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    SONDERHOFEN

    „Backstein- und Mörtelpriester“

    Es war der 10. November 1827 als Martin Gessner in der Gaugemeinde Sonderhofen geboren wurde. Dem vierten Sohn von Apollonia und Kaspar Gessner wurde damals nicht an der Wiege gesungen, dass er in seinem Geburtsort nahezu vergessen, aber in der Stadt Elizabeth im Staat New Jersey in den USA heute noch als großer Wohltäter verehrt wird. Dass mit Martin Gessner der Gemeinde ein „großer Sohn“ geboren wurde, das haben die Sonderhöfer Carl Ganz zu verdanken.

    Der Amerikaner, dessen Liebe zu Deutschland ihm seine von Essen nach Amerika ausgewanderten Großeltern vererbt haben, nutzte seinen inzwischen siebten Aufenthalt in Deutschland, um mit seiner Frau Wendy und den vier Kindern Sonderhofen zu besuchen. Der Softwareentwickler, der mit Pfarrer Klaus König, Bürgermeister Heribert Neckermann und dessen Amtsvorgänger Ludwig Mühleck auf die Suche nach Spuren von Martin Gessner ging, brachte mit dem von ihm verfassten Buch „The Grand Old Man Of The Port“ (Der große alte Mann des Hafens) ein besonderes Gastgeschenk mit.

    Der 53-jährige, der bereits vor Jahren den Kontakt zum damaligen Bürgermeister Ludwig Mühleck aufgenommen hat, um etwas über die Herkunft des Bauernsohnes Martin Gessner zu erfahren, erzählt in dem Buch vom Leben des Dean (Dekan), der zu einem der bedeutendsten amerikanischen Pfarrer seiner Zeit aufgestiegen ist.

    Auf 240 Seiten spürt Carl Ganz, der Mitglied in zwei katholischen Gruppen ist, dem Wirken des Sonderhöfers nach. Als 23-Jähriger zog Martin Gessner, der jüngste unter den vier Brüdern, aus seinem kleinen Heimatort hinaus in die große Welt.

    In einer alten Passierliste ist zu lesen, dass er Anfang 1851 im französischen Le Havre an Bord eines Schiffes mit Richtung Amerika gegangen ist.

    In der Sonderhöfer Ortschronik liest sich Martin Gessners Lebenslauf so: „In Nordamerika war er zunächst fünf Jahre lang als Hutmacher tätig, bevor er die Neigung zum Priesterstand bekam.“ Nach dem Studium in den USA und in Innsbruck wurde der 37-jährige am 15. August 1863 in der Münchner Hofkirche St. Michael zum Priester geweiht. Zurückgekehrt nach Amerika begann er sein priesterliches Wirken zunächst als Missionspfarrer in Harber City im Staat New Jersey. Anschließend übernahm er die Pfarrei St. Patrick's in Elizabeth.

    Tiefer Glaube

    Das Werk von Carl Ganz, der von dem tiefen Glauben des Geistlichen beeindruckt ist, beinhaltet ebenso eine Biografie wie eine Geschichte der amerikanischen katholischen Kirche im 19. Jahrhundert. Akribisch beleuchtet der Autor das Leben in der Pfarrei und erkundet die Strukturen zwischen Gemeindemitgliedern, die Pfarrorganisation und die innere Politik.

    Pfarrer Gessner, der bis heute eine Legende geblieben ist, sah die Kirche auf allen Ebenen, vom Standpunkt der Gemeindemitglieder auf der Kirchenbank bis hinauf zu den höchsten Ebenen des Episkopats. Zwei seiner engsten Freunde gehörten zu den einflussreichsten Bischöfe in den Vereinigten Staaten: Bernhard McQuaid (1823-1909) und Erzbischof Michael Corrigan (1839-1902).

    Wie Carl Ganz es beschreibt, nahm Dean Gessner an vielen Veranstaltungen teil und bot selbst den Stoff, aus dem Artikel verfasst wurden, dass nach den unzähligen Veröffentlichungen in den örtlichen Tageszeitungen sein Leben einen Einblick in die kritischsten, faszinierendsten, prägendsten und aufregendsten Jahre der katholischen Kirche in Nordamerika bietet.

