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    Würzburg

    „Backbord! Und Gas!“

    Markus Schlindwein kennt sie alle. Knoten wie Webeleinstek, Palstek, einfacher Schotstek, Kreuzknoten, Achterknoten. Die schüttelt Schlindwein nur so aus dem Ärmel. Mit verbundenen Augen. Vermutlich auch noch im Schlaf. Aber das ist ja irgendwie auch kein Wunder, schließlich übt Schlindwein seit 25 Jahren mit Prüflingen Knoten. In seinem Bildungszentrum für Sportbootfahrer und Segler in Waldbüttelbrunn bei Würzburg geben sich die Neulinge ganzjährig die Klinke in die Hand. Es ist das einzige gewerbliche Ausbildungszentrum in der Region. Aber auch Wassersportvereine oder Wassersportschulen bieten Kurse an.

    Mit wie vielen Anwärtern und Anwärterinnen Markus Schlindwein schon über den Main geschippert ist, lässt sich nicht mehr so genau sagen. Allenfalls grob hochrechnen bei 250 bis 300 Prüflingen im Schnitt pro Jahr, darunter 20 bis 25 Prozent Frauen. Theorie und Praxis umfassen 16 Stunden, dann wird der Traum vom Motorbootfahren wahr. Je nach Art des Scheins nur auf Flüssen oder mit dem zusätzlichen Seeschein auch auf dem Meer.

    Markus Schlindwein, Jahrgang 1966, ist ein gestandener Seemann, verbringt mit Ausbildungsstunden 1500 Seemeilen pro Jahr auf der Segeljacht und 400 Stunden auf dem Main. Den Würzburger Diplom-Ingenieur für Kunststofftechnik, der schon mit zehn Jahren auf dem elterlichen Boot agieren durfte, erschüttert so schnell nichts. Sturm auf dem Meer? Kein Problem. „Kann nichts passieren. Segelboote haben einen Kiel, die können nicht kentern“, erklärt Schlindwein ruhig und setzt sich lässig auf den Sitz hinter dem Fahrschulcockpit. Die Nordsee, erzählt er, sei aktuell sein privates Segelrevier, das Mittelmeer hat er mehr oder weniger durch.

    Und auf dem Main mit den Motorboot-Anfängern? War es denn nie gefährlich in all den Jahren? Schlindwein lacht auf. „Das ist hier alles machbar. Auch für Anfänger. Ich sage immer, hört oder seht euch vor einer Bootsfahrt oder einem Segeltörn den Wetterbericht an, dann halten sich die Gefahren wirklich sehr in Grenzen.“

    Allerdings, so gibt der Experte zu, sei das Wetter in manchen Regionen tatsächlich schwer einzuschätzen. Wenn der Himmel überfallartig schwarz und der Wellengang heftig wird. Wetterbericht. Pisswetter. Windböen. Das passt ja. Gerade schüttet es wie aus Kübeln. Und Schlindwein wartet seelenruhig im Regen auf dem Bootssteg auf Fahrschüler Rene.

    Der Blick von der Marina-Hafenbar nahe der Löwenbrücke in Würzburg rüber zu den Flusskreuzern an der Kaimauer ist nicht gerade das, was man eine klare Sicht nennt. Der Regen prasselt auf die Frontscheibe des Bootes und der tiefenentspannte Fahrlehrer Markus telefoniert jetzt mit dem aufgeregten Fahrschüler Rene. Der junge Mann steht im Stau. „Kann passieren“, sagt Schlindwein.

    Die Ruhe weghaben. Das muss er auch, sagt Schlindwein. „Sonst würde man in dem Job ja wahnsinnig werden.“ Ungeduld sei ein schlechter Ratgeber. Vor allem, wenn man so vielen Menschen in so kurzen Abständen eine den meisten völlig unbekannte Materie vermitteln möchte. Trotz Lenkrad und Gas – Bootsfahren und Autofahren haben nichts miteinander zu tun. Im Gegenteil. Wer versucht, auf dem Boot wie auf der Straße zu agieren, hat schon verloren.

