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    RÖTTINGEN

    35 Jahre Frankenfestspiele: Kunst, die sich auszahlt

    Es war Knut Webers letzter Arbeitstag. Nach der letzten Premiere der Röttinger Frankenfestspiele ist auch das kurze Gastspiel des Intendanten vorüber. Zwei Jahre hat er in Röttingen gewirkt. Dann haben ihn die Aufgaben an seinem heimischen Stadttheater Ingolstadt bewogen, seinen Vertrag vorzeitig aufzulösen. In Ingolstadt steht – früher als erwartet – eine umfassende Generalsanierung im Umfang von 150 Millionen Euro an. Die Planungen fordern auch den Theaterleiter.

    „Die Aufgabe ist einfach zu groß geworden, um beides (also auch die Frankenfestspiele) gut zu machen“, sagt Weber bei der Premierenfeier nach der Vorstellung. Er bedankt sich – für seine eher wortkarge Art beinahe überschwänglich – bei der Unterstützung. Große Arbeit werde in Röttingen geleistet, nicht nur von den Schauspielern, vor allem vom Team im Hintergrund: vom Bauhof, von der Verwaltung, von den vielen Ehrenamtlichen. Er verlasse Röttingen deshalb mit zwei weinenden Augen.

    35 Jahre Festspielgeschichte

    Trotzdem hat Knut Weber Spuren hinterlassen. So wie alle Intendanten in der inzwischen 35-jährigen Geschichte der Festspiele. Angefangen hatte alles mit dem Impresario des Sommerhäuser Torturmtheaters Veit Relin. Der wollte Freilichttheater mit Stücken des österreichischen Satirikers Johann Nepomuk Nestroy spielen, fand aber in seiner Heimatgemeinde dafür nicht die nötige Unterstützung.

    Die wurde ihm dafür vom damaligen Röttinger Bürgermeister Günter Rudolf zuteil. Er holte Relin auf die Burg Brattenstein, wo schon 1954 die ersten Burgfestspiele stattgefunden hatten, damals allerdings als Laienstück über die Stadtgeschichte.

    Die Festspiele wurden größer, auf Relin folgten Peter Josch, Alexander Strobele und Renate Kastelik. Sie nahmen neue Stücke auf den Spielplan, ein Dreiklang aus Musical, Operette und Schauspiel begann sich zu etablieren.

    Wiener Dominanz

    Was blieb, war die Wiener Dominanz in Auswahl und Besetzung. Die begann erst allmählich zu bröckeln, als Walter Lochmann und Sascha Oliver Bauer 2013 gemeinsam die künstlerische Leitung übernahmen. Vier Jahre wirkten sie in Röttingen und gaben den Festspielen ein neues, jugendlicheres Image. Mit der Umbenennung in „Frankenfestspiele“ machten sie zugleich ihren Anspruch auf die überregionale Bedeutung geltend.

    Die gewachsene Festspielgemeinde goutierte den Wechsel nicht unwidersprochen. Zu modern waren die Festspiele manchen geworden, zu weit entfernt von Nestroy und der Wiener Operetten-Romantik. Doch die Festspiele hielten an ihrem Kurs fest. Nur wenn es gelingt, neues und jüngeres Publikum nach Röttingen zu locken, so die These, könnten die Festspiele auch die kommenden drei Jahrzehnte überstehen.

    Ohne Förderung nicht denkbar

    Das gelingt ohnehin nur, weil sich die öffentliche Hand als spendabler Gönner der Kunst erweist. 140 000 Euro streicht die Stadt aus der Kulturförderung des Freistaats ein. 28 000 Euro gibt der Bezirk hinzu und 25 000 Euro der Landkreis. Zuschüsse, ohne die professionelles Sommertheater nicht möglich wäre, sagt Bürgermeister Martin Umscheid. Trotz der 700 000 Besucher, die sich in den vergangenen 35 Jahren nach Röttingen aufgemacht haben.

