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    "An den Rechten der Frauen misst sich die Demokratie"

    Ist das Kopftuch Ausdruck eines politischen Islams, und wie kann eine zeitgemäße und geschlechtergerechte Auslegung aussehen? Zum Vortrag lud die Gleichstellungsstelle des Landratsamtes Würzburg. Foto: Archivbild: dpa/Boris Roessler

    Der Sitzungssaal im Haus 2 im Würzburger Landratsamt ist gut besetzt. Die Veranstaltung ist mit fast drei Stunden angesetzt. Dass diese wie im Fluge vergehen würden, wird spätestens klar, als Seyran Ates sich vorstellt und einen Teil ihrer Lebensgeschichte preisgibt.

    Ates - Türkin, Anwältin für Familienrecht in Berlin und Autorin diverser gesellschaftskritischer Bücher - , gehört zu den bedeutendsten Stimmen im Kampf gegen religiöse und traditionsgebundene Gewalt und steht wegen zahlreicher Morddrohungen Tag und Nacht unter Personenschutz. Sie führt ein Leben wie im Glashaus. Aber doch ein Leben in Leidenschaft. Für die Rechte der Frauen, insbesondere die Rechte muslimischer Frauen, für die Trennung von  weltlicher und religiöser Macht. Gegen das Tragen von Kopftüchern im Öffentlichen Dienstund die Verschleierung bei Kindern unter 18 Jahren. 

    100 Jahre Frauenwahlrecht 

    Zum Vortrag eingeladen hat die neue Gleichstellungsbeauftragte des Landratsamtes, Carmen Schiller. "Dieses Jahr feiern wir 100 Jahre Frauenwahlrechtin Deutschland. Das großartige Jubiläum möchte ich mit einer besonderen Veranstaltung würdigen", sagt sie vor den zahlreichen Besuchern, darunter auch einige verschleierte Frauen der Würzburger Ahmadiyya-Gemeinde. Zumal, so drückt es die gebürtige Türkin aus, eines ihrer Ziele im Amt sei, dass zugewanderte Frauen ihre Rechte und ihre Stellung in Deutschland kennen.         

    "Nirgendwo gibt es Räume, in denen die Geschlechter normal miteinander umgehen können."
    Frauenrechtsaktivistin Seyran Ates kritisiert Geschlechtertrennung "im Namen der Religion"

    Rednerin Ates steht am Pult, in den vorderen Reihen Security, auch draußen vor dem Landratsamt steht die Würzburger Polizei bereit. Wie Schiller mitteilt, seien die Sicherheitsvorkehrungen im Vorfeld hoch gewesen. "Ich danke den Polizeibeamten und zolle Respekt. Diese Herren und Damen würden sich im Zweifel vor mich stellen, um mich zu schützen. Und wofür? Damit ich das sagen darf, was ich in einer Demokratie sagen kann", so Ates. Sie propagiert die Freiheit jedes einzelnen Menschen, "und nicht nur das Recht, zur Wahl zu gehen, auch das Recht auf den eigenen Körper".

    Kopftuch als Statement eines politischen Islams?

    Ates spielt in ihrem Vortrag "Frauenrechte im Islam - eine geschlechtergerechte Theologie" auf die Kopftuch-Debatte an, beschäftigt sich mit der Verschleierung als Statement eines mehr und mehr politischen, nicht religiösen Islams. Solange es Länder gebe, in denen Frauen gezwungen seien, sich zu verschleiern, könne man nicht behaupten, das Kopftuch bedeute Freiheit, sagt sie. Die Frauen würden "im Namen der Religion" sexualisiert, indem sie "ihre Reize" verstecken sollen. Kritik auch an der Geschlechtertrennung, zum Beispiel in der Moschee:"Nirgendwo gibt es Räume, in denen die Geschlechter normal miteinander umgehen können." Ein respektvoller Umgang wird laut der 55-Jährigen dadurch sogar verhindert.

    Dennoch sieht sie, dass das Patriarchat nur deshalb funktioniert, "weil es genügend Frauen gibt, die dies hinnehmen". Sie jedoch will für den liberalen Islam einstehen und bemüht sich um eine zeitgemäße und geschlechtergerechte Auslegung des Korans. Vor etwa eineinhalb Jahren hat Ates gemeinsam mit weiteren Mitstreitern in Berlin eine liberale Moschee eröffnet, die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee.

    "Schon die Kinder wachsen in dem Bewusstsein auf, dass der Mann das Sagen hat."
    Menschenrechtlerin Necla Kelek über das Frauenbild im traditionellen Islam

    Seitdem sind die Anfeindungen gegen sie noch mehr geworden. Denn:"Bei uns beten Männer und Frauen gemeinsam und nebeneinander. Und auch Frauen können in dieser gemischten Gruppe Vorbeterinnen sein." Niemand müsse ein Kopftuch tragen, es werde aber auch keine Frau weggeschickt, die ein Tuch trägt, so die 55-Jährige, die 1984 in Berlin Opfer eines Attentats wurde, das sie nur knapp überlebte. "Egal ob sunnitisch, schiitisch, levitisch oder Sufis, in unserer Moschee betreiben wir keinen Separatismus."

    Familiäre Strukturen im Islam 

    Lang anhaltender Applaus für eine starke Frau, während die nächste schon in den Startlöchern steht: Necla Kelek, die sich als Autorin, Menschenrechtlerin und Kritikerin eines autoritären Frauenbilds einen Namen gemacht hat. In ihrem Vortrag "An den Rechten der Frauen misst sich die Demokratie"geht die studierte Sozialwissenschaftlerin auf die familiären Strukturen und das Familienrecht im Islam ein, das sich aus der Scharia ableitet. Themen wie Kinderehen, Zwangsheirat oder Genitalverstümmelung seien keine Seltenheit. In zirka 50 islamischen Ländern werde das Familienrecht legitim gelebt:"Schon die Kinder wachsen in dem Bewusstsein auf, dass der Mann das Sagen hat", erklärt Kelek.  

