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    Gelchsheim

    Als der Deutsche Orden in Gelchsheim seine Spuren hinterließ

    Gelchsheims Bürgermeister Hermann Geßner liest in alten Gemeindebüchern. Aus ihnen erfährt er viel über das Leben der Menschen in der früheren Niederlassung des Deutschherrenordens. Foto: Hannelore Grimm

    Als die Brüder Andreas, Heinrich und Friedrich von Hohenlohe um 1219 in den Deutschen Orden eintraten und ihren Besitz in Mergentheim sowie in "Gaulichsheim", dem heutigen Gelchsheim, an den Ritterorden übereigneten, begann eine Jahrhunderte lange Ära, deren Spuren in der Marktgemeinde bis heute sichtbar sind.

    Wappen leitet sich vom Deutschen Orden ab

    Den Gelchsheimern hänge noch der Spitzname "Deutschherrische" an, sagt Bürgermeister Hermann Geßner. Nicht nur das Gemeindewappen weist auf diese geschichtsträchtige Vergangenheit hin: Es zeigt das Ordenswappen, ein schwarzes Kreuz auf weißem Grund, und die Gottesmutter Maria, die Schutzpatronin des Ordens, mit dem Jesuskind auf dem Arm.

    Allerdings war der kleine Ort im Ochsenfurter Gau schon zuvor eine bedeutende Zoll-und Geleitstätte an der ehemaligen Handelsstraße von Nürnberg nach Frankfurt. An diese Zeit erinnert der Gasthof "Zum Adler", wo der Geleitschutz gewechselt haben soll.

    Später ging der Hof in das Eigentum des Ordens über. Im Anwesen residierte das Deutschmeisteramt: Über dem Eingang der inzwischen seit einigen Jahren geschlossenen Wirtschaft erinnern das Wappen und der Ausleger mit dem Doppeladler und der Krone an den Hoch-und Deutschmeister Clemens August, Herzog von Bayern.

    Kaiser verleiht Gelchsheim das Marktrecht

    Im Jahre 1401 erwarb der Deutsche Orden auch die Veste Gelchsheim und richtete dort seinen Amtssitz ein. Hinter ihr lag mit zahlreichen Verpfändungen und Verkäufen bereits eine lange und wechselvolle Geschichte. Ritter Dietrich von Heidingsfeld verkaufte dem Deutschmeister Conrad von Egloffstein für 13 500 Gulden die Burg und das Dorf sowie einige Liegenschaften in Hemmersheim, Pfahlenheim, Geißlingen, Osthausen und den Weiler Erlach.

    Nachdem die alte Veste im Bauernkrieg um 1525 von durchziehenden Bauern geplündert und zerstört worden war, ließ das Oberamt des Ordens an gleicher Stelle ein neues Schloss mit drei Flügeln errichten. Ab 1668 unterhielt der Ritterorden dort ein selbstständiges Außenamt, das direkt dem Hoch- und Deutschmeister in Mergentheim unterstellt war.

    Im ehemaligen Gasthaus "Zum Adler" bezog der Deutsche Orden seinen ersten Amtssitz. Foto: Hannelore Grimm

    Weil von Egloffstein großen Wert darauf legte, das Gelchsheim mit allen Rechten ausgestattet ist, bemühte er sich um die Marktrechte. 1406 verlieh Kaiser Ruprecht den Gelchsheimern das Recht, "zu ewigen Zeiten alle Jahr, jährlich drei Jahrmärkte zu halten". Es wurde 1593 von Kaiser Rudolf II. und 1616 von Kaiser Matthias bestätigt.

    Schloss wechselte mehrmals den Besitzer

    Die Kriege infolge der Französischen Revolution stürzten den Deutschen Orden aber in die Krise. Nachdem Napoléon 1809 die Auflösung des Ordens diktiert hatte, ging das Gelchsheimer Schloss in privaten Besitz über. Mehrmals wechselte der Besitzer, bevor 1910 der aus Tückelhausen stammende Ökonomierat Georg Heil das Schloss und ein landwirtschaftliches Anwesen erwarb.

    Das Rathaus von 1666 ist eine der Spuren, die der Deutsche Orden in Gelchsheim hinterlassen hat. Foto: Hannelore Grimm

    Er ließ das mächtige Gebäude abreißen und errichtete einen Landsitz. Doch wenige Monate nach dem Einzug starb Heil. Seine Witwe Susanne lebte mit ihren drei Töchtern noch einige Jahre lang dort, bevor sie ins Hofgut zog. 1938 erwarb die NSDAP das Gebäude und richtet eine Parteischule ein. Später beherbergte es eine Polizeischule, ein Flüchtlingslager und ein Pflegeheim. Heute befindet sich dort eine Klinik für Naturheilmedizin.

    Rathaus und Kapelle sind Ordensbauwerke

    Die Gelchsheimer Kapelle "Zum gegeißelten Heiland" war das letzte Werk von Baumeister Franz Joseph Roth für den Deutschen Orden. Foto: Hannelore Grimm

    Weitere Gebäude zeugen vom Deutschorden in Gelchsheim: Als 1492 die Pfarrkirche erbaut wird, entsteht auch ihr bis heute erhaltener Turm. Nachdem 1664 ein großer Teil des Dorfes und auch die Kirche zerstört wurden, baute der Orden 1666 nicht nur das Gotteshaus wieder auf, sondern im gleichen Jahr auch das markante Rathaus.

    Eines der bedeutendsten Werke des Deutschen Ordens in Gelchsheim ist die Kapelle "Zum gegeißelten Heiland." Der 1754 fertige Rokokobau war das letzte Bauwerk des Deutschherren-Baumeisters Franz Joseph Roth. Der gebürtige Wiener baute vier Jahrzehnte lang für den Orden zahlreiche Kirchen, Kapellen, Rathäuser und Gasthöfe sowie das Schloss im mittelfränkischen Ellingen.

    Nach einem Streit mit dem Orden zog er sich um 1750 nach Gelchsheim zurück. Er lebte dort bei seiner Tochter Maria Franziska, die mit dem Amtmann Georg Matthäus Agricola verheiratet war. 1758 starb er mit 68 Jahren und wurde in der Pfarrkirche St. Ägidius beigesetzt.

    Inschriften, Gebäude und Aufzeichnungen in alten Gemeindebüchern bezeugen, dass Gelchsheim für mehrere Jahrhunderte "Deutschherrisch" war und bis heute stolz darauf ist.

    Deutscher Orden
    Der Deutsche Orden, dessen vollständiger Name "Orden der Brüder vom Deutschen Hospital Sankt Mariens in Jerusalem" lautet, wurde während des dritten Kreuzzugs bei der Belagerung der Stadt Akkon im Heiligen Land um 1190 als Hospitalbruderschaft gegründet.
    Papst Innozenz III. wandelte ihn 1198 in einen geistlichen Ritterorden um. Als solcher bestand der Deutsche Orden mehr als 700 Jahre lang. Seit 1929 wird er in seiner heutigen Form als ein klerikaler Orden päpstlichen Rechts geführt.
    In Deutschland, wo der Deutsche Orden nach der Säkularisation um 1802/03 nicht mehr existierte, wurde er nach 1945 wieder tätig. Mit den Vertriebenen aus dem Sudetenland kamen Priester des Ordens, um sie seel­sor­ge­risch zu begleiten.

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