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    Würzburg

    1962: Dieter Haase - der Spion, der sich liebte

    Bis heute streiten sich die Experten: War der Würzburger Jurastudent Dieter Haase ein Wanderer zwischen den Welten - oder ein Spinner ? Eine bizarre Geschichte aus dem Archiv. 
    Der Kampfkraft der Bundeswehr in Würzburg, Hammelburg und Tauberbischofsheim galt das Interesse des Stasi-Spions 'Wiking'. Der Hauptmann der Reserve nutzte prominente Konservative, um an Informationen zu kommen.
    Der Kampfkraft der Bundeswehr in Würzburg, Hammelburg und Tauberbischofsheim galt das Interesse des Stasi-Spions "Wiking". Der Hauptmann der Reserve nutzte prominente Konservative, um an Informationen zu kommen. Foto: Privat/Archiv Main-Post

    Die Geschichte des Würzburger Jurastudenten Dieter Haase ist eine der skurrilsten im Ringen zwischen Ost und West während des Kalten Krieges, als es um die Beschaffung geheimer Informationen ging. Dem Juraprofessor Friedrich August von der Heydte muss sie wie ein zynischer Fußtritt der Geschichte vorgekommen sein: Der Würzburger Staats- und Völkerrechtler galt unter Konservativen als Legende, seit er 1962 aus Sorge um den Verrat von Bundeswehr-Geheimnissen mit einer Strafanzeige die "Spiegel-Affäre" um Geheimnisverrat und Pressefreiheit los getreten hatte. Ausgerechnet von der Heydte öffnete fast gleichzeitig seinem Schüler Haase, einem  Stasi-Spion, die Türen bei der Bundeswehr in Unterfranken

    Würzburger Jurist bracht die Spiegel-Affäre ins Rollen

    Staatsrechtler von der Heydte glaubte, sein Vaterland zu schützen, als er 1962 Rudolf Augstein, Herausgeber des "Spiegel" anzeigte: Das Nachrichtenmagazin hatte detailliert über das Nato-Manöver "Fallex 62" berichtet. Mit der Anzeige brachte der Würzburger Jurist die Affäre um Pressefreiheit ins Rollen.

    Doch gleichzeitig nährte er - ohne es zu wissen - "eine Natter an seiner Brust", wie fast sechs Jahrzehnte später der Stasi-Forscher Helmut Müller-Enbergs urteilt: Seit 1961 habe der inoffizielle Mitarbeiter "Wiking" bereits von Gerbrunn bei Würzburg aus der Stasi brisante Details über Nato-Manöver wie "Fallex 62" geliefert.

    Eine Aufnahme vom Oktober 1993: Jurist, Politologe und Publizist Dieter Joachim Haase. 
    Eine Aufnahme vom Oktober 1993: Jurist, Politologe und Publizist Dieter Joachim Haase.  Foto: dpa

    Der inoffizielle Mitarbeiter (IM) "Wiking" war - wie sich 1970 herausstellte - Dieter Joachim Haase: Reserveoffizier, Jurastudent und Assistent des Professors und Ritterkreuzträgers von der Heydte. Als der Agent - nicht durch erfolgreiche Spionageabwehr enttarnt, sondern verraten von seiner Ex-Frau  - aufflog, tat ihn mancher als Spinner ab.

    Umfangreich bei der Bundeswehr in Unterfranken spioniert

    Doch die Unterlagen der Bundesbeauftragten für die Stasi-Akten zeigen: Über die 12. Panzerdivision in Veitshöchheim (Lkr. Würzburg) lieferte kaum ein Spion so umfangreiches Material wie von der  Heydtes Assistent: Von Wehrübungen in Veitshöchheim, aus der Kampftruppenschule Hammelburg oder im neu aufgestellten Divisionsstab in Tauberbischofsheim ließ Haase reihenweise Material mitgehen. Seine 20-jährige Freundin, Codename "Walküre", und später eine andere Frau aus seinem Umfeld ("Weißdorn") schafften Papiere und Mikrofilme nach Berlin.

