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    WÜRZBURG

    Beim Residenzlauf: Mit Trillerpfeife und Klapper

    Mit großer Freude feuert Anni Seufert die Läufer an. Foto: Johannes Kiefer

    Die Sonne sticht, der Asphalt glänzt, die Stimmung ist gut. Gleich beginnt der Hauptlauf, fünf – vier – drei – zwei – eins! Der Startschuss knallt und los geht die Hatz über zehn Kilometer, vier Mal um die Residenz herum. „Ganz, ganz klasse seht ihr aus!“, ruft der Streckenmoderator den Läuferinnen und Läufer zu, und dass sich das bald ändern werde.

    An der Bushaltestelle in der Balthasar-Neumann-Promenade spritzt die 80-jährige Anni Seufert vom Bänkchen hoch, quetscht sich zwischen die Zuschauer ans Absperrgitter und wirbelt eine Ratsche, so schnell sie kann. Seit 25 Jahren läuft ihr Schwiegersohn beim Residenzlauf mit, seit 25 Jahren feuert sie ihn an. Eine Trillerpfeife und eine Klapper hat sie auch noch dabei.

    250 Ehrenamtliche machen die Arbeit

    250 Ehrenamtliche, Feuerwehr und Rotes Kreuz inklusive, sorgen dafür, dass knapp 8000 Leute sich mittels Rennerei fertig machen können. Sie machen das wegen dem Spaß, erzählen sie. „Die Menschen sind so offen und lustig“ erzählt Heidi Eitelwein, die sich mit anderen um die Melde-Unterlagen der Läufer kümmert, die seien „voller Vorfreude auf den Lauf. Das gibt einem was.“ Linda Singer hat Spaß, weil sie „am Geschehen beteiligt ist“, Ulrike Götz hat Spaß, weil sie sich freut, wenn sie helfen kann.

    Reinhard Peter, der Chef-Organisator, hat Spaß, wenn er das Martinshorn nicht hört. Die sommerliche Temperatur am vorletzten April-Tag ist gefährlich für Läufer, die sich überschätzen. Kurz vor dem Hauptlauf um 13.45 Uhr nach seiner Stimmung gefragt, gibt er sich sehr zufrieden. Aber er sorgt sich um die Gesundheit der Athleten.

    Ist der Schwiegersohn vorüber gesaust, setzt sich Anni Seufert wieder aufs Bänkchen und strahlt übers ganze Gesicht. Jedes Mal treffe sie hier Freunde und Bekannte, immer seien auch Familienmitglieder dabei. Und ein guter Läufer sei der Schwiegersohn: „Da gehört schon was dazu, wenn man das macht.“

    Den inneren Schweinehund überwinden

    „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft“, hat der große Langstreckenläufer Emil Zátopek gesagt und bewiesen, dass auch die Großen nicht immer recht haben. Ein junger Mann macht beim fünf Kilometer langen Fit-und-Fun-Lauf mit, mit so vielen Kilogramm auf dem Leib, dass die Beine nicht ins Laufen kommen. Also geht er. Der Sieger, Rhys Bishop, ein drahtiger Athlet aus der Rhön, lässt sich schon lange feiern, als der junge Mann in die zweite Hälfte seines Rennens geht. Womöglich hat der Langsame einen größeren inneren Schweinehund überwunden als der Schnelle.

    Der Residenzplatz ist gedrittelt: ein Drittel für Gastronomie und Sponsorenpräsentation, ein Drittel für die Sportlerinnen und Sportler und ein Drittel für Organisation und Rotes Kreuz. Im Läufer-Drittel sieht man die Athleten – schlanke und dicke, junge und alte, gemütliche und ehrgeizige – wie sie vor dem Lauf scherzen und nach dem Lauf hecheln.

    Fränkische Unaufgeregtheit herrscht im Gastronomie-Drittel bei regional-typischer Fitness-Kost: Bratwurst, Mettstange und Laugenbrezel. Mehr Auf und Ab gibt es bei Organisation und Rotem Kreuz. In einem großen Zelt haben Masseure und Masseurinnen zu tun, um Sportlern Krämpfe aus den Beinen zu massieren.

    Spaß ist ein unsicherer Aggregatzustand, besonders wenn man in der Hitze dauerläuft. Toni Schmitt, der Streckenmoderator, hat recht: Je mehr Meter die Läufer hinter sich haben, desto mehr entgleiten vielen die Gesichtszüge. Manche sehen aus, als würden sie gleich niedersinken und um einen letzten Schluck Wasser bitten. Aber sie kommen doch genauso durch wie die schnellen und geschmeidigen Bewegungstalente. Hier werden Tausende innerer Schweinehunde besiegt.

    Laufen ist wie das richtige Leben

    Kleine Dramen sind zu sehen, wie das des guten Essers, der verzweifelt versucht, sich nicht abhängen zu lassen von der hübschen Läuferin vor ihm. Oder das des Paares, das auf Biegen und Brechen gemeinsam ins Ziel kommen will, aber ums Verrecken nicht das Tempo findet, das taugt. Auf der Strecke geht es zu wie im richtigen Leben.

    „Einmalig“ sei der Residenzlauf, sagt die 80-jährige Anni Seufert, „wirklich einmalig“.

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