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    Bütthard

    Bauern und Verbraucher müssen Freunde werden

    Michael Stolzenberger inmitten seines Ackers, in dem Karotten zur Saatgutgewinnung angebaut werden. Foto: Gerhard Meißne...

    Er ist jung, er ist bio, und er nimmt kein Blatt vor den Mund: Der Kreisobmann des Bauernverbands Michael Stolzenberger aus Oesfeld vertritt eine neue Generation von Landwirten. Um erfolgreich zu sein, müssen seine Berufskollegen heute flexibel bleiben und gemeinsam mit den Verbrauchern an einem positiven Image der regionalen Landwirtschaft arbeiten, sagt er im Interview.

    Frage: Es ist ja schon ungewöhnlich, dass ein junger Landwirt zum Kreisobmann des Bauernverbands gewählt wird. Dann auch noch ein Biobauer. Ist das ein Zeichen, dass es unter den Landwirten einen großen Wunsch nach Veränderung und neuen Impulsen gibt?

    Michael Stolzenberger: Vielleicht, ich weiß es nicht. Ein Biolandwirt vielleicht auch deshalb, weil der eine oder andere die Biolandwirtschaft als Chance erkannt hat. Als wir umgestellt haben, war ich 21. Damals sind wir belächelt worden. Jetzt, wo auch große Betriebe umstellen, horcht mancher auf und sagt sich, das könnte doch was sein.

    Wo rührt dieser Wunsch nach Veränderung her? 

    Stolzenberger: Viele Betriebe merken halt, dass gerade durch den Wegfall der Zuckermarktordnung - die Zuckerrübe ist ja hier immer noch das tragende Glied – auch eine gewisse Sicherheit wegbricht. Wir müssen uns umorientieren. Wenn das mit einem Generationswechsel in den Betrieben zusammenfällt, überlegt man sich natürlich, was können wir anders machen, welche Möglichkeiten haben wir. Zu sagen, mein Vater und mein Großvater hatten immer Kühe, ich werde auch immer Kühe haben, ist für den einen vielleicht richtig, aber nicht für jeden.

    Was hat Sie an dieser Aufgabe als Kreisobmann gereizt und wie gehen Sie sie an?

    Stolzenberger: Meine Ambition war halt immer, nicht zu schimpfen, sondern etwas zu machen. Ich bin sehr offen und ehrlich in meinen Aussagen, und ich glaube, das kommt auch ganz gut an.

    Sie haben sich für die Bio-Schiene entschieden. Wie kam es dazu?

    Stolzenberger: Bis 2010 war das ein ganz normaler, konventioneller Nebenerwerbsbetrieb. Als wir 2011 umgestellt haben, war ich gerade in den letzten Zügen meines Studiums in Triesdorf. Im folgenden Jahr hatten wir die Möglichkeit, Bioflächen zuzupachten. Im ersten Jahr haben wir mit einem Hektar Kürbis angefangen, dann kamen Rote Bete und Möhren hinzu. Ich bin nach dem Studium erst noch zwei Jahre arbeiten gegangen und habe dann gesagt, ich möchte das voll machen. Dann haben wir den Gemüseanbau weiter intensiviert mit Erdbeeren, Spargel und Himbeeren, um auch eine breitere Produktpalette zu haben.

    Und war die Entscheidung richtig?

    Stolzenberger: Bisher bereue ich sie nicht. Am Anfang hat es mich einfach gereizt, im Pflanzenbau etwas Neues zu machen. Mittlerweile sehe ich, dass es auch ohne Mineraldünger und chemischen Pflanzenschutz funktioniert. Das heißt nicht, dass das andere deswegen falsch ist, aber es geht auch ohne. Von einem Betrieb unserer Größe könnten wir im konventionellen Bereich nicht leben. Das ist einfach so. Da bietet der Bio-Bereich mehr Möglichkeiten.

    Bio liegt im Trend. Können Sie die Umstellung auch ihren Kollegen empfehlen?

    Stolzenberger: Bio ist ein Trend, aber zu sagen, dass das für jeden Betrieb das Richtige ist, wäre sicher falsch. In Bayern haben ja viele Betriebe umgestellt, und die, die schon länger dabei sind, fragen sich, wo die ganze Ware einmal hingehen soll. Man merkt gerade bei der Umstellungsware, dass da bereits ein hoher Preisdruck da ist. Der Markt ist halt sehr klein, da geschieht eine Sättigung relativ schnell und die Preiseinbrüche sind auch relativ stark.

