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    WÜRZBURG / SOMMERHAUSEN

    Als Heinz Rühmann in Marktbreit verzweifelte

    Das hatte sich Regisseur Kurt Meisel wahrscheinlich angenehmer vorgestellt: Ein paar Drehtage im Juli 1957 im sonnenverwöhnten Maintal in und um Würzburg, bekannte Hauptdarsteller, die für den Erfolg des Films garantierten, und ein putziger Hund, den jeder Zuschauer und jede Zuschauerin sofort ins Herz schließen würde.

    Doch er hatte nicht mit dem ungewöhnlich regnerischen Wetter gerechnet, das nur gelegentliche Drehs zuließ, ebenso wenig wie mit den Allüren von Spitz „Bello“. Diesen Hund versorgt im Farbfilm „Vater sein dagegen sehr“ der mittellose Schriftsteller Lutz Ventura, gespielt von Heinz Rühmann, der in 95 Minuten nicht nur eine Ehefrau (Marianne Koch), sondern auch noch eine Nichte und einen Neffen als Pflegekinder bekommt.

    Ventura/Rühmann lebt im Film in einem ausgebauten Turm, leicht zu erkennen als Roter Turm in Sommerhausen. Das Original ist allerdings nur von außen zu sehen, denn das Turminnere wurde in einem Atelier in Berlin nachgebaut. Als der Dreh dort abgeschlossen war, zog das Filmteam für die Außenaufnahmen Mitte Juli 1957 nach Würzburg, Ochsenfurt, Sommerhausen und Marktbreit.

    In Mainfranken entstand also nur zwei Jahre nach Rainer Maria Rilkes „Cornet“ erneut ein großer deutscher Spielfilm. Die Main-Post berichtete ausführlich.

    Bello hatte Schiss vor der Lokomotive

    So auch über die Winsel-Attacken von Bello, als auf dem Bahnhof in Marktbreit die Einfahrt eines Dampfzuges auf Zelluloid gebannt werden sollte. Ventura hatte sich im Film bereit erklärt, den Hund der kürzlich zu Vollwaisen gewordenen Kinder Traudl und Rudi bei sich im Turm zu behalten, während die Kinder nach vier Wochen Urlaub beim Onkel zunächst zurück zur Pflegefamilie sollten, vor der ihnen allerdings grauste.

    Der sentimentale Abschied auf dem Marktbreiter Bahnhof musste fünfmal gedreht werden, denn Bellos Wimmern störte die Szene immer wieder. Das für 400 Mark Gage aus Berlin mitgebrachte Tier hatte, wie sich herausstellte, Angst vor der dampfenden und lauten Lokomotive; selbst die Zuckerstücke, die der verzweifelte Rühmann ihm ins Maul warf, halfen kaum. Erst beim fünften Mal war Regisseur Kurt Meisel einigermaßen zufrieden.

    Zu sehen sind im fertigen Film auch einige Marktbreiterinnen, die sich eigentlich nur die Dreharbeiten ansehen wollten. Sie wurden kurzerhand für ein paar Mark verpflichtet, um als Passagierinnen aus den Fenstern des Zuges zu blicken. Während auf dem Bahnhof gefilmt wurde, ruhte der komplette Bahnverkehr in Marktbreit. Doch obwohl die Dreharbeiten stundenlang dauerten, waren es insgesamt nur drei Züge, die umgeleitet werden mussten.

    Weil der Autor aus Würzburg kam . . .

    „Vater sein dagegen sehr“ basiert auf dem 1953 erschienenen gleichnamigen heiter-besinnlichen Roman des Schriftstellers Horst Biernath (1905-1978). Der kannte Würzburg und Umgebung gut, weil er von 1947 bis 1949 Redakteur bei der Main-Post gewesen war und bis Mitte der sechziger Jahre im Stadtteil Sanderau wohnte. Auch wenn er seinen Roman um den Schriftsteller Ventura in einem Phantasieort am Main spielen lässt, so dürfte er doch an Sommerhausen gedacht haben. Der Ort wird jedenfalls im Film immer wieder gezeigt, ebenso wie Marktbreit und Ochsenfurt.

    Auch Würzburg, den Wohnort des Roman-Autors Biernath, können Besucher des Films entdecken. Die längste Einstellung wurde in der Randersackerer Straße gedreht. An jener Stelle, an der die Straße abzweigt, die heute zur 1967 eröffneten Konrad-Adenauer-Brücke führt, stehen der finanziell klamme Lutz Ventura, der kein Geld für Zug-Tickets hat, und die beiden Kinder. Das Trio versucht, einen Laster anzuhalten, das sie von der Beerdigung der Mutter der Kinder in Südbayern zurückbringen soll – ausgerechnet nach Würzburg.

    Wirbel kurz vor Drehschluss

    Überhaupt die Kinder! Als ein längerer Artikel über den achtjährigen Jungschauspieler Rolf Pinegger in der Main-Post erschien, war seine Film-Schwester, die fünf Jahre ältere Maren-Inken Bielenberg, empört über die Tatsache, dass sie nicht ebenso groß gewürdigt wurde. Mit ihrer Mutter verschwand die 13-Jährige kurz vor Drehschluss nach Hause, und auch die verzweifelten Anstrengungen des Aufnahmeleiters, der mitten in der Nacht nach München fuhr, konnten sie nicht zur Rückkehr bewegen. Das Schicksal des Streifens stand auf Messers Schneide.

