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    Würzburg

    1983: Heroin als Judaslohn für General „Charly“

    Ein Prozess in Würzburg zeigte 1983, wie ein hoch verschuldeter Kaufmann mit den Geheimdiensten spielen wollte - und selbst zum Spielball der Schlapphüte wurde.
    Geheimnisssvolle Geschäfte machte ein Kaufmann mit der Stasi an der Raststätte Würzburg.
    Geheimnisssvolle Geschäfte machte ein Kaufmann mit der Stasi an der Raststätte Würzburg. Foto: Caro/Hechtenberg

    Unruhig wartete der 39-Jährige auf der Raststätte Würzburg auf den Käufer. Schließlich war die Ware, die er verkaufen wollte, brisant: eine Maschinenpistole samt Munition. Außerdem hatte er 20 Gramm Heroin dabei, versteckt in einem Fläschchen Kölnisch Wasser.

    Doch die waren nicht für dieses Geschäft in Würzburg gedacht, sondern für einen US-General in Heidelberg. Beides sollte dem 39-jährigen Kaufmann aus Göttingen Geld bringen, denn er war verzweifelt: Gerade mal 2000 Mark verdiente er im Monat. Doch die brauchte er allein schon für die Miete. Die Schulden wuchsen ihm über den Kopf.

    Da musste Geld her, egal wie. Ein Bekannter hatte ihm von einem hoch dekorierten US-General im Hauptquartier in Heidelberg erzählt, der ein heikles Problem habe: Seit dem Vietnamkrieg sei er heroinsüchtig und bereit, für größere Mengen des Stoffes auch Geheimmaterial der Nato an die Stasi zu verkaufen.

    Doppelte Geschäfte

    Da taten sich mehrere lohnende Möglichkeiten für den verschuldeten Kaufmann auf: Für das Nato- Material sollte die Stasi ihn bezahlen, den deutschen und US-amerikanischen Diensten konnte er den General als undichte Stelle verkaufen, und das von Ostberlin gelieferte Heroin wollte er durch Streckmittel ersetzen und selbst verkaufen.

    Der US-General mit Vornamen "Charly" hatte erstes Material geliefert: ein Telefonverzeichnis des US-Hauptquartiers in Heidelberg, einige Filme und Auszüge aus einer geheimen Auswertung des US-Manövers "Reforger 82". Nun wollte er aber ein Kilogramm Heroin haben. Die Kontaktaufnahme in Berlin hatte auch geklappt.

    Spion lieferte miese Qualität

    Am Bahnhof Friedrichstraße wurde das Material unter konspirativen Umständen abgeliefert. Allerdings zeigte sich der Stasi-Führungsoffizier über das gelieferte Geheimmaterial enttäuscht: Das hätte auch eine Putzfrau besorgen können, hieß es.

    Schauplatz einer Spionagegeschichte: Die Raststätte Nord in Würzburg an der Autobahn A3.
    Schauplatz einer Spionagegeschichte: Die Raststätte Nord in Würzburg an der Autobahn A3. Foto: Theresa Müller

    Doch als Beweis dafür, dass man den erwarteten Lohn liefern könnte, gab es schon mal 20 Gramm Heroin für General "Charly". Damit machte sich der Göttinger wieder auf den Weg. Unterwegs wollte er in Würzburg noch ein anderes brisantes Geschäft abwickeln: Den Verkauf einer Maschinenpistole mit 32 Schuss Munition.

    Statt Stasi ein verdeckter Ermittler

    Doch auf der Raststätte Würzburg wartete an diesem Tag nicht das große Geld auf ihn, sondern die Handschellen. Der Käufer der Waffe war ein V-Mann der Polizei gewesen. Die 20 Gramm Heroin brachten den 39-Jährigen vor das Landgericht Würzburg. Dort gestand er den Rauschgifthandel mit der Stasi.

    Doch in dem Prozess im Oktober 1983, der weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt wurde, stellte sich heraus: Der angebliche General "Charly" war ein Major des US-Geheimdienstes und die ganze Aktion geplant gewesen.

    Lockvogel

    Man habe mit Hilfe des Lockvogels feststellen wollen, ob die andere Seite bei der Nachrichtenbeschaffung auch mit Rauschgift arbeite, hieß es. Der Waffen- und Drogenhändler hatte im großen Spiel zwischen Ost und West mitspielen wollen, doch die Operation "Charly" kam ihn teuer: Viereinhalb Jahre Knast bekam er für die Einfuhr des Heroins.

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