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    Würzburg

    Armut: Was den Berufsalltag mit bedürftigen Menschen prägt

    Stefan Seehaber ist Streetworker. In diesem und anderen Berufen stehen Menschen im Mittelpunkt, die von Armut betroffen sind. Foto: Christoph Weiß

    Bei manchen Berufen stehen die finanziellen Schwierigkeiten von armen Menschen im Mittelpunkt. Die Redaktion dieser Zeitung hat vier Menschen aus unterschiedlichen Berufen gebeten, aus ihrer Perspektive von ihrem Alltag zu berichten. Ein Streetworker, eine Schuldnerberaterin, eine Gerichtsvollzieherin und eine Verwaltungsangestellte geben Einblick in ihre Arbeit mit Menschen in finanzieller Not:

    Schuldnerberaterin

    Armut und Überschuldung sind nach wie vor sehr stigmatisiert. Schuldnerberaterin Nadja Fiedler hilft Betroffenen, wieder auf die Beine zu kommen.  Foto: Thomas Obermeier

    Ich berate überschuldete Bürger aus Stadt und Landkreis Würzburg. Überschuldung geht nicht zwingend, aber in den meisten Fällen mit Armut einher. Selbst Menschen, die über ein geregeltes Einkommen verfügen, sind häufig von Armut bedroht, da die Miete und Nebenkosten nicht selten mehr als die Hälfte ihrer Einnahmen auffressen. Häufig wird dann an Nahrungsmitteln und Freizeitaktivitäten gespart. Bezieher von Sozialleistungen oder Grundsicherung im Alter, trifft dies noch weit härter. Denn hier gibt es kein Einsparpotential mehr, die Leute sind gezwungen, mit dem bisschen zurecht zu kommen und davon alles zu bestreiten, was notwendig ist. Zum Beispiel sind die monatlichen Stromkosten in aller Regel höher als der Regelbedarf dies vorsieht.

    Kommen dann Zuzahlungen für Medikamente hinzu oder ist jemand Raucher, dann ist man schnell am Limit und spart ein, wo es noch irgendwie geht. Meistens reicht es am Monatsende dann nicht mehr für Obst und Gemüse, manchmal auch nicht mehr für blanke Nudeln, dann hilft nur noch der Gang zur Tafel. Mit diesen Menschen eine Perspektive zu erarbeiten, mit den Gläubigern zu verhandeln, zu schauen, ob man noch Leistungen von der öffentlichen Hand beantragen kann und welche weiteren Ansätze noch weiter helfen könnten, ihnen damit ein Stück weit ihr Selbstwertgefühl wieder zu geben, das prägt unsere tägliche Arbeit.

    "Belastend ist der Beruf vor allem dann, wenn es der Mensch, der vor einem sitzt, allen Mut verloren hat."
    Nadia Fiedler (Schuldnerberaterin)

    Armut und Überschuldung sind nach wie vor sehr stigmatisiert. Viele trauen sich nicht, eine Beratung in Anspruch zu nehmen, da es zu unserem gesellschaftlichen Leitbild gehört, erfolgreich zu sein, sich ein Haus, ein Auto, einen Urlaub leisten zu können. Wer das nicht schafft, fühlt sich als Versager, als Ausgestoßener. Dem christlichen Leitbild der Christophorus-Gesellschaft entsprechend ist es für uns aber nicht wichtig, was jemand hat oder nicht hat. Wir wollen Betroffenen dabei helfen, einen Weg aus ihren Problemen zu finden, damit er wieder auf die Beine kommt. Für diese Wertschätzung und vorurteilsfreie Unterstützung sind die Menschen sehr dankbar. Das zu spüren ist in der täglichen Arbeit eine große Energiequelle.

    Belastend ist der Beruf vor allem dann, wenn der Mensch, der vor einem sitzt, allen Mut verloren hat und keinen Ausweg mehr sieht. Das kommt zum Glück fast nie vor, es gibt für Überschuldete so gut wie immer einen Weg, manchmal dauert es nur etwas, bis man ihn findet. Wir haben in der Beratungsstelle ein tolles Team und tauschen uns regelmäßig aus. Das hilft sehr. Außerdem gibt es Familie, Freunde und Hobbys, die einen schnell auf andere Gedanken bringen.

