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    BÜTTHARD

    Blühstreifen als "Autobahnen" für den Feldhasen

    Der Ochsenfurter Gau kann sich besonders guter Ackerböden rühmen. Kein Wunder, dass das Gebiet landwirtschaftlich intensiv genutzt wird. Eine Agrarwüste also? Nicht notwendigerweise, wie das seit 2014 laufende Wildlebensraum-Modellprojekt in Bütthard beweist. Dort setzen Landwirte auf freiwilliger Basis Maßnahmen um, die die Lebensbedingungen von Wildtieren deutlich verbessern.

    Das Vorhaben wird wissenschaftlich begleitet. Beratung bieten verschiedene Ämter und Fachstellen an. Was genau in Bütthard gemacht wird, erläuterte Behördenleiter Andreas Maier vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Würzburg mit seinen Kollegen zahlreichen Interessierten bei einer Tour durch die Gemarkung.

    Freiwilligkeit funktioniert besser als Vorschriften

    „Wenn ich vor 20 Jahren gesagt hätte, dass für einen Blühstreifen hier mal jemand Weizen umbrechen würde, hätte man wohl an meinem Geisteszustand gezweifelt“, sagt Maier schmunzelnd. Doch genau das passiert jetzt. Natürlich erhalten die beteiligten Landwirte einen finanziellen Ausgleich für die Maßnahmen auf ihren Flächen. Maier ist aber davon überzeugt, dass das nicht der einzige Grund ist, warum die Bauern mitmachen.

    Erstens, so die Überzeugung von Andreas Maier, funktioniere Freiwilligkeit besser als von oben verordnete Vorschriften. Und zweitens entstehe eine Art Gruppendynamik, wenn erst einmal einer angefangen habe. Wozu sind Blühstreifen gut, wo legt man sie an, wann und wie? Bei diesen Fragen hilft Anne Wischemann weiter, die beim AELF in Karlstadt Ansprechpartnerin für die Wildlebensraumberatung ist. An der ersten Station der Tour zeigt sie einen Wassergraben, an dem ein Gewässerschutzstreifen angelegt wurde.

    Es gibt Alternativen zum Mulchen

    Solche Gräben firmieren, ähnlich wie Randflächen oder Grünwege, unter der saloppen Bezeichnung „Eh-da-Flächen“. Sie sind vorhanden, ohne dem Landwirt einen Ertrag zu bringen. Dass es auf diesen Flächen Alternativen zum Mulchen gibt, dafür sensibilisiert das Modellprojekt.

    Ein bepflanzter Gewässerschutzstreifen wirke sich unter anderem als Bremse aus, wenn Starkregenereignisse fruchtbaren Boden weg zu schwemmen drohen, so Wischemann. Ein Effekt, der für Landwirte nur wünschenswert sein kann. Anne Wischemann berät bei dem Modellprojekt nicht nur den einzelnen Landwirt bezüglich seiner Flächen. Sie hat das gesamte Gebiet im Blick, auf dem inzwischen 21 Hektar Biotopflächen und auf einer Länge von 26 Kilometern Randstrukturen entstanden sind.

    Das Niederwild kann in Deckung bleiben

    Die Idee ist, dass die Wildtiere diese für sie vorgesehenen Flächen wie Autobahnen nutzen können. Auf den bewachsenen Streifen kann sich das Niederwild über weite Strecken fortbewegen, ohne seine Deckung verlassen zu müssen. Das funktioniert nur, wenn die Streifen ineinander übergehen. Ideal ist eine Breite von zwölf Metern. Aber auch nicht miteinander verbundene „Trittsteine“ helfen weiter. Das nicht gerade preisgünstige Saatgut für die hochwertigen Blühmischungen wird übrigens von Sponsoren zur Verfügung gestellt. Unter anderem beteiligen sich daran die Jäger.

    Die Aussaat erfolgt gemeinschaftlich. Für einen einzelnen Blühstreifen würde sich der Einsatz einer großen Sä-Maschine gar nicht lohnen, erklärt Andreas Maier. Das Vorgehen und die Neuerungen besprechen die Landwirte einmal im Jahr bei einer Versammlung.

    Bienen müssen ihren Pollen abgeben

    Neben Hasen und Vögeln profitieren auch Insekten von solchen Blühstreifen. An einem Waldrand in der Nähe des Dorfes hat Ingrid Illies vom Institut für Bienenkunde und Imkerei an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) einen Bienenkasten aufgestellt. Dessen Bewohner müssen im Dienste der Wissenschaft so einiges über sich ergehen lassen. Weil das Institut wissen möchte, wie viel und welchen Pollen die Bienen nach Hause bringen, müssen die fleißigen Flieger ein sogenanntes Pollengitter passieren.

    Dort passt zwar die Biene hindurch, nicht aber ihre aus Pollen bestehende „Hose“. Der Pollen wird abgestreift, gesammelt und gewogen. Ein Bienenvolk sammle pro Jahr etwa 25 Kilo Pollen, sagt Ingrid Illies. Bei starken Völkern könnten es sogar bis zu 50 Kilo sein. Diese Menge müsse die Landschaft um den Bienenstock in einem Umkreis von drei Kilometern erst einmal hergeben. Am besten gehe es Bienen übrigens in waldreichen Strukturen, gefolgt von Siedlungsgebieten. Am ungünstigsten seien die Bedingungen auf den Ackerflächen, erklärt Illies.

    Die Feldhasenpopulation steigt an

    Was das Bienenvolk wiegt und welchen Schwankungen dieses Gewicht im Laufe der Jahreszeiten unterworfen ist, wird über die elektronische Stockwaage ermittelt, auf der der Büttharder Bienenkasten sitzt. Alle fünf Minuten wird eine Messung durchgeführt. Der Diebstahl dieses interessanten Geräts lohne übrigens nicht, erklärt Ingrid Illies schmunzelnd. Der Kasten ist mit einem GPS-Sender ausgestattet.

    Andreas Maier fühlt sich durch die Erfolge des Modellprojekts ermutigt. Die von den Jägern durchgeführte Scheinwerfertaxation, eine nächtliche Zählung von Tieren in einem bestimmten Gebiet, habe eine Zunahme der Feldhasen ergeben. Außerdem sei festgestellt worden, dass das Gemeindegebiet von Insekten fast vollständig abgedeckt werde. „Man kann durch Strukturen ohne viel Fläche viel erreichen, um der Tierwelt Gutes zu tun“, sagt Maier.

    Beim Mähen die Insekten schonen

    Und er träumt bereits den nächsten Traum: die Art der Pflege zu verbessern. Statt der alles schreddernden Kreiselmähwerke würde der Leiter des AELF lieber Doppelmessermähwerke einsetzen, die die im Bewuchs sitzenden Insekten schonen. Außerdem blickt Maier inzwischen über die Büttharder Gemarkung hinaus – in den ganzen Landkreis Würzburg. Auch in anderen Kommunen gebe es an Straßen- und Wegrändern ein enormes Potenzial. Das Modellprojekt Bütthard wird Nachahmer finden, ist Maier überzeugt: „Wir haben bewiesen, dass Biodiversität und moderne Landwirtschaft kein Widerspruch sein müssen.“

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