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    WÜRZBURG

    Auch Blinde können HipHop tanzen

    Jugendliche mit verschiedenen Handicaps trainieren in den Mainfränkischen Werkstätten einmal in der Woche HipHop.
    Jugendliche mit verschiedenen Handicaps trainieren in den Mainfränkischen Werkstätten einmal in der Woche HipHop. Foto: Foto:Pat Christ

    HipHop gilt als cooler Tanz für dynamische, energiegeladene Jungs. Doch man muss nicht super durchtrainiert sein, um HipHop tanzen zu können. „HipHop ist auch möglich, wenn man im Rollstuhl sitzt, blind ist oder eine Gehörbeeinträchtigung hat“, sagt Patrizia Kurz, Würzburgs erste HipHop-Tanzlehrerin für Menschen mit und ohne Handicap. Seit September bringt die 36-Jährige behinderten Jugendlichen aus den Mainfränkischen Werkstätten das HipHop-Tanzen bei.

    Getanzt hat Patrizia Kurz schon immer gern. Doch sich zur Tanzlehrerin ausbilden zu lassen, dafür fehlten lange Zeit und Geld. Über ihre heute zehn Jahre alte Tochter kam die Alleinerziehende dazu, sich zur Tanzlehrerin ausbilden zu lassen.

    Zunächst übernahm sie in der Tanzschule ihrer Tochter auf Bitten des Tanzlehrers erste Kurse. 2014 begann sie ihre zweijährige Ausbildung bei der Deutschen Tanzlehrer- und HipHop-Tanzlehrer-Organisation (DTHO). Dort brachte man ihr bei, wie man als HipHop-Lehrerin Oldschool, Newschool, House, Reggae und Funk unterrichtet, außerdem tauchte sie in die tänzerischen Raffinessen von Jazz, Ballett und Breakdance ein. Auch sportwissenschaftliche und psychologische Kenntnisse eignen sich DTHO-Tanzlehrer an.

    Kein explizites Thema allerdings ist Tanzunterricht für Menschen mit Handicap. „Das Konzept hierzu habe ich mir selbst erarbeitet“, sagt Kurz.

    Dabei konnte die gebürtige Sauerländerin auf vielfache Erfahrungen zurückgreifen. Zum einen hat sie selbst ein leichtes Handicap. Ihre Hüfte ist beschädigt: „Weshalb ich nicht besonders gelenkig bin.“ Als Baby musste sie lange Zeit Schienen tragen, um die Beine gerade auszurichten. Daran kann sie sich zwar nicht mehr erinnern: „Aber die Schienen besitze ich noch.“

    Außerdem hatte die heute 36-Jährige als Krankenschwester oft mit Menschen zu tun, die an gravierenden medizinischen Problemen litten. Aus diesem Grund fällt es ihr leicht, HipHop-Bewegungen so abzuändern, dass sie auch für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen machbar sind.

    Sevdil Kryzin ist in der heutigen HipHop-Stunde in den Mainfränkischen Werkstätten der einzige Jugendliche, der im Rollstuhl sitzt. Das macht ihm nichts aus. Im Gegenteil. Er ist mit Feuereifer dabei und probiert vor dem großen Spiegel in der Turnhalle neue Figuren aus, die das, was die anderen hinter ihm tanzen, prima ergänzt. Jetzt reicht ihm Patrizia Kurz ihre Hand. Kryzin stößt sich daran fest ab und schafft eine volle Drehung mit dem Rollstuhl. „Das hast du ganz klasse hingekriegt!“, lobt ihn Kurz.

    Menschen mit Handicap durch HipHop-Kursen Selbstbewusstsein zu vermitteln, ist das wichtigste Anliegen der jungen Frau, die sich das Standbein „Tanzen“ neben ihrem Job in einer Neubrunner Arztpraxis aufbauen möchte.

    „Viele Betroffene trauen sich erst mal nicht“, hat sie in den letzten Wochen erfahren. Sie denken, dass sie niemals fähig sein würden, die auf den ersten Blick komplizierte HipHop-Choreografie einzustudieren: „Andere befürchten, dass die Bewegungen bei ihnen blöd ausschauen würden.“ Beides ist unbegründet. Denn Tatsache ist: Die Jugendlichen aus dem Berufsbildungsjahr der Mainfränkischen Werkstätten lernen die Tanzschritte nicht schlechter und nicht langsamer als normal begabte Teenager. Das erscheint erstaunlich, weil sich viele schwer tun, sich neues Wissen anzueignen, wie die 19-jährige Lea Deutscher bestätigt: „Schule war schwierig, ich bekam eine richtige Schulphobie.“ Was ihr Patrizia Kurz beibringt, hat die junge Frau jedoch schnell intus. „Das liegt daran, dass unser Kurs nichts mit Schule zu tun hat“, erklärt Kurz. Gelernt wird mit allen Sinnen, emotional und intuitiv.

    Einen ersten Auftritt in kleinerem Kreis hat die Truppe inzwischen hinter sich. 2017 möchte Kurz ihr Projekt auf einer großen Bühne präsentieren – womöglich beim Stadtfest. Mittelfristig hat sie vor, Gebärdensprache zu erlernen, um gehörgeschädigte HipHop-Fans integrieren zu können.

    Für 2017 plant Kurz zwei inklusive HipHop-Kurse für Erwachsene (freitags) und für Jugendliche (mittwochs). In beiden Kursen sind noch Plätze frei. Interessierte können sich bei Patrizia Kurz melden unter Tel. 01575- 7562997 oder per E-Mail: ParaDancingWue@gmail.com.

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