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    Frauenland

    Als Stalins Lieblingslied im Würzburger Frauenland ertönte

    1946: Im zerstörten Würzburg wohnten kurz nach Kriegsende auch einige russische Soldaten. Eines Tages luden sie den elfjährigen Ado Schlier in ein geheimnisvolles Haus ein.
    Foto: Zurab Kurtsikidze, dpa

    Der Mann lebt Musik, hat unzählige Musiksendungen im Bayerischen Rundfunk moderiert ("Gute Nacht, Freunde"), organisiert Festivals ("Songs an einem Sommerabend") und arbeitet regelmäßig für das deutschsprachige Programm des italienischen Senders RAI. So ist es kein Wunder, dass sich der 1935 geborene Ado Schlier gut an jene denkwürdige Szene erinnert, die er im Jahr 1946 erlebte. Ein Lied spielte damals eine große Rolle – das Lieblingslied des russischen Diktators Josef Stalin.

    "Wo bist du, mein lieb’ Suliko?" sang ein Zweizentnermann in russischer Uniform für den Elfjährigen – natürlich auf Russisch. "Suliko" ist in dem Lied die verschwundene  Geliebte, die der Sänger als Nachtigall in einem Rosenbusch wiederfindet. Das 1895 in Georgien entstandene Lied, gedichtet 1895 von Akaki Zereteli und vertont von seiner Cousine Barbara Zereteli, wurde ob seiner Verbindung zu dem ebenfalls aus Georgien stammenden Stalin während des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion häufig im Radio gespielt, nach Kriegsende begann es einen Triumphzug durch den Ostblock.

    Vor dem Haus stand ein amerikanischer mit rotem Stern

    Ado Schlier war zusammen mit einem Freund vom Haus seiner Großeltern in der Edelstraße, in dem er damals lebte und heute wieder lebt, die Keesburgstraße hochgelaufen. Vor einem der im Bauhausstil errichteten Flachdachhäuser der 1930 erstandenen Lerchenhainsiedlung stand eine amerikanische Limousine mit rotem Stern auf dem Nummernschild. Die Buben wussten nicht, was sie davon halten sollten.

    In der Lerchenhainsiedlung wurden nur drei der ursprünglich geplanten zahlreichen Flachdachhäuser in Würzburg errichtet. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste hier im traditionellen Stil gebaut werden. Das Foto aus der Broschüre der Heiner-Reitberger-Stiftung über die Siedlung zeigt zwei der 1930 fertiggestellten Gebäude. Foto: Roland Flade

    Amerikanische Straßenkreuzer und Jeeps sowie amerikanische Besatzungssoldaten waren in Würzburg im Jahr nach Kriegsende ein gewohnter Anblick. Auch dass unzerstörte Häuser für US-Offiziere und ihre Familien beschlagnahmt wurden, kam – zum Ärger der oft in Kellern und Gartenschuppen hausenden Würzburger – häufig vor. Ado und sein Spielgefährte hatten Freundschaft mit einigen GIs geschlossen, die sie mit Süßigkeiten verwöhnten. "Die Amerikaner, vor allem die Schwarzen, mochten Kinder gern", erinnert sich Schlier. "Sie schenkten uns Orangen und Kaugummi und Kekse, die mit Schokolade gefüllt waren. Sie haben uns förmlich damit überschüttet."

    In einem der im Bauhausstil errichteten Gebäude der Lerchenhainsiedlung befand sich 1946 eine Art russische Mission. Die hier lebenden Soldaten sollten offenbar ehemalige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion zur Rückkehr in die Heimat bewegen. Foto: Roland Flade

    Plötzlich kam ein russischer Soldat aus dem Haus

    Weil es aber immer dieselben Kekse gab, wurde die Sache für den elfjährigen Ado und seinen Kumpel bald langweilig. Sie gingen auf neue Abenteuer aus – und entdeckten das Auto mit dem seltsamen roten Stern. "Wir lauerten neugierig", sagt Schlier, "und plötzlich kam ein russisches Soldat in Uniform aus dem Haus und sprach uns in gebrochenem Deutsch an". Der Soldat lud die Buben in das Gebäude ein und Schlier "erlebte etwas, das ich noch heute als herzlich und schön empfinde."  

    Ado Schlier (links) mit Spielgefährten. Foto: Roland Flade

    Die Atmosphäre, in die sie zögernd eintraten, präsentierte sich alles andere als militärisch. Soldaten und eine Soldatin empfingen die Kinder freundlich im Wohnzimmer im ersten Stock, in dem noch die Möbel der früheren deutschen Bewohner standen. Sie erhielten ein alkoholfreies malzhaltiges Getränk ("das russische Coca-Cola, ein süßes Gesöff") und dazu riesige russische Karamellbonbons.

