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    Würzburg

    Analyse: Linken Gruppen geht es um mehr als Klimaschutz

    Aktivisten von "Extinction Rebellion" mit einem Banner bei den Protesten an der Berliner Siegessäule. Foto: Tobias Schwarz, AFP

    Während über das Klimapaket der Regierung gestritten wird, wächst der Druck von der Straße. Auch aus Würzburg beteiligen sich nach Angaben der örtlichen "Extinction Rebellion"-Gruppe diese Woche rund 50 Aktivisten an den Berliner Straßenblockaden. Wobei von "Lahmlegen" keine Rede sein kann. Die Bewegung hat noch nicht die Kraft, die viele aufgrund der Mobilisierung im Netz erwartet hatten.

    Straßenblockaden bald auch in Würzburg?

    So drängt sich die Frage auf: Wie real ist die Protestkultur – über Fridays for Future hinaus – tatsächlich? Sind auch in Würzburg Störaktionen denkbar? Ja, sagt eine Vertreterin von "Aufstand gegen das Aussterben", wie die Bewegung mit deutschlandweit rund 50 gemeldeten Gruppen übersetzt heißt. Man wolle aber die Erfahrungen in der Hauptstadt abwarten. Die könnten am Ende auch ernüchternd sein.

    Friedliche Sitzblockade in Berlin: Ein Pärchen auf der Straße, die zum Schloss Bellevue führt. Foto: Paul Zinken, dpa

    Unterdessen formieren sich im Fahrtwind des Klimaprotests linke Gruppierungen, vernetzen sich und stellen die "Systemfrage". Aus ihrer Sicht ist das kapitalistische Wirtschaftssystem ursächlich für viele Missstände in der Welt, nicht nur die ökologischen. Am kommenden Samstag wollen sie in Würzburg ihren Protest auf die Straße tragen: Die Demonstration unter dem Motto "#unverhandelbar" führt ab Mittag dreigeteilt auf verschiedenen Routen vom Hauptbahnhof durch die Innenstadt.

    Die Verkehrsbehinderungen dürften erheblich sein. Drei Demos, drei Themen: Es soll um Klimagerechtigkeit, Feminismus und Selbstbestimmung sowie um die Solidarität mit Geflüchteten gehen. Laut Rathaus werden rund 1000 Teilnehmer erwartet.

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    Die Demo ist Höhepunkt einer "Kritischen Einführungswoche", die mit rund 30 Veranstaltungen an verschiedenen Orten in Würzburg läuft. Sie nimmt den Semesterstart zum Anlass, um parallel zu den üblichen Einführungsveranstaltungen von Uni und FHWS gesellschaftspolitische Fragen zu diskutieren - und: für weitere Aktionen zu mobilisieren und zu trainieren. Unter anderem wird ein "Schnupperkurs im Aktionsklettern" angeboten, neben Themenabenden, kritischen Stadtführungen oder Berichten von Aktivisten über angebliche Repression durch staatliche Organe.

    "Ende Gelände": Kampf gegen Energiekonzerne, Kritik an "Repression"

    Repression? Zum losen Bündnis der Veranstalter gehören unter anderem die Gruppe "Kein Hektar mehr!" mit ihrem Widerstand gegen die Steinbruchsrodung in Thüngersheim (Lkr. Würzburg) und der örtliche Ableger von "Ende Gelände" – eine bundesweite Anti-Kohle-Kampagne, die vor allem durch ihren Kampf um den Hambacher Forst bekannt wurde.

    Die Gruppe war auch bei der großen Würzburger Klimademo am 20. September dabei. "Ende Gelände" greift Energiekonzerne an und ist in der Wahl der Mittel  und Aktionsformen radikaler als die breite Fridays-for-Future-Bewegung oder auch "Extinction Rebellion".

    "Das Klimapäckchen der Regierung ist ein Schlag ins Gesicht der Bewegung", kritisiert eine Sprecherin der Würzburger Ende-Gelände-Gruppe. Warum sie anonym bleiben will? Aus "Angst vor Polizeigewalt und Repression". Solche habe man bei Aktionen erlebt, sie seien ein "strukturelles Problem" und sollen, so ihre Deutung, die Klimaaktivisten "einschüchtern". Beispiel Sitzblockaden: Hier greife die Polizei teilweise unverhältnismäßig hart durch.

    In Würzburg und in der Region, räumt die junge Frau ein, habe man dergleichen zwar noch nicht erlebt. Wohl aber massives Polizeiaufgebot wie bei der Anti-Rodungs-Demo in Thüngersheim: "Ist das die Antwort auf den wachsenden politischen Druck durch die Zivilgesellschaft?"

    Rodungen stoppen, Klima schützen: Ende September hatte das regionale Bündnis "Kein Hektar mehr!" zur Demonstration gegen die Rodungen für einen Steinbruch in Thüngersheim aufgerufen. Foto: Thomas Obermeier

    Glaubt man dem Verfassungsschutz, ist "Ende Gelände" zumindest "linksextremistisch beeinflusst" - was die Würzburger Aktivistin bestreitet. Extremismus sei Definitionssache. Als linke Bewegung verstehe man sich aber wohl. Ein Blick auf die Organisatoren der "Kritischen Einführungswoche" und der "#unverhandelbar"-Demo zeigt: Der Klimaprotest ist ein Katalysator für systemkritische und systemfeindliche Kräfte. Ein dienliches Vehikel, um Forderungen Gehör zu verschaffen, weit über die Ökologie hinaus.

    Es geht auch um die Flüchtlingspolitik

    Da geht es um die Rettung Geflüchteter im Mittelmeer wie bei der "Seebrücke Würzburg" oder die medizinische Versorgung von Migranten wie bei "MediNetz". Die Gruppe "Mehr als 16a" hat in der Region mehrfach mit spektakulären Aktionen gegen die Flüchtlingspolitik protestiert, die Würzburger "Antifa"-Gruppe  sich dem Kampf gegen Rechts verschrieben - und geht dabei nicht zimperlich zu Werke. Wo es aus ihrer Sicht sein muss, auch im Konflikt mit Rechtsstaat und Polizei.

    Am großen Klimastreik in Würzburg am 20.September beteiligte sich auch die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) mit der Forderung nach Enteignung von Energiekonzernen. Foto: Johannes Kiefer

    Aufstehen – für das Klima, für Gerechtigkeit, für Gleichberechtigung. Während die einen für den Wandel streiten, sehnen sich andere nach mehr. Die erst im Mai ausgerufene Hochschulgruppe CampusLinke, die ebenfalls zum Bündnis der "Kritischen Einführungswoche" gehört, möchte "die Flamme der Revolution in die akademischen Kreise Würzburgs bringen", wie es auf der Facebook-Seite heißt. Statt Auswendiglernen müsse Bildung zu gesellschaftlicher Verantwortung befähigen, fordert Aktivist Jonathan Katzer. "An der Uni herrscht leider vor allem Vereinzelung und Konkurrenzkampf."

    Linken-Stiftung fördert das Würzburger Bündnis

    Unterstützt wird die Projektwoche von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Parteistiftung der Linken, und dem Kurt-Eisner-Verein als deren bayerischer Arm. Lässt sich mit der Klimawelle auch sozialer und gesellschaftlicher Unmut besser transportieren? Das könnte das Kalkül sein, und gleichzeitig eine Gefahr. Denn: Die ehrenhaften Motive der Klimabewegten drohen verwässert und von außen überfrachtet zu werden. Sollte es dazu kommen, wäre am Ende wohl niemandem geholfen.

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