    Hier kam die gleichaltrige Würzburgerin Lieselotte Schlotter ins Spiel, die vor dem Würzburger Hotel Excelsior auf ihr Idol Marianne Koch wartete. Die erschien zwar nicht, doch der Aufnahmeleiter kam vorbei und erkannte, dass das blonde Mädchen sehr dem verschwundenen Kinderstar ähnelte.

    Lieselotte, die sogar in die Kleider ihrer Vorgängerin passte, sollte Maren-Inken für 30 Mark pro Drehtag ersetzen. Als sie freilich dem Regisseur Kurt Meisel vorgestellt wurde, zögerte sich zunächst. „Kurt Meisel sah mit seiner Glatze genauso aus, wie ich mir immer einen Mädchenhändler vorgestellt hatte“, gestand sie später lachend.

    Hochzeit mit Ersatz-Schauspielerin

    Die Dreharbeiten konnten weitergehen. Zum Glück fehlte im Wesentlichen nur noch der Auszug des Hochzeitspaars Heinz Rühmann/Marianne Koch, das sich nach erheblichen Wirren doch noch gefunden hatte, aus dem Seitenportal der Würzburger Adalberokirche. Im fertigen Film ist die Ersatz-Schauspielerin nur von hinten zu sehen. Ihr Gesicht erkennt man jedoch auf einem Foto, das Main-Post-Fotograf Walter Röder von der Hochzeitsgesellschaft aufnahm.

    „Es gab Zuschauer wie bei einer Fürstenhochzeit“, schrieb die Zeitung damals; halb Würzburg war auf den Beinen. „Stadträte prangten feierlich im Frack und bei einigen Damen sah man schneeweiße Blütenhütchen und nagelneue Sommerkostüme“, hieß es in dem Artikel weiter. „Das Aufregende bei dieser Filmhochzeit war nämlich die Chance, als Zuschauer mitgefilmt zu werden. Und dafür lohnte es sich schon, ein bisschen Toilette zu machen.“

    Nach zwei Monaten schon im Kino

    Heute unvorstellbar ist, dass die Uraufführung schon gut zwei Monate später, am 12. September 1957, im Ufa-Palast in Köln stattfand. In Würzburg lief der Film vom nächsten Tag an gleichzeitig in den Bavaria-Lichtspielen und im CC-Filmtheater. Zur Premiere kam Heinz Rühmann im selbstgesteuertem Flugzeug zur Aufführung in die Stadt. Er durfte mit seiner Cessna auf dem Flugplatz am Würzburger Schenkenturm landen, der damals noch in amerikanischer Hand war.

    Natürlich regnete es und Maren-Inken Bielenberg fehlte wieder. Doch der Film war fertig und Lieselotte Schlotter hatte erneut einen großen Auftritt im Blitzlichtgewitter.

    Vorstellung:

    „Vater sein dagegen sehr“ läuft

    an diesem Sonntag, 24. Juni, um 11 Uhr im Würzburger Central-Kino auf dem

    Bürgerbräugelände, Frankfurter Straße 87.

    Reservierung: www.central-bb.de oder

    Tel. (0931) 78 01 10 57

    Die Darsteller

    Heinz Rühmann (55) und Marianne Koch (25) waren äußerst populär, Rühmann auch wegen seiner im Dritten Reich gedrehten Filme wie „Die Feuerzangenbowle“, Koch wegen deutscher und internationaler Streifen wie dem Spionagethriller „Das unsichtbare Netz“ mit Gregory Peck (1954). In Nebenrollen sind Luigi Malipiero, Prinzipal des Torturmtheaters in Sommerhausen, als Briefträger, Regisseur Kurt Meisel als Schneider und Agnes Windeck als Fürsorgerin zu sehen.

    Regisseur Kurt Meisel war eigentlich Schauspieler. Im Dritten Reich trat er in mehreren Propaganda-Filmen auf, so in „Die goldene Stadt“ (1942) und „Kolberg“ (1945). Nach dem Krieg spielte er unter anderem in „Emil und die Detektive“ (1954) und „Der längste Tag“ (1962). Ab 1960 war er Oberspielleiter, von 1972 bis 1983 Intendant des Münchner Staatsschauspiels.

    Drehbuchautor Hans Jacoby war 1933 aus Deutschland geflohen. Zu seinen in- und ausländischen Filmen gehören „Tarzan und das Sklavenmädchen“ (1952) und „Es geschah am helllichten Tag“ (1958).

    Kameramann Kurt Hasse drehte Filme und Serien wie „Stadt ohne Mitleid“ (1961) und „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion“ (1966).

    Michael Jary komponierte die Musik. Er hatte Ufa-Hits wie „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ und „Davon geht die Welt nicht unter“ geschrieben; nach dem Krieg kamen Schlager wie „Wir wollen niemals auseinandergehn“ (gesungen von Heidi Brühl) hinzu.

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