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    WÜRZBURG

    App hilft Sehbehinderten beim Landesgartenschaubesuch

    Internationaler Frühling
    Wege auf der Landesgartenschau. Wie finden sich sehbehinderte Menschen zurecht? Foto: Daniel Peter

    Die Programmiererin Leonore Drewes sieht kaum etwas. Zwischen hell und dunkel kann sie unterscheiden, mehr nicht. Jetzt besuchte sie die Landesgartenschau. Sie gefällt ihr.

    Mitglieder der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung sagen, sie seien nicht behindert, sie würden behindert. Nicht sie seien das Problem, sondern die Gesellschaft, die sie ausgrenze. Um nicht abhängig zu sein vom guten Willen anderer, fordern sie Assistenz und Barrierefreiheit.

    Barrierefrei ist die Landesgartenschau nicht, ohne Assistenz stünde Drewes im Blumenbeet. Aber Assistenz bietet die LGS an, gemeinsam mit dem Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg. Das BFW hat eine Applikation fürs Smartphone entwickelt, mit der auch Menschen ohne Augenlicht das Gelände erkunden können.

    Die kostenlose App heißt „BFW Smartinfo“. Über Satellit und Sender auf dem LGS-Gelände erkennt sie, wo das Smartphone sich befindet. Sie gibt mündliche Auskunft über Objekte, Wege und immobile Hindernisse.

    Von mobilen Barrieren wie Stühlen auf Wegen und Wiesen weiß sie allerdings nichts. An Beeten, Bäumen, Tafeln und sonstigen Schauobjekten sind QR-Codes angebracht. Die App teilt mit, wo blinde Besucher ihn auf einer Infotafel ertasten und scannen können. An manchen Stellen meldet sie sich selbst, aktiviert via GPS oder lokalen Sender. Hörbehinderten Menschen taugt sie ebenfalls; man kann einstellen, ob sie hörbar oder schriftlich kommuniziert.

    Hilfe auch für Rollstuhlfahrer

    Die App assistiert auch Rollstuhlfahrern. Gerd Herold, Berater beim Integrationsfachdienst, seit einem Motorradunfall querschnittsgelähmt, findet sie hilfreich. Eine wichtige Information, sagt er, sei zum Beispiel, auf welcher Wegseite der Stuhl leichter rollt. Das hat mit der Beschichtung des Wegs zu tun und mit seiner Neigung. Fußgänger ahnen nichts von der Plackerei im Rollstuhl, wenn der Weg seitlich abschüssig ist, damit das Regenwasser abfließen kann.

    Was ist Rot?

    Drewes sagt, es sei „falsch zu meinen, dass nur der visuelle Eindruck“ entscheide. Sie nehme die LGS mit allen Sinnen wahr, höre, taste und rieche. Weil sie nie mit den Augen sah, hat sie keine Vorstellung von Farben. Beschreibungen von Blumen in „feurigen Rottönen“ haben für sie etwas Theoretisches. Wie eine andere Welt sei das. „Aber ist ja interessant, mal eine andere Welt wahrzunehmen.“ Mithilfe der App habe sie sehr viel vom Besuch der LGS.

    Herold glaubt, jeder LGS-Gast könne von der App profitieren. Die Computerstimme aus dem Smartphone gibt Hinweise und erzählt Geschichten, die man ohne sie womöglich übersehen könnte. Sie hilft auch bei der Anreise mit dem ÖPNV.

    Für die Programmierer vom BFW hat die App Pilotcharakter. Sie sei „ein Beitrag zur Inklusion und zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Der elektronische LGS-Führer ist der BFW-Pressesprecherin Irene Girschner zufolge Teil der selbstgestellten Aufgabe, „die Gestaltung barrierefreier Informationstechnologie in öffentlichen Verwaltungen und in Unternehmen zu unterstützen“.

    Was ist das BFW?

    Das Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg ist ein 1962 gegründetes überregionales Bildungszentrum für blinde und sehbehinderte Menschen. Die Mehrzahl der Lehrgangsteilnehmer war vor der Seheinschränkung berufstätig. Das BFW begleitet sie mit Psychologen, Psychotherapeuten und Sozialarbeitern, wenn sie sich berufliche Perspektiven erarbeiten. Ziel ist ihre rasche Wiedereingliederung in das berufliche und gesellschaftliche Leben.

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