    Rene ist jetzt da, steigt auf das blau-weiße Fahrschulboot, das seinen Liegeplatz an der Marina-Hafenbar hat. Es geht los! In fünf Tagen hat der 29-Jährige Prüfung, entsprechend routiniert legt er ab. Und Schlindwein legt los: „Vorwärtsgang rein, wieder raus, einschlagen, Mist, da kommt'n Dampfer, Vorwärtsgang raus, Backbord einschlagen, und wieder rückwärts, alles gut, jetzt kannste raus.“

    Das Boot tuckert los. Hinter dem Restaurantschiff Mainkuh soll Rene an der Kaimauer das Anlegen üben. Die Theorie hat er schon gut drauf, nicht zuletzt wegen einer speziellen Lern-App. 253 Fragen gibt es, 30 davon kommen in der Prüfung dran. Rene schaut jetzt auf ein Polizeiboot, das vor dem Fahrschulboot auftaucht. „Was bedeutet das, wenn du von einem anderen Schiff zwei kurze Signaltöne hörst?“, greift Schlindwein gleich eine mögliche Prüfungsfrage auf. Rene schaut kurz irritiert, dann fällt es ihm wieder ein: „Das andere Boot signalisiert damit Kursänderung Backbord.“

    Die Knoten würden jetzt gut bei ihm klappen, erzählt Rene. „Wie viele muss ich bei der Prüfung eigentlich können?“, fragt er. Schlindwein grinst breit. „Alle“, sagt er trocken. „Im Ernst, von sechs Knoten musst du fünf können, also musst du alle drauf haben.“ Rene nickt. Sorgen macht er sich nur, dass er bei der Prüfung vor lauter Aufregung spontan Backbord und Steuerbord verwechseln könnte. Ansonsten fühlt er sich sicher. Das demonstriert er jetzt auch gleich beim Anlegen an der Kaimauer. „Prima! Genau so. Butterweich“, schwärmt Schlindwein. Aber eine Vorführung reicht dem strengen wie gelassenen Fahrlehrer natürlich nicht. Und schon beim nächsten Versuch gibt es noch einiges zu korrigieren. Winkel zu spitz. Vergessen, Gas zu geben. Gang nicht rausgemacht. Der Regen wird stärker, der 29-Jährige schaut konzentriert nach vorne.

    „Wie bedient man hier eigentlich den Scheibenwischer?“, fragt er. Die Augen hinter Schlindweins runden Brillengläsern blitzen jetzt, und er grinst verschmitzt. Gleich wird der Ausbilder wieder einen seiner berüchtigten Sprüche raushauen, die den Kursteilnehmern schon in der ersten Theoriestunde beim unermüdlichen Lernen der wichtigsten Knoten signalisieren: Die Sache hier ist ernst und erfordert höchste Konzentration, aber ohne Lachen und Spaß lernt es sich ganz schlecht. „Du kannst das Ding gerne anmachen, aber verfall dann bitte nicht gleich in Begeisterungsstürme“, sagt Schlindwein. Pling, der Scheibenwischer rutscht kurz über die Scheibe und Rene muss angesichts des kleinen Sichtloches lachen. Dann wird es ernst. „Mann über Bord!“

    Schlindwein wirft den orangenen Rettungsring in den Main. Der schwimmt jetzt einsam vor den am Ufer angelegten mächtigen Flusskreuzern. „Beobachten“, sagt Rene und Schlindwein nickt. Rene steuert das Boot vorschriftsmäßig stromaufwärts, wendet und fährt an den Ring ran. „Gut“, lobt Schlindwein. „Und gleich noch einmal!“

    Dann steht Wenden auf engstem Raum an, auch „Drehen auf dem Teller“ genannt. Auf dem Rückweg übernimmt Schlindwein das Steuer und Rene zeigt auf dem Beifahrersitz sein Können mit den Knoten. Klappt alles gut. Palstek, Achterknoten. Selbstbewusst klettert Rene vom Boot – und überlässt dem nächsten Anwärter das Steuer.

    Motorbootfahren und Segeln

    Wer sich für den Sportbootführerschein oder den Segelschein interessiert, kann sich in Unterfranken bei gewerblichen Anbietern wie Markus Schlindwein in der Region Würzburg erkundigen oder bei Wassersportvereinen in der Nähe nachfragen, ob dort in Theorie und Praxis geschulte Lehrer Kurse anbieten. Für Motorbootfahrer ist der Sportbootführerschein Binnen unter Motor auf Binnengewässern und der Sportbootführerschein See auf dem Meer vom Gesetzgeber vorgeschrieben. In Deutschland ist das Führen eines Sportmotorbootes unter 15 PS führerscheinfrei. Andere Länder haben andere Vorschriften, in Kroatien braucht man den Führerschein in jedem Fall.

    Der Segler benötigt ebenfalls den Sportmotorführerschein Binnen, wenn er ein Segelboot mit mehr als 15 PS fahren will. Für das Meer braucht der Segler den Sportbootführerschein See, wichtig ist aber vor allem der Sportküstenschifferschein als Segelbefähigungsnachweis.

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    www.mainpost.de/wasser

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