    Der Jurastudent, der 1961 nach Würzburg gekommen war, galt als Lebemann und Frauenliebling. Vor  seinem Vermieter und vor Bekannten soll er geprahlt haben, er sei für fünf verschiedene westliche Geheimdienste tätig. Und offenbar schien sich niemand zu wundern, womit der Student sein flottes Leben bezahlte oder wovon er zwei Wohnsitze in Gerbrunn und Hannover bestritt.

    Haase gab sich erfolgreich den Anschein, von strammer rechter Gesinnung zu sein, wurde Mitglied bei der CSU und suchte immer engeren Kontakt zu Juraprofessor von der Heydte. Der war Brigadegeneral der Reserve. Allein sein Name genügte, um dem Stasi-Spion Haase bei der Bundeswehr Tür und Tor zu öffnen.

    Bei Wehrübung spioniert

    Haase ließ sich bei der neu gegründeten 12. Panzerdivision eifrig zu Wehrübungen einziehen. Den Professor überredete er, ihn mit einer Doktorarbeit zum Thema "Die Nato als Subjekt im Kriegsvölkerrecht" zu beauftragen. 1966 wechselte er das Thema - offenbar, weil sich das Interesse seiner DDR-Auftraggeber gewandelt hatte. Nun recherchierte Haase ausgerechnet über den "Verdeckten Kampf", den Krieg der Agenten, Saboteure und Partisanen, wozu die psychologische Kriegsführung der Bundeswehr gehörte.

    Das verschaffte dem Doktoranden Zugang zu vertraulichen Papieren, angeblich für seine Forschung. Die 12. Panzerdivision in Veitshöchheim, bei der es Haase zum Hauptmann der Reserve brachte, galt damals als eine Speerspitze der Nato gegen den Feind aus dem Osten und begehrtes Ziel der DDR- Nachrichtenoffiziere.

    Haase lieferte, was ihm in die Finger kam, teilweise Material, das die Stasi-Auswerter als "sehr wertvoll" beurteilten: wie sich die Bundeswehr vor atomaren, chemischen und biologischen Angriffen schützen wollte, wie geheime Nato-Übungen (Fallex 62 und 64) verliefen oder was die Kanonen der Division taugten.

    Auf Abstand zum Spion

    Dafür kassierte der Spitzel allein von 1961 bis 1965 rund 65 000 Mark, wie der Historiker Helmut Müller-Enbergs aus Stasi-Akten berichtet. Am Gründonnerstag 1970 dann trauten die Gerbrunner Nachbarn ihren Augen nicht: Haase wurde in Handschellen abgeführt.

    Nun bemühte sich sein Mentor von der Heydte heftig, Abstand zwischen sich und seinen Musterschüler zu bekommen. "Ich hoffe nicht, dass Sie die Tatsache, dass Sie mein Doktorand sind, dazu benutzt haben, um sich ohne mein Wissen auf mich zu berufen", schrieb von der Heydte reichlich naiv an den Untersuchungshäftling. "Ich hatte Bedenken, Haase zum Geheimnisträger zu machen", versicherte er damals dieser Redaktion.

    Bald darauf hatte "der Spion, der sich liebte" - so nannte ihn eine frühere Bekannte in Anlehnung an den bekannten Film-Titel - seinen großen Auftritt vor Gericht. "Besonders schwerer Fall von fortgesetztem Landesverrat", urteilte das Gericht über den Spion, der mit einem überdimensionalen Kreuz um den Hals zum Prozess erschienen war. Haase bezeichnete sich als "Jesus Christus Mohammed" und lehnte das Gericht wegen angeblicher Befangenheit ab.

    Ein Buch des Spions

    Doch die Masche des vermeintlichen Spinners half ihm nichts: Im Mai 1976 wurde Dieter Haase zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. Nach dem Mauerfall schrieb IM "Wiking" ein Buch  zu seinem Fall: "Mein Name ist Haase, ich weiß ... zu viel!?".

    Historiker aber, die zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte nahezu jeden ehemaligen Stasi-Spion aufgesucht hatten, machten einen großen Bogen um den Spitzel aus Würzburg. Haase sei ihm doch "zu sehr geistiger Grenzgänger", sagte auf Nachfrage einer der Experten.

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