sondern durchaus auch an anderen GIs.

    Die Militärpolizei spielte in den ersten Nachkriegsmonaten eine wichtige Rolle

    Tatsächlich spielte die amerikanische Militärpolizei in den ersten Nachkriegsmonaten eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der Ordnung in Würzburg. Zwar wird von einzelnen Vergewaltigungen durch US-Soldaten berichtet, doch taten die Besatzer viel, um solche und andere Verbrechen zu verhindern.

    Ende April 1945, als der Krieg noch nicht beendet, aber Würzburg bereits erobert war, erschoss ein Militärpolizist einen amerikanischen Soldaten auf der Flucht, nachdem dieser in ein Haus in Würzburg einbrechen wollte. Am 3. Mai 1945 wandte sich der von den Besatzern eingesetzte Oberbürgermeister Gustav Pinkenburg an die in der Stadt verbliebenen Bürger. Zwar gab es zu diesem Zeitpunkt noch eine strenge nächtliche Ausgangssperre, doch diese könne „bei Einbrüchen, Plünderungen oder Notzucht“ gebrochen werden, schrieb der OB. Pinkenburg empfahl Zeugen des Geschehens, auf der Straße laut „M Pi“ zu rufen und so die Militärpolizei auf den Vorgang aufmerksam zu machen.

    Drei GIs auf der Straße zwischen Frankenwarte und Nikolaushof. Einer gehört der Militärpolizei (MP) an, ein anderer hat spielerisch seine Pistole gezückt. 1945, als das Foto entstand, waren die Amerikaner in Würzburg nicht nur Besatzungs-, sondern auch Ordnungsmacht. Foto: Sammlung Alexander Kraus

    In beträchtliche Gefahr geriet im Sommer 1945 auch der 40-jährige Michael Meisner, seit kurzem Landrat und später Herausgeber der Main-Post. Um seinen Dackel auszuführen, setzte er sich über das nächtliche Ausgehverbot hinweg und wurde prompt in der Salvatorstraße von zwei betrunkenen GIs angehalten, die Maschinenpistolen umhängen hatten. Sie verlangten von Meisner, ihnen „Fräuleins“ zu verschaffen; der weigerte sich, wie er in seinen Memoiren „Bekenntnisse eines Außenseiters“ schrieb, wurde verprügelt und konnte sich mit Müh und Not in sein Haus retten, während die beiden hinter ihm her schossen.

    In Zeiten der materiellen Not und des akuten Mangels an jungen deutschen Männern ließen sich tatsächliche viele deutsche Mädchen mit Amerikanern ein. Das hatte den Vorteil, dass sie das breite Unterhaltungsangebot für die GIs mit wahrnehmen konnten. Allerdings führte das allzu freie Verhalten aber auch zu einem bedeutsamen Anstieg der Geschlechtskrankheiten.

    „Respektloses Verhalten gegenüber der amerikanischen Besatzungsbehörde“ gab 30 Tage Haft

    In der Besatzungszeit meldete der Polizeibericht regelmäßig die Festnahme herumstreunender deutscher Mädchen, von denen ein Teil der „Zwangsheilung“ zugeführt werden musste. Das heißt: Sie waren geschlechtskrank. Von Januar bis November 1945 traten in Würzburg 505 Fälle von Geschlechtskrankheiten auf, schreibt Herbert Schott in seinem Buch über die Amerikaner als Besatzungsmacht in Würzburg.

    Die Militärpolizei und das Militärgericht für Stadt und Landkreis Würzburg waren auch dafür verantwortlich, das Verhalten der Würzburger zu kontrollieren und sie zur Rechenschaft zu ziehen, falls sie die strengen Maßregeln in der unmittelbaren Nachkriegszeit missachteten. Am 2. August 1945 zitierte OB Pinkenburg beispielsweise in einem an alle Bürger verteilten Wurfzettel Urteile des Militärgerichts. „Respektloses Verhalten gegenüber der amerikanischen Besatzungsbehörde“ wurde demnach mit 30 Tagen Gefängnis geahndet.

    Manche Clubs und Bars schlossen schon nach kurzer Zeit wieder

    Die Landschaft der amerikanischen Clubs und Bars in Würzburg war in den ersten Nachkriegsjahren unübersichtlich. Manche schlossen schon nach kurzer Zeit wieder, andere, etwa in den Leighton Baracks am Hubland, wurden beständig ausgebaut. Einen besonders glamourösen Namen trug die „Carnegie Hall“ in der Mergentheimer Straße, die 1948 noch existierte. Am 30. Oktober diesen Jahres kündigte der „Würzburg Post Argus“, die Zeitung der Besatzungsmacht, eine Halloween-Party mit Büffet, Spielen, Preisen und Tanz an. Eintritt: ein Dollar pro Person.

    Später, als in Würzburg wieder jede Menge Kneipen, Bars und Diskotheken aufmachten, frequentierten die Amerikaner natürlich auch diese. Der Offiziersclub im Waldhaus wurde geschlossen; heute sind hier unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht. Auch den „Varga Club“ und die Hindenburgkaserne gibt es schon lange nicht mehr. Hier ist die neue Feuerwehrschule mit ihrem die Umgebung weit überragenden 40 Meter hohen Übungsgebäude entstanden.

    Im Jahr 2008 haben die Amerikaner haben ihre Würzburger Garnison endgültig geschlossen. Damals machten auch die letzten noch vorhandenen Bars und Restaurants in den Leighton Barracks dicht.

    Bearbeitet von Roland Flade

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