    Im Diesseits stehe die Frau immer unter der Obhut des Vaters, des Mannes oder des Bruders, so die Frauenrechtlerin. Individualität oder Selbstbestimmung sei für sie oftmals nicht möglich. Man müsse an diese Strukturen ansetzen, damit Integration stattfinden kann, ist Keleks Meinung. Schon im Kindergarten und in der Schule müsse begonnen werden, den Mädchen zu verdeutlichen, dass sie gegenüber den Jungs gleichberechtigt sind. Besonders die Schule sei Ort der Wissensvermittlung. "Hier sollten demokratische Werte und Prinzipien vermittelt werden." Sie fordert, dass Pädagogen speziell ausgebildet sein sollten, "dafür muss aber erst die Politik erkennen, dass es notwendig ist".   

    Petition von Terre des Femmes 

    Generell wünscht sich Kelek von der deutschen Politik mehr Klarheit. "Nicht die Muslime entscheiden, wie sie in Deutschland leben, sondern der Staat." Gerade Orte, die der Wissensvermittlung dienen oder auch öffentlicher Ämter, sollten Neutralität wahren. In diesem Zusammenhang unterstützen Kelek und Ates auch die Petition von Terre des Femmes e.V.. Die Organisation fordert ein gesetzliches Verbot des so genannten „Kinderkopftuchs“ im öffentlichen Raum, vor allem in Ausbildungsinstitutionen für alle minderjährigen Mädchen. 

    Im Anschluss an die Vorträge entfacht eine interessante Diskussion. "Machen wir etwas falsch? Halten wir aus falsch verstandener Toleranz zu viel Kritik zurück?", fragt sich beispielsweise das Würzburger Stadtratsmitglied Antonino Pecoraro. Eine weitere Besucherin erzählt etwas frustriert von ihren langjährigen Erfahrungen in der Flüchtlingsarbeit. Jungen muslimischen Mädchen fiele es schwer, sich zu öffnen, so ihre Beobachtung. Und ein junger Moslem, der sie schon als "meine deutsche Mutter" betitelte, sei  nicht in der Lage gewesen "mir die Hand zu geben, weil er es nicht darf". 

    Auch eine der Kopftuch tragenden Frauen aus dem Saal meldet sich zu Wort. "Ich bin Unternehmerin und habe Verantwortung. Ich trage das Kopftuch, weil ich es möchte, als Symbol meines Glaubens, nicht, weil ich in irgendeiner Weise politisch bin oder unterdrückt werde", sagt Tanwirah Iqbal, die der Ahmaddiyya Muslim Gemeinde angehört. Der Vorwurf von Kelek und Ates, dass die Frau durch ihre Nähe zur Ahmadiyya-Gemeinde  (Anm. d. Red.: Die Referentinnen betrachten diese als streng konservativ) ein patriarchisches System unterstütze, folgt sofort. Vielleicht ein bisschen zu vehement von Seiten der Frauenrechtlerinnen. War doch gerade zuvor in den Köpfen der Besucher angekommen, wie wichtig der Dialog ist, um etwas erreichen zu können. 

    Das nimmt sich eine weitere Besucherin zu Herzen und sagt:"Vielen Dank an die Referentinnen. Sie haben mich motiviert, und ich nehme mir vor, mutig zu sein und Dinge anzusprechen."   

    Vortrag im Landratsamt: (von links) Eva Lechner von Terre des Femmes, die Gleichstellungsbeauftragte Carmen Schiller, Seyran Ates, Necla Kelek und die stellvertretende Landrätin Karen Heußner. Foto: Katja Glatzer
    Zur Person 
    Seyran Ates ist Rechtsanwältin für Familienrecht in Berlin und Autorin diverser gesellschaftskritischer Bücher. Als Frauenrechtsaktivistin, Menschenrechtsaktivistin und muslimische Frau gehört sie unter anderem zu den bedeutendsten Stimmen im Kampf gegen religiöse und traditionsgebundene Gewalt. Ates war 2017 Mitbegründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, die für einen liberalen Islam steht, der weltliche und religiöse Macht voneinander trennt und sich um eine zeitgemäße und geschlechtergerechte Auslegung des Koran bemüht. Als Anwältin hilft sie vor allem Frauen aus islamischen Ländern. Ihre Bücher beleben die Diskussion über eine Gleichstellung der Geschlechter, den Islam und Integration. Neben zahlreichen Preisen ist sie Trägerin der erstklassigen Cross-Border-Awards.
    Necla Kelek ist eine in der Türkei geborene Sozialwissenschaftlerin und Publizistin sowie eine prominente islamische Stimme in Deutschland. Sie hat sich als Menschenrechtlerin und Kritikerin des autoritären Frauenbilds im traditionellen Islam einen Namen gemacht. Kelek wurde in Istanbul geboren und lebt in Berlin. Sie hat Volkswirtschaftslehre und Soziologie studiert und wurde zum Dr. phil. promoviert. Ihre Bücher "Die fremde Braut", "Die verlorenen Söhne", "Bittersüße Heimat" und "Himmelsreise" haben die Debatte um Integration und den Islam in Deutschland nachhaltig geprägt. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2005 und dem Freiheitspreis 2011.

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