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    WÜRZBURG

    1989 und 2019: Wie hat das Internet unser Familienleben verändert?

    Foto: Daniel Biscan

    Alltag heute und vor 30 Jahren: Mama Melanie (38), Papa Max (41), Sohn Moritz (12) und Tochter Mia (8) sind eine fiktive Familie. Michael Czygan beschreibt, wie sie ohne und mit Smartphone, Facebook und WhatsApp leben - und manchmal auch leiden.

    Familienleben 1989

    Am Frühstückstisch wird, wie immer, um die Zeitung gestritten. Moritz durchstöbert den Sportteil, Max liest das Neueste aus der Wirtschaft, während sich Melanie den Lokalteil schnappt.

    7 Uhr

     

    7.30 Uhr

    Die Kinder sind aus dem Haus.

     

    9 Uhr

    Max arbeitet als Zeitungsreporter. Gleich ist sein erster Termin: Grundsteinlegung für den Erweiterungsbau der Schule. Er packt Block, Kugelschreiber und die Spiegelreflexkamera ein.

     

    Max ist da neulich eine Panne unterlaufen - und ein Bericht musste ohne Foto in der Zeitung erscheinen...

    9.30 Uhr

    Melanie ist Verwaltungsangestellte. Sie muss Briefe und Rechnungen schreiben. Vor einem halben Jahr hat der Chef einen Computer angeschafft. Aber sie tippt Briefe lieber mit der alten Olympia-Schreibmaschine. Wenn ihr ein Fehler passiert, hilft Tipp-Ex. Wenn es zwei oder drei Fehler sind, spannt Melanie einen neuen Bogen Papier ein. Später faltet sie die Briefe, steckt sie in Umschläge und bringt sie auf dem Heimweg bei der Post vorbei.

    10.30 Uhr

    Mia ist in der Schule übel geworden. Der Versuch der Lehrerin, die Eltern anzurufen, scheitert. Nach kurzer Ausruhphase im Sekretariat darf sie heimgehen.

    12 Uhr

    Max ist in der Redaktion - und ärgert sich. Beim Film-Entwickeln in der engen Dunkelkammer hat die Chemie gespritzt. Die Flecken gehen nicht mehr raus.

     

    Seinen Bericht schreibt Max an einem der neuen Computer. Die entwickelten Negative transportiert ein Bote später mit dem Auto in die Zentralredaktion, wo sie weiterverarbeitet werden.

    14 Uhr

    Moritz hat Probleme bei den Hausaufgaben. Er soll ein Referat über Bundeskanzler Helmut Kohl vorbereiten. Blöd nur, dass der Brockhaus im Regal seiner Eltern zwar 20 Bände a 400 Seiten umfasst, aber von 1973 stammt. Eigentlich müsste er jetzt in die Bücherei gehen. Doch lieber verschwindet er nach draußen, Kicken mit den Kumpels.

    16 Uhr

    Melanie hetzt nach Hause. Auf dem Heimweg hatte sie im Schaufenster einer Boutique ein Kleid entdeckt. Zwei Größen hat sie ausprobiert, eine dritte war nicht vorrätig. Wurde also nichts mit dem Kauf. Als Melanie nach Hause kommt, wartet ihre Tochter schon auf sie.

     

    Da fällt Melanie ein, sie wollte doch bei Paul und Pia anrufen. Dort aber ist besetzt, also verschiebt sie das auf später.

    16.30 Uhr

    Moritz ist wieder daheim.

     

    17 Uhr

    Mia geht es wieder besser. Endlich erreicht Melanie auch ihre Freundin Pia am Telefon.

     

    18.30 Uhr

    Max kommt entnervt nach Hause.

     

    19.30 Uhr

    Abgehetzt erreichen Max und Melanie das Theater. Paul und Pia sind stinkig.

     

    21.30 Uhr

    Nach dem dritten Bier diskutieren Max und Paul mal wieder über Politik. Schnell sind sie bei Kohl.

     

    22.30 Uhr

    Oma ist am Sofa eingenickt, als Max und Melanie heimkommen. Jetzt aber ist sie hellwach.

     

    So wäre dieser Tag im Jahr 2019 abgelaufen

    7 Uhr

    Die Familie sitzt am Frühstückstisch. Melanie ist wie der Rest der Familie mit dem Smartphone bei Facebook unterwegs.

     

    7.30 Uhr

    Moritz ist auf dem Weg zur Schule. Melanie fällt auf, dass sein Turnbeutel noch im Haus liegt und schreibt ihrem Sohn schnell auf WhatsApp.

     

    9.30 Uhr

    Max kommt in der Redaktion an.

     

    10 Uhr

    Melanie ist für die Buchhaltung in einem Handwerksbetrieb zuständig.

     

    20 Minuten später sind Hunderte E-Mails an die Kundschaft abgeschickt.

    10.30 Uhr

    Melanies Handy klingelt. WhatsApp-Nachricht von Pia.

     

    11 Uhr

    Melanies Handy piept. „Pia, bitte nerv nicht“, denkt sie. Aber diesmal ist es Mia, die Tochter.

     

    11.15 Uhr

    Keine Antwort von Mia. Melanie schaut immer wieder auf ihr Handy und wartet auf Antwort.

    11.30 Uhr

    Noch immer keine Antwort von Mia. Melanie macht sich Sorgen.

    11.45 Uhr

    Melanie ist inzwischen sehr besorgt und ruft bei Mia auf dem Handy an.

     

    12.30 Uhr

    Mittagspause. Max denkt, eigentlich könnten Melanie und er heute mal ins Kabarett gehen. Klingt verheißungsvoll, was er im Netz gelesen hat. Plätze gibt es laut Homepage auch noch. Er schreibt seiner Frau in WhatsApp.

     

    14 Uhr

    Moritz hat Probleme bei seinem Computerspiel. Jetzt hat er die neue Version schon fünf Tage, aber seine Freunde Jonas und Rafael beherrschen die Mischung aus Ego-Shooter und Strategie einfach besser. War vielleicht nicht so gut, am Wochenende beim Fußballturnier teilzunehmen, denkt sich Moritz.

    14.30 Uhr

    Mia kommt zu Moritz ins Zimmer, während er am Computer spielt. Er ist genervt.

     

    15.30 Uhr

    Melanie kommt heim. Im Briefkasten findet sie die Karte eines Zustelldiensts. Bei den Nachbarn wurde ein Paket abgegeben.

     

    17 Uhr

     

    18 Uhr

    Oma ruft auf dem Festnetztelefon an, Melanie stellt sie auf Lautsprecher.

     

    18.30 Uhr

    Max hetzt heim.

     

    21 Uhr

    Im Theater klingelt ein Handy. Paul und Pia schauen pikiert zur Seite. Es ist eindeutig Max‘ Gerät. Mit rotem Kopf kramt er in der Hosentasche. Moritz hat geschrieben.

     

    Max informiert Melanie, hektisch verlassen sie die Vorstellung.

    21.30 Uhr

     

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