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    Ochsenfurt

    Aus für die Bereitschaftspraxis an der Main-Klinik

    Ärzte und Krankenhausbetreiber sind enttäuscht, dass einem funktionierenden System die finanzielle Basis entzogen wird. Die KVB nennt rechtliche Bedenken als Grund.
    Nur noch bis Ende Juli hat die Bereitschaftspraxis an der Main-Klinik geöffnet. Dann müssen ambulante Patienten an Wochenenden nach Würzburg oder Kitzingen fahren. Foto: Gerhard Meißner

    Fünf Jahre lang hat sie gut funktioniert. Zum Monatsende muss die Bereitschaftspraxis an der Ochsenfurter Main-Klinik die Arbeit einstellen, weil ihr die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) die Finanzierungsgrundlage entzogen hat. Stattdessen müssen Kranke künftig an Wochenenden nach Würzburg, Kitzingen oder Bad Mergentheim. Verantwortliche der Main-Klinik, des Ärztenetzwerks MainArzt und auch der unterfränkische Bevollmächtige der KVB und Bezirksvorsitzende des Hausärzteverbands, Christian Pfeiffer, bedauern den Schritt. Am Ende geht es um ungedeckte Kosten von weniger als 20 000 Euro pro Jahr.

    Christian Pfeiffer, neben seinen Verbandsfunktionen niedergelassener Allgemeinmediziner in Giebelstadt, war gemeinsam mit MainArzt und Main-Klinik eine der treibenden Kräfte bei der Gründung der Bereitschaftspraxis. Ärzte sollten ihren hausärztlichen Bereitschaftsdienst an Wochenenden nicht mehr in der heimischen Praxis verrichten müssen, sondern in den Räumen der "Praxis am Greinberg", die direkt an die Main-Klinik angeschlossen ist.

    Gewinn für alle Beteiligten

    Alle Beteiligten profitierten von dem System, sagt MainArzt-Geschäftsführer Heiner Redeker: Die Patienten, weil es für sie eine zentrale Anlaufstelle gab und sie nicht erst recherchieren mussten, welcher Arzt gerade Bereitschaft hat. Die Bereitschaftsärzte, weil ihnen abseits vom Alltagsbetrieb eine gut ausgestattete Praxis und in besonderen Fällen auch die Einrichtungen der Klinik zur Verfügung standen. Und die Main-Klinik, weil deren Notaufnahme um die Patienten entlastet wurde, die minder schwer erkrankt und damit eigentlich ein Fall für die ambulante Versorgung waren.

    Durchschnittlich 30 Patienten machten pro Öffnungstag von dem Angebot Gebrauch, sagt Redecker, rund 3700 Fälle rechnete MainArzt pro Jahr ab.  Die Kooperationspartner waren damit ihrer Zeit voraus, denn später übernahm die KVB das System der Bereitschaftspraxen und legte ein flächendeckendes Netz über ganz Bayern. Das Problem dabei: Ochsenfurt kam in diesem Netz nicht mehr vor. Stattdessen sollte der südlichen Landkreis Würzburg von den Bereitschaftspraxen am Würzburger Juliusspital, an der Klinik Kitzinger Land und am Caritas-Krankenhaus in Bad Mergentheim betreut werden.

    "Allen Beteiligten blutet das Herz, wir haben viel Arbeit und Energie in den Aufbau der Bereitschaftspraxis gesteckt."
    Christian Pfeiffer, Facharzt für Allgemeinmedizin

    Trotzdem ließ die KVB die Bereitschaftspraxis an der Main-Klinik gewähren und zahlte den üblichen Zuschlag zu den Behandlungskosten von fünf Euro pro Fall. Vier Euro davon gaben die Bereitschaftsärzte für Verwaltung, Miete und Sachkosten an Main-Klinik und MainArzt  weiter. Anfang Juli habe die KVB nun mitgeteilt, dass sie den Zuschlag rückwirkend zum 1. Juli nicht mehr zahlen wolle, teilt Heiner Redeker mit.