    Rund 100 000 Euro gibt die Stadt alljährlich zusätzlich dazu. Ein Betrag, den sich eine 1700-Seelen-Stadt erst einmal leisten können muss. Doch Kultur und Wirtschaftskraft hängen in Röttingen eng zusammen. Sommertheater und die Ansiedlung von Betrieben und Arbeitsplätzen sind zwei Seiten der gleichen Strategie, mit der Günter Rudolf das von Landwirtschaft und Weinbau geprägte Röttingen zu einem der größten Steuereinnehmer des Landkreises gemacht hat. Auch sein Nachfolger Martin Umscheid folgt diesem Leitgedanken wenn er sagt: „Kultur kostet, aber sie zahlt sich aus.“

    Theaterpakt mit Sponsoren

    Trotzdem haben die Festspiele keine Bestandsgarantie bis in alle Ewigkeit. Hochklassiges Sommertheater sei auf Dauer nur finanzierbar, wenn es gelingt, Sponsoren mit ins Boot zu holen, sagt Umscheid. Er schlägt deshalb einen „Theaterpakt“ mit regionalen Unternehmen, die ihrerseits vom weichen Standortfaktor Kultur profitieren, und mit privaten Gönnern vor.

    Intendant Knut Weber hat in den letzten beiden Jahren seine Handschrift spüren lassen und neue Impulse gegeben. Als erstem Intendanten ohne Schauspielausbildung war es dem Theaterwissenschaftler gerade darauf angekommen, dem Schauspiel wieder größere Bedeutung einzuräumen.

    Erneuerungsdrang mit Grenzen

    Dem Erneuerungsdrang, den Weber dabei an den Tag legte, setzte das Publikum allerdings bald Grenzen. Eine Musical-Bearbeitung der Oper „Hänsel und Gretel“, die Weber gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Walter Lochmann geschrieben hatten, floppte im vergangenen Jahr bereits kurz nach Vorverkaufsstart und wurde gegen den Kassenschlager „My Fair Lady“ getauscht.

    Und auch mit dem Monty-Python-Musical „Spamalot“ wagte sich sich Weber in der laufenden Spielzeit auf eher ungewohntes Terrain. Entsprechend zögerlich begann der Vorverkauf. Erst nach der gefeierten Premiere der schrill-schrägen Parodie zogen die Kartenbestellungen richtig an.

    Beim letzten der drei Hauptstücke, dem Lustspiel „Im Weißen Rössl“, mussten sich die Theatermacher über schleppendes Zuschauerinteresse keine Sorgen machen. Das Publikum im voll besetzten Burghof hat die Premiere begeistert aufgenommen.

    Junges Theater wirkt langfristig

    Das Junge Theater, das Weber unter der Leitung von Frederike Faust gegründet hat, ist wohl der wichtigste Markstein, den der scheidende Intendant in Röttingen hinterlässt. Kindern und Jugendlichen die Freude am Theater zu vermitteln, „das wird den Frankenfestspielen langfristig gut tun“, ist Knut Weber überzeugt.

    Geregelt ist Webers Nachfolge längst. Lars Wernecke, bis dato Oberspielleiter am Thüringischen Staatstheater in Meiningen, wird die Intendanz übernehmen und hat für die Spielzeit 2019 bereits seine Visitenkarte abgegeben. Mit dem Musical „Hello, Dolly“ und der Operette „Der Vetter aus Dingsda“ greift Wernecke zu Gesangs-Klassikern.

    Die schlimmste Sängerin der Welt

    Und auch bei der Komödie „Glorious“ steht der Gesang im Mittelpunkt. Vorbild für das Stück war die amerikanische Millionärin Florence Foster Jenkins, die sich als spendable Mäzenin Zutritt zu den Konzertbühnen verschaffte und als schlimmste Sängerin der Welt in die Geschichte einging. Man darf gespannt sein, wie Lars Wernecke seine Hauptrolle besetzt.

    Die Frankenfestspiele dauern noch bis zum 19. August. Spielplan und Karten unter www.frankenfestspiele.de oder Tel. (0 93 38) 97 28-55, -57 und -59.

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