    Unabhängig vom offiziellen Armutsbegriff, der sich an den Durchschnitteinkommen orientiert, ist in meinen Augen jeder arm, der sich die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht leisten kann. Und das hat nicht nur etwas mit Geld zu tun, sondern vor allem mit sozialen Kontakten. Diese lassen sich leichter pflegen, wenn man ein bisschen was im Geldbeutel übrig hat. Wenn der Kontakt zu anderen Menschen verloren geht, jemand dadurch einsam wird und mutlos, nicht mehr aus dem Haus geht, weil er sich aus Scham zurückzieht, dann ist jemand arm.

    Zur Person
    Nadia Fiedler ist Fachanwältin für Sozialrecht leitet die Schuldner- und Insolvenzberatung der Christophorus-Gesellschaft in Würzburg. Sie ist 49 Jahre alt.

    Streetworker

    Streetworker Stefan Seehaber ergreift Partei für Betroffene und begleitet sie zu Ämtern und Behörden. Foto: Christoph Weiß

    Als Streetworker suche ich junge Menschen am Bahnhof und in der Innenstadt Würzburgs auf. Ich informiere und berate die Klienten in unterschiedlichen Lebenslagen und stelle Kontakt zu deren Familien und weiterführenden Hilfseinrichtungen her. Gemeinsamen entwickeln wir Perspektiven. Bei Bedarf begleite ich die Klienten zu Ämtern und Behörden. Das parteiliche Eintreten für die jungen Menschen ist hierbei meine Grundhaltung. Ein weiterer Tätigkeitsbereich ist die Organisation der Anlaufstelle „Underground“ mit einem engagierten Team Ehrenamtlicher.

    Als bereichernd empfinde ich es, in einem bunten Arbeitsfeld mit den unterschiedlichsten Menschen in den verschiedensten Lebenslagen arbeiten zu können. Es ist herausfordernd und macht Freude auf der Grundlage von professioneller Nähe die Menschen zu unterstützen und zu begleiten. Gerne setzte ich mich für die Bedürfnisse und Ansprüche unserer Klienten ein.

    Als herausfordernd erlebe ich zudem das manchmal gefühlte „Zusehen müssen“ entlang der Grenze der Freiheit der jungen Menschen: Das Aushalten von Sackgassen, Um- und Irrwegen oder Rückschlägen, in einem Arbeitsfeld, das den Prinzipien von Freiwilligkeit, Akzeptanz, Vertraulichkeit und Niederschwelligkeit folgt. Unbefriedigend ist es manchmal, wenn ich mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nicht angemessen unterstützen kann und der erreichbare Kompromiss für die Klienten nicht zufriedenstellend ist.

    "Bedrückend ist, welche Bedeutung die soziale Herkunft für die Biografie junger Menschen hat."
    Stefan Seehaber (Streetworker)

    Ärgerlich ist das Vermeiden von Zuständigkeit seitens Behörden und Einrichtungen angesichts von „Grenzgängern“ in verschiedenen Hilfesystemen welche gerade besondere Unterstützung benötigen. Bedrückend ist, welche Bedeutung die soziale Herkunft für die Biografie junger Menschen hat und wie sehr die Bedürfnisse und Ansprüche armer Menschen unterrepräsentiert sind.

    Arm ist meiner Meinung nach jemand, der seine Grundbedürfnisse nicht stillen kann: Sich nicht ausreichend ernähren, sich nicht angemessen pflegen, sich keinen Wohnraum leisten kann oder keinen Wohnraum findet oder so „untergebracht“ ist, dass die Person keinen eigenen Rückzugsraum hat und keine Tür hinter sich schließen kann.

    Armut zeigt sich, wenn Menschen von grundlegender gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind: sie nicht wahrgenommen werden, keine Fürsprecher haben, sich Mobilität nicht leisten können, nicht auf Augenhöhe gesehen werden, um „Solidarität“ bitten müssen, damit sie für sich und ihre Familien gut sorgen können.

    Zur Person
    Stefan Seehaber ist Diplompädagoge in der Streetwork Würzburg. Er ist 43 Jahre alt.