    Aber werden die Verbraucher nicht immer bewusster? Die Diskussion um Tierwohl und nachhaltige Erzeugung von Lebensmitteln müsste der Bio-Branche doch eigentlich in die Karten spielen.

    Stolzenberger: Wenn die Leute nur die Hälfte von dem machen würden, was in solchen Umfragen gesagt wird, hätte die Landwirtschaft sehr viel Potenzial, etwa in der Direktvermarktung. Aber leider ist es so, dass der Preisunterschied zu groß ist. Nicht bei allen, aber bei vielen hört das gute Gewissen an der Kasse auf. Die Initiative Tierwohl musste 2015 einen großen Teils ihres Schweinfleisches ganz normal vermarkten, weil die Leute nicht bereit waren, den Aufpreis zu zahlen. Lidl hat es jetzt mit Hähnchenfleisch probiert. Die sind auch zu einem negativen Ergebnis gekommen.

    "Diese Bilderbuch-Landwirtschaft gibt es nicht mehr, und die Landwirte wollen das auch nicht mehr."
    Michael Stolzenberger, BBV-Kreisobmann

    Viele Menschen verbinden mit der Bio-Landwirtschaft romantische Vorstellungen aus der guten alten Zeit. Was ist da wirklich dran?

    Stolzenberger: Diese Bilderbuch-Landwirtschaft gibt es nicht mehr, und die Landwirte wollen das auch nicht mehr. In anderen Wirtschaftsbereichen werden die Unternehmen gefeiert, wenn sie ihre Standards verbessern und ihre Effizienz steigern. Nur in der Landwirtschaft möchte man noch gerne, dass der Opa die Kuh mit der Hand melkt. Aber das, was wir heute als die gute alte Zeit in der Landwirtschaft empfinden, war ja auch eine Weiterentwicklung. Mein Opa hat einen Stall gebaut, da standen 30 Kühe drin und hatten hinten eine automatische Entmistung. Das war damals eine Weiterentwicklung. Zuvor waren die Kühe ihr Leben lang an der Wand gestanden. 

    Die Entwicklung geht aber zu immer größeren Beständen, und die Massentierhaltung gerät zunehmend in die Kritik.

    Stolzenberger: Viele Leute haben da ein falsches Bild. Der Kuh ist es egal, ob sie mit zehn oder tausend Kühen im Stall steht. Entscheidend ist, dass es dem einzelnen Tier gut geht. Ich war vor einigen Monaten erst in einem Stall mit 500 Milchkühen. Die Kühe liegen dort auf einer Kompostfläche und käuen wieder. Oben ist nur ein Dach drüber und an den Seiten sind dünne Vorhänge, die dafür sorgen, dass es nicht zieht. Da herrscht Ruhe und ein Top-Klima. Man merkt, dass es den Tieren gut geht. Zu denken, dass die Landwirte ihre Tiere quälen, ist absurd. Da investieren bäuerliche Familien teilweise Millionenbeträge, und das doch bestimmt nicht, damit es den Tieren schlecht geht. Nur ein gesundes Tier zahlt sich auch wirtschaftlich aus. Die Standards, die wir heute haben, davon hätten die Kühe vor 50 Jahren nur träumen können. Es ist nur leider so, dass diejenigen, die gegen die Massentierhaltung sind, oft gar nicht bereit sind, sich so einen Stall einmal anzuschauen. Wenn es um Tierwohl und die Erzeugung hochwertiger Lebensmittel geht, sind wir weltweit ganz vorne mit dabei.

    Aber es gibt eben auch negative Beispiele, wie der Tod von 2000 Schweinen in einem Stall bei Osthausen erst gezeigt hat.

    Stolzenberger: Natürlich gibt es immer auch schwarze Schafe. Es ist nur schade, dass das eine Prozent auf die 99 Prozent, bei denen alles gut läuft, übertragen wird. Aber das ist heute in anderen Bereichen genauso.

    Was tut die Landwirtschaft, damit die Anständigen nicht unter diesen schwarzen Schafen leiden müssen?

    Stolzenberger: Ich sage immer, tue nicht nur Gutes und spricht darüber, sondern beweise es auch. Ein Beispiel dafür ist die Aktion „Tag der Offenen Höfe“. Die, die schon länger dabei sind, sagen, das Interesse wird immer größer. Wenn man den Leuten etwas bietet, bringt man sie dazu auch von der Stadt aufs Land. Aber solche Events müssen gut aufgezogen werden. Wenn man andere Erzeuger dazu holt, wenn man für Kinder etwas bietet. Letztes Jahr haben wir es umgekehrt gemacht und sind mit unserem mobilen Schweinestall in die Stadt gegangen. Auch das ist gut angekommen. Es muss stärker auf eine persönliche Beziehung zwischen Landwirten und Verbrauchern hinauslaufen.