    "Uns wurde im laufenden Vertrag die Finanzierungsgrundlage entzogen", sagt Klinik-Geschäftsführer Christian Schell. "Die Zusammenarbeit zwischen den Ärzten und der Klinik hatte sich sehr gut eingespielt, wir bedauern, dass das nicht mehr gewollt ist, weil die Bereitschaftspraxis aus Sicht der KVB nicht versorgungsrelevant ist." Die Folge werde vermutlich sein, dass künftig wieder verstärkt ambulante Patienten die Notaufnahme der Klinik aufsuchen und von dort an die Bereitschaftspraxen nach Würzburg oder Kitzingen verwiesen werden müssen.

    Rechtsbedenken und höchstrichterliche Entscheidungen

    Die KVB ihrerseits begründet die Änderung im Zuschlagssystem mit erheblichen Rechtsbedenken und höchstrichterlichen Urteilen, "welche es uns letztlich leider unmöglich machen, die Honorarzuschläge in der bisherigen Form aufrecht zu erhalten." So der zuständige Regionalleiter der KVB, Manuel Holder, auf eine Anfrage dieser Redaktion.

    Enttäuscht reagiert Mitinitator Christian Pfeiffer. "Allen Beteiligten blutet das Herz", sagt der Allgemeinmediziner, "wir haben viel Arbeit und Energie in den Aufbau der Bereitschaftspraxis gesteckt." Paradoxerweise muss die Praxis gerade deshalb geschlossen werden, weil sich das Projekt als zukunftsweisend erwiesen hat. 

    Letztlich ist sogar der Gesetzgeber auf das Modell aufgesprungen und will mit dem im Mai in Kraft getretenen Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) den Aufbau einer bundesweiten Versorgungsstruktur mit Bereitschaftspraxen fördern. Heiner Redeker nimmt deshalb die KVB in Schutz. "Es wäre unfair, ihr allein den Schwarzen Peter zuzuschieben", sagt er. 

    "Die MainArzt GmbH hat sich nicht bereit erklärt, die Kriterien zur Übernahme der Betriebskosten durch die KVB zu erfüllen."
    Manuel Holder, Kassennärztliche Vereinigung Bayern

    Die KVB ihrerseits teilt mit, dass eine Förderung auch weiterhin möglich wäre. Allerdings sei die Einrichtung von Bereitschaftspraxen an Kriterien geknüpft, die zwischen der KVB, den Krankenkassen und der Bayerischen Krankenhausgesellschaft verbindlich vereinbart wurden, und die von der Bereitschaftspraxis in Ochsenfurt nicht erfüllt werden, so Manuel Holder. "Die MainArzt GmbH hat sich in umfangreichen Gesprächen während der letzten Jahre nicht bereit erklärt, die Kriterien zur Übernahme der Betriebskosten durch die KVB zu erfüllen", heißt es in seiner Stellungnahme. Die Vorgaben betreffen vornehmlich die Praxisausstattung und die Einsicht in die Buchführung zur Prüfung des Erstattungsanspruchs.

    Inzwischen hat die KVB den Aufbau ihres Versorgungsnetzes abgeschlossen. Es umfasst 109 Bereitschaftspraxen in Bayern, ergänzt um einen häuslichen Besuchsdienst für nicht mobile Patienten. Grundsätzlich sehen die vertraglichen Vereinbarungen eine Erreichbarkeit innerhalb von 30 Kilometern oder 30 Minuten Fahrzeit vor. "Die Versorgung vor Ort wird auch weiterhin durch die bereits vorhandenen Bereitschaftpraxen aufrecht erhalten", so Holder.

    Kommunale Allianz kritisiert die Schließung

    Helmut Krämer, Bürgermeister von Giebelstadt und Sprecher der kommunalen Allianz "Fränkischer Süden" aus 14 Gemeinden im südlichen Landkreis Würzburg, will die Entscheidung nicht hinnehmen, wie er im Gespräch mit der Redaktion betont. Er bezeichnet es als "Unfug" einerseits zunehmende Lücken in den medizinischen Versorgung des ländlichen Raums zu beklagen und andererseits funktionierende Strukturen zu zerschlagen. Am Sonntag, 28. Juli, wird die Bereitschaftspraxis zum letzten Mal geöffnet sein.

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