    Gerichtsvollzieherin

    Gerichtsvollzieherin Diana Geyer ist es wichtig, Schuldnern die Lage mit verständlichen Worten zu erklären. Foto: Anand Anders

    Ich bin Gerichtsvollzieherin in Schweinfurt und meine Aufgabe ist es, offene Forderungen von Schuldnern einzutreiben. Diesen Forderungen liegt in der Regel ein vollstreckbarer Titel, wie Vollstreckungsbescheide oder Urteile zugrunde. Ich bin das Bindeglied zwischen Gläubiger und Schuldner, um für beide Parteien, die bestmöglichste Lösung zu finden.

    Die Vielfältigkeit und Abwechslung mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun zu haben, bereichert mich sehr. Es ist mir auch wichtig, für die Schuldner ein offenes Ohr zu haben und ihnen die Lage mit verständlichen Worten zu erklären. Dadurch kann ich Hilfestellung leisten und Lösungen für beide Seiten finden.

    "Wenn Kinder involviert sind, finde ich das sehr belastend."
    Diana Geyer (Gerichtsvollzieherin)

    Es ist immer schwer, wenn durch Schicksalsschläge Existenzen zerstört werden – vor allem auch wenn Kinder betroffen sind. Es kommt immer wieder vor, dass durch Krankheit oder Arbeitsverlust die anfallenden Lebenshaltungskosten nicht mehr getragen werden können. Wenn Kinder involviert sind, finde ich das sehr belastend. Ich versuche Hilfe zu leisten und entsprechende Beratungsstellen zu empfehlen.

    Meiner Ansicht nach ist jemand in unserer Region arm, wenn er durch sein Einkommen den Lebensunterhalt nicht bestreiten kann. Wenn keine Miete, Nebenkosten, Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs erworben werden können.

    Zur Person
    Diana Geyer ist Obergerichtsvollzieherin am Amtsgericht Schweinfurt. Sie ist 42 Jahre alt.

    Verwaltungsangestellte

    Yasemin Roth von der Wohnungsbörse "Fairmieten" kümmert sich um den Papierkram und begleitet Sozialhilfeempfänger bei Wohnungsbesichtigungen. Foto: Björn Kohlhepp

    Ich bin Verwaltungsangestellte bei der Sozialen Wohnungsbörse „FairMieten“ in Lohr. Meine Aufgabe ist es Wohnungen für Personen zu suchen und zu vermitteln, die Sozialleistungen beziehen. Ich gehe mit zu Besichtigungen und kümmere mich um den „Papierkram“ der für die Anmietung erforderlich ist. Außerdem bin ich eine Ansprechpartnerin für Mieter und Vermieter bei Fragen zu Abrechnungen, Mietvertrag und gesetzlichen Bestimmungen.

    Es bereichert mich zu wissen, dass ich einer Einzelperson oder Familie wieder ein Stück Lebensqualität zurückgegeben habe. Vor allem den Kindern! Die Mieter und Vermieter schenken mir ihr Vertrauen. Ihnen ist wichtig, dass ich mich um alles kümmere und eine positive Vermittlung zustande kommt.

    "Ich versuche das nicht mit nach Hause zu nehmen, aber das gelingt mir nicht immer."
    Yasemin Roth (Verwaltungsangestellte)

    Aber es gibt einfach viel zu wenige Wohnungen für die vielen suchenden Menschen. Es kommen jeden Tag Personen zu mir, die ich nur vertrösten kann. Mich belastet es, wenn Vermieter am Telefon absagen, sobald sie erfahren, dass die Wohnung bedürftigen Menschen zugutekommen soll. Ich versuche das nicht mit nach Hause zu nehmen, aber das gelingt mir nicht immer. Als alleinerziehende Mutter habe ich genug zu tun, aber es frustriert und belastet, nicht so helfen zu können.

    In Unterfranken ist man arm, wenn man sich trotz Arbeit, keinen Urlaub leisten kann. Wenn ich mir die Miete für die Wohnung nicht mehr leisten kann, wenn ich vom sozialen Leben abgeschnitten bin, wenn ich meinen Kindern den Sport, das Kino und das Eis nicht ermöglichen kann. Wenn ich als Rentner Pfandflaschen sammeln muss, wenn ich von "Hartz IV" leben muss – dann ist man arm.

    Zur Person
    Yasemin Roth ist Verwaltungsangestellte beim Caritasverband des Landkreises Main-Spessart. Sie ist 43 Jahre alt.

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