    Martin Gessner, der nie als nationale Figur, aber sicher als mächtige regionale Kraft beschrieben wird, baute in Elizabeth drei Kirchen, zwei Gymnasien, eine Grundschule, zwei Pfarrhäuser, ein Kloster, einen Pfarrsaal und ein Gemeindehaus. Der Versuch, ein Waisenhaus zu bauen, scheiterte am Verbot des Bischofs.

    Einen Großteil seines nahezu fünf Jahrzehnte währenden Wirkens verbrachte Martin Gessner so als „Backstein- und Mörtel-Priester“. Der intelligente Dekan, der in praktischen Dingen sehr fähig, aber kein Intellektueller war, „kämpfte wie der Teufel und äußerte seine Meinung zu den moralisch-politischen Fragen des Tages,“ schreibt Carl Ganz.

    Mächtiger Stadtpfarrer

    Wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag am 5. November 1912 verstarb Martin Gessner. 40 Jahre lang verkörperte er den mächtigen Stadtpfarrer in der Pfarrei St. Patrik's, für die er selbst im Jahre 1900 die Kirche hatte bauen lassen. In seinem Viertel unweit des Hudson Rivers diente der Pfarrer wie ein „Polizeichef“ als Bürgerbeauftragter, Ratsmitglied und Anwalt der von ihm betreuten Menschen. Bekannt war Martin Gessner dafür, dass er im Beichtstuhl moralische Kämpfe mit seinen Pfarrkindern führte.

    Wurde der moralische Kampf von äußeren Einflüssen wie den Saloons oder dem Verkauf von unmoralischer Literatur beeinflusst, verlegte er seinen Kampf um die Einhaltung von Sitte und Anstand ins Rathaus. Unermüdlich kämpfte er darum, alles Schlechte aus seiner Pfarrei fernzuhalten. Die New York Sun schrieb 1892 von Martin Gessner: „Böse Macher fürchten ihn mehr als die Polizei“. Als Pastor war er in erster Linie der Hauptprotagonist in einem ausdauernden moralischen Drama.

    Der erste päpstliche Nuntius Gaetano Bedini (1806-1864), der die Vereinigten Staaten besuchte, bemerkte, dass seine überwiegend aus Iren bestehenden Gemeindemitglieder „in ihrem Pfarrer keinen einfachen Religionsminister sehen“. Dafür aber „ihren verehrten Vater, ihren Magistrat, ihren Richter, ihren König, ihren Papa, ihr Idol“.

    Neben dem Kampf gegen die moralischen Laster seiner Zeit stritt Martin Gessner auch manches Mal mit benachbarten Geistlichen, mit seinen Gemeindemitgliedern und gelegentlich auch mit seinem Bischof. Er war, wie der Autor schreibt, nicht immer einer der besten unter den Pastoren in Elizabeth und engagierte sich oft in territorialen Kämpfen, die mehrfach bischöfliche Interventionen erforderlich machten.

    Direkter Kommunikationsstil

    Gessner, der einen sehr direkten Kommunikationsstil besaß, war kein Politiker, der in gequälten diplomatischen Worten sprach. Das Fehlen jeglicher diplomatischer Fähigkeiten war sowohl seinen Unterstützern wie auch seinen Kritikern wohlbekannt. Jeder wusste immer, wo sie mit dem Dekan standen, der aus seiner Meinung nie ein Geheimnis machte.

    Seine Worte waren, wie Carl Ganz es beschreibt, so klar, dass er den Großteil der Gedanken von Martin Gessner in dem Buch durch direkte Zitate ausdrückt. Das Motto des Dean war: „Sag die Wahrheit, egal welche Konsequenzen folgen.“ Dass er selbst sein Motto überall und immer einhielt, das steht, so der Autor, außer Frage. Martin Gessners persönliche Heiligkeit kombiniert mit dem Nimbus der Kompetenz, der jede seiner Handlungen charakterisierte und seine scheinbar übermenschliche Fähigkeit sowie seine harte Arbeit machten ihn zu einer verehrten Persönlichkeit unter seinen Gemeindemitgliedern und im Klerus.

    Seine Pfarrei St. Patrick's, die 40 Jahre lang eine dynamische und auch eine der größten in der Diözese war, hält ihn heute noch in Ehren, den Martin Gessner, der vor 167 Jahren aus Sonderhofen losgezogen ist, um sein Glück zu suchen und es in Amerika auch gefunden hat.

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