    Der Zweizentnermann spielte stundenlang russische Lieder

    Das war etwas ganz anderes als die gewohnten amerikanischen Süßigkeiten. Doch dann kam noch eine Überraschung: "Der etwas überernährte Zweizentnermann, der uns ins Haus geholt hatte, setzte sich auf eine Anrichte, spielte auf seinem Akkordeon stundenlang russische Lieder und die Bewohner des Hauses sangen dazu." "Kalinka" hörten die staunenden Kinder, erinnert sich Ado Schlier, und eben "Suliko", jenes Lieblingslied Stalins, das gerade in der östlichen Besatzungszone Deutschlands Karriere machte, in den Westzonen, zu denen Würzburg gehörte, aber kaum jemals zu hören war.

    Heute ist das anders. Gibt man "Suliko" als Suchbegriff auf dem Videoportal YouTube ein, so ist einer der ersten Treffer eine Interpretation der Popsängerin Katie Melua, die aus Georgien stammt und das Lied, begleitet von einem Männerchor, bei einem Konzert in London auf Georgisch sang. Und natürlich besitzt Ado Schlier in seiner riesigen Plattensammlung einige Versionen.  

    Als der Elfjährige 1946 nach mehreren Stunden im Russenhaus zu den Eltern zurückkehrte, regte sich sein Vater furchtbar auf. Zu Russen hielt man Abstand, noch dazu zu solchen, deren Tätigkeit völlig unklar war. Das Verbot hinderte Ado und seinen Freund freilich nicht daran, am nächsten Tag erneut das geheimnisvolle Haus anzusteuern und somit ein neues Donnerwetter heraufzubeschwören. "Wir waren bei den Russen, das waren unsere Freunde", sagt er rückblickend. "Wir haben das vor den Spielkammeraden ein bisschen wie ein Geheimnis gehütet. Die anderen Kinder gingen halt nur zu den Amerikanern."

    Von einem Tag auf den anderen verließen die Russen Würzburg

    Nach etwa zwei Monaten endeten die Besuche plötzlich. Von einem Tag auf den anderen hatten die Russen Würzburg verlassen. Was ihre Aufgabe gewesen war, ist bis heute unklar. Jedenfalls gehörten sie zu einer von den Amerikanern geduldeten russischen Mission, von deren Existenz und Tätigkeit allerdings im Würzburger Stadtarchiv nichts bekannt ist. Auch die Architekturhistorikerin Suse Schmuck, die über die Lerchenhainsiedlung geforscht hat, weiß nichts von russischen Bewohnern in einem der drei Häuser.

    Russische Kriegsgefangene in Würzburg. Das Foto aus dem Jahr 1942 lässt nichts von der unwürdigen Behandlung ahnen, der viele später ausgesetzt waren. Foto: Stadtarchiv Würzburg

    Ado Schlier hat wahrscheinlich recht mit seiner Vermutung, dass es sich um Soldaten handelte, die ehemalige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion zur Rückkehr in die Heimat bewegen sollten. Davon hatte es in Würzburg Tausende gegeben; unter anderem reparierten Ukrainer am Hubland im Fliegerhorst beschädigte Kampfflugzeuge. Russen in gestreiften Häftlingsanzügen wurden auch vor Kriegsende auf dem Weg zu und von den Arbeitseinsätzen durch das untere Frauenland getrieben, was Ado Schlier häufig beobachtete: "Für mich als Kind war das ein schrecklicher Anblick, weil man instinktiv wahrnehmen konnte, dass die Leute – zum großen Teil barfuß – gedemütigt waren und die Bewacher schrien und Holzstöcke oder Knüppel hatten."

    Stalins Terrorherrschaft fielen Millionen Menschen zum Opfer

    Nun hatte sich das Schicksal gewendet und russische Soldaten verwöhnten 1946 Würzburger Kinder. Josef Stalin, dessen Lieblingslied Ado Schlier gehört hatte, übte noch bis zu seinem Tod 1953 in der Sowjetunion eine Terrorherrschaft aus, der Millionen Menschen zum Opfer fielen.

    Für Ado Schlier hatten die Besuche im Russenhaus Auswirkungen auf sein künftiges Leben.  "Diese Begegnungen und die Eindrücke dort haben viel Einfluss auf mich ausgeübt", sagt er. Privat und auch in seiner beruflichen Arbeit hat er immer wieder Kontakt mit Menschen aus slawischen Nationen gesucht und gefunden.

    Ado Schlier hörte im Jahr 1946 Josef Stalins Lieblingslied "Suliko" in einem Haus im Würzburger Stadtteil Frauenland, in dem russische Soldaten lebten. Foto: Roland Flade

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