    "Der Kuh ist es egal, ob sie mit zehn oder tausend Kühen im Stall steht. Entscheidend ist, dass es dem einzelnen Tier gut geht."
    Michael Stolzenberger, BBV-Kreisobmann

    Also hat die Landwirtschaft ein Kommunikationsproblem?

    Stolzenberger: Ich würde sagen Verbesserungspotenzial. Wir als Verband müssen schauen, dass wir unsere bayerischen Bauern wieder mehr in den Vordergrund bringen. Aber es muss auch jeder Betrieb für die Landwirtschaft werben. Macht Blühstreifen, steckt ein Schild hin "Von ihrem Bauern Max Huber", gern auch mit einem Bild und der Aufschrift "Bedienen Sie sich", wenn die Sonnenblumen blühen.  Und nehmt euch Zeit, wenn euch jemand etwas fragt, auch wenn der Tag hektisch ist. Das sind  Kleinigkeiten, die man positiv im Hinterkopf behält. 

    Man hat aber gelegentlich den Eindruck, dass viele Landwirte einer vielleicht auch aus Unwissenheit kritischen Öffentlichkeit gegenüber sofort eine Abwehrhaltung einnehmen. Ist man denn wirklich bereit, sich mit Kritik auseinanderzusetzen und diese vielleicht auch zu entkräften?

    Stolzenberger: Diese negative Einstellung gibt es, aber die muss sich grundlegend ändern. Gerade bei den jungen Betriebsleitern. Jedes Unternehmen investiert heute eine Menge in Öffentlichkeitsarbeit. Und auch die Bauern müssen das lernen. Es ist immer vom Verbraucher die Rede, aber jeder Verbraucher ist auch unser Kunde. Und wenn ich den Kunden im persönlichen Gespräch überzeugen kann, dass mein regional erzeugtes Produkt besser ist, dann denkt er im Laden zehnmal eher dran, als wenn er das auf einem Plakat liest. Dann nimmt er das nächste Mal vielleicht doch die fränkischen Kartoffeln und nicht die ägyptischen.

    Aber auch die Agrarmärkte werden immer globaler. Hat die bäuerliche Landwirtschaft, wie wir sie hier in unserer Region betreiben, da überhaupt noch Zukunft? Und wie sieht die aus?

    Stolzenberger: Ja, auf jeden Fall. Es wird weitere Umbrüche geben. Der Strukturwandel geht ebenfalls weiter. Die großen Ackerbaubetriebe werden noch ein Stück größer werden, allein weil die Zahl der Nebenerwerbslandwirte mit dem Generationswechsel noch ein Stück zurückgehen wird. Wer hat schon noch Lust, sich nach acht Stunden Arbeit noch auf den Schlepper zu setzen? Und es wird auch in die andere Richtung gehen, wo kleine Betriebe für sich eine Nische erarbeiten, sei es mit tierischer Erzeugung oder Direktvermarktung oder irgendwas anderem. Da muss jeder schauen, was er machen kann und was er gerne macht.

    Und wie soll ihr Betrieb in ein paar Jahrzehnten aussehen?

    Stolzenberger: Wenn ein Hof überleben soll, muss er flexibel bleiben. Vielleicht will mein Sohn den Hof mal übernehmen und züchtet dann Maden als Proteinquelle, auf die die Japaner und die Chinesen heute schon so stehen. Es zeichnet erfolgreiche Betriebe aus, dass sie sich immer wieder an neue Gegebenheiten angepasst haben. Nach wie vor ist es so, wir müssen produzieren, was der Markt will. 

    Zur Person
    Michael Stolzenberger (30) aus dem Büttharder Ortsteil Oesfeld ist verheiratet und hat einen Sohn. 2017 wurde er zum Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands im Landkreis Würzburg gewählt. Nach dem Studium zum Dipl. Agraringenieur (FH) an der Hochschule Triesdorf übernahm Michael Stolzenberger den elterlichen Nebenerwerbsbetrieb und stellte ihn auf biologischen Landbau um. Heute bewirtschaftet er rund 80 Hektar nach den Vorgaben des Bioland-Verbands und erzeugt neben verschiedenen Beeren- und Gemüsesorten auch Saatgut. 

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