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    Ochsenfurt

    Bofinger: Warum der Brexit keine Katastrophe ist

    Nach dem aufschlussreichen Vortrag von Professor Peter Bofinger hatten sich die Gäste des 48. Kauzen-Forums ihre kräftige Winter-Weiße verdient. Im Bild von links: Bürgermeister Peter Juks, Braumeister Otto Resch, Junior-Chef Jacob Pritzl, Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel, Karl-Heinz Pritzl, Landrat Eberhard Nuß, Bezirksrätin Rosa Behon, Professor Peter Bofinger und Stefanie Pritzl-Sauer. Foto: Gerhard Meißner

    Die EU ohne Großbritannien? Für den Würzburger Ökonomieprofessor und ehemaligen  Wirtschaftsweisen Peter Bofinger wäre der drohende ungeregelte Brexit nicht die Katastrophe, als die er zumeist öffentlich dargestellt wird. Zumindest nicht für Deutschland und die Rest-EU. Beim 48. Forum "Wirtschaft und Behörde" der Ochsenfurter Kauzen-Brauerei sprach Bofinger zu den Aussichten und Herausforderungen Europas und erwies sich dabei als glühender Verfechter des europäischen Staatenbunds.

    "Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die EU zusammenbleiben würde, aber ich würde den Briten nicht sehr viele Tränen nachweinen."
    Peter Bofinger, Professor für Volkswirtschaftslehre

    Nicht vom Rednerpult aus, sondern locker vor den knapp 100 Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung stehend, trug Peter Bofinger seine Thesen und Analysen vor. Mehrfach hatte Bofinger die Einladung der Kauzen-Brauerei schon ausschlagen müssen. Bis Februar war er noch Mitglied im Sachverständigen Rat  zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, den sogenannten fünf Wirtschaftsweisen, und hatte als solcher bis zur Veröffentlichung des Jahresberichts  Anfang November Auftrittsverbot.

    "Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die EU zusammenbleiben würde", sagt Bofinger, "aber ich würde den Briten nicht sehr viele Tränen nachweinen." Europa habe viele wichtige Aufgaben zu erledigen, etwa in der Klima- und Industriepolitik. "Mit einem so chaotischen Partner an der Seite wie den Briten wird das eher schwierig."

    Mehr Chancen als Risiken für den Standort Deutschland

    Die wirtschaftlichen Folgen des britischen Austritts lägen kurzfristig für die restliche EU allenfalls im Bereich eines Zehntelprozentpunkts des Bruttoinlandsprodukts, schätzt Bofinger. Die Briten gäben damit ihren stärksten Trumpf, die Rolle als "Gateway to Europe", als Zugang zum europäischen Binnenmarkt, aus der Hand. "Wir können mittelfristig profitieren, weil vieles, was Großbritannien gemacht hat, bei uns landet", so Bofinger, "man denke nur an den Bankensektor."

    "Es ist, wie wenn man ein gesundes Bein amputiert, weil man glaubt, mit der Prothese besser laufen zu können."
    Peter Bofinger, ehemaliger Wirtschafts-Weiser

    Aber wie können der britische Premier Boris Johnson und ein erklecklicher Teil seiner Landsleute die Gefahren für die heimische Wirtschaft so grob unterschätzen? Bofinger schreibt es einer Mischung aus Naivität und Selbstüberschätzung zu. "Es ist, wie wenn man ein gesundes Bein amputiert, weil man glaubt, mit der Prothese besser laufen zu können." Naiv sei es etwa zu glauben, dass Großbritannien nach dem Austritt in nennenswertem Umfang eigene Handelsabkommen werde schließen können. Dazu sei die Volkswirtschaft viel zu unbedeutend und werde zum Spielball von Machtinteressen der großen Player USA und China. Ihre Souveränität könnten sich die Nationalstaaten nur bewahren, wenn Europa gemeinsam auftritt.

    Trotzdem nimmt die Unzufriedenheit mit der EU und der Globalisierung zu. Generell erhöhe die Globalisierung den Wohlstand der Nationen, postuliert Peter Bofinger. Das habe schon der Vater der Nationalökonomie Adam Smith Mitte des 18. Jahrhunderts erkannt. Allerdings  profitierten unterschiedliche Länder und Bevölkerungsgruppen unterschiedlich stark von diesem Wohlstand. "Der Kuchen ist gewachsen, aber  die Stücke sind unterschiedlich groß", so Peter Bofinger. Die Antwort auf die Globalisierung müsse deshalb sein, den Wohlstand gerechter zu verteilen und nicht, in nationalstaatliches Denken zurückzufallen. "Dadurch würde der Kuchen nur wieder kleiner."

    Locker und voller bildhafter Vergleiche erläuterte Peter Bofinger seinen Zuhörern die ökonomischen Zusammenhänge rund um Brexit und Globalisierung. Foto: Gerhard Meißner

    Kein leichter Tobak, den der Wirtschaftsprofessor seinen Zuhörern mit einfachen Worten und bildhaften Vergleichen servierte. Gespannt lauschten die auch dem, was Bofinger zur künftigen Rolle Chinas und dem Kleinmut deutscher Industriepolitik zu sagen hatte, bevor mit dem Anstich des ersten Fasses Winter-Weiße der gemütliche Teil des Abends seinen Lauf nahm. Die Winter-Weiße, ein hochprozentiges Weizen-Bockbier, ist beim Kauzen-Forum traditionell der Begleiter zum deftigen Schweine-Schäufele und lockert die Zunge  für die anschließenden Tischgespräche.

    Rückläufiger Bierabsatz

    Eingangs des Abends hatte der Junior-Chef der Kauzen-Brauerei, Jacob Pritzl, Rückschau auf das Geschäftsjahr gehalten. Trotz eines schönen Sommers sei der Bierabsatz in den ersten acht Monaten deutschlandweit um 2,8 Prozent eingebrochen, in Bayern gar um 4,5 Prozent. Erfreulicherweise habe sich der Absatz der Kauzen Bräu im gleichen Zeitraum sogar leicht positiv entwickelt, so Pritzl. Bemerkenswert sei dabei, dass die Nachfrage nach hellen, weniger gehopften Bieren weiterhin zunimmt.

    Sechs Goldmedaillen auf nationaler und internationaler Ebene bestätigten die hohe Qualität der Kauzen-Biere. Besonders stolz sei man auf die Silbermedaille, die der hauseigene Whisky "Old Owl" beim internationalen Wein- und Spirituosen-Wettbewerb IWSC in London erzielt hat. Größtes und spannendstes Projekt im 200. Jahr seit Gründung der Brauerei sei die Umstellung sämtlicher Etiketten auf  Recycling-Papier gewesen. Bei der Herstellung der Etiketten würden dadurch 50 Prozent Wasser und 60 Prozent Energie eingespart.

    Nicht an Energie sparen durfte Bürgermeister Peter Juks beim Anstich des Bierfasses. Die Aufgabe gelang mit einem Schlag und ohne dass kostbares Gebräu dabei verloren ging.

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