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    Cap Anamur: Warum die Spendenaktion so erfolgreich war

    Rupert Neudeck (auf dem Bildschirm) und Journalist Franz Alt in der Report-Sendung vom 14. Juli 1979. Foto: Archiv Alt

    Der Journalist, Buchautor, Umweltaktivist und Theologe Franz Alt arbeitete von 1968 bis 2003 überwiegend beim Südwestfunk (heute SWR), für den er 20 Jahre lang das Politmagazin "Report" moderierte. Von 1992 bis 2003 leitete Alt die Zukunftsredaktion im SWR und moderierte außerdem in 3sat die Magazine "Querdenker" und "Grenzenlos". Seine Bücher wurden in 25 Sprachen übersetzt und erreichten eine Auflage von über 3,5 Millionen. Von Anfang an unterstützte der heute 81-Jährige das Projekt Cap Anamur und war für Rupert Neudeck ein guter und wichtiger Ratgeber.

    Frage: Herr Alt, ich habe gehört, dass Sie der Auslöser dafür sind, dass es eine äußerst erfolgreiche Spendenaktion gab, durch die das Schiff Cap Anamur gechartert werden konnte? 

    Franz Alt: Ja (lacht), daran war ich nicht unbeteiligt. Es war im Mai 1979, als uns Rupert Neudeck in der "Report"-Redaktion im damaligen Südwestfunk in Baden-Baden besuchte. Der Kollege war damals beim Deutschlandfunk in der Abteilung Politik zuständig und ein gefürchteter Fernsehkritiker. Er fragte uns, ob wir die Fernsehbilder der absaufenden Boat-People im Südchinesischen Meer gesehen hätten und sprach davon, dass man da nicht tatenlos zusehen könne. "Macht ihr mit?" fragte er uns und erklärte, dass er mit der bereits zugesagten Unterstützung des Schriftstellers Heinrich Böll ein Boot chartern wollte.   

    Renommierter Journalist, Buchautor und Umweltaktivist: Franz Alt.   Foto: Archivbild dpa

    Hatte er denn Ahnung vom Bootsfahren und einen Plan, wie er das Vorhaben finanzieren wollte?    

    Alt: Nein, er verstand eigentlich nichts von Schiffen, wie seine Frau auch vor einem Reporter ausplauderte. Aber er war voller Tatendrang. Er sagte sogar, er sei bereit, für das Projekt sein Haus zu verpfänden. Das musste er aber nicht, denn in unserer nächsten Livesendung von "Report" erzählte er in den drei Minuten, die wir ihm gaben, seine Idee eines Rettungsschiffs und nannte ein Spendenkonto. Ich hatte ihm zuvor gesagt, er solle eine einfache Zahlenkombination wählen, die sich jeder merken kann.  Schon drei Tage später hatte er auf seinem Konto der Stadtsparkasse Köln mit der Nummer 22 22 22 2 sage und schreibe 1,3 Millionen Mark. Er charterte die "Cap Anamur", einen 3500-Tonnen-Frachter, und fuhr mit einer kleinen freiwilligen Amateurcrew los. 

    Inwiefern spielte das Wohnzimmer der Neudecks eine Rolle? 

    Alt: Ich sage immer, wenn mal eine Serie über "Die wichtigsten Wohnzimmer Deutschlands" gedreht würde, stünde das der Familie Neudeck an erster Stelle. Mit Cap Anamur und später mit den Grünhelmen gründete die Familie - denn Christel Neudeck war genauso aktiv wie ihr Mann - in ihrem Wohnzimmer in Troisdorf eine globale humanitäre Feuerwehr. Dieses Wohnzimmer wurde die Schaltstelle der kleinen, aber höchst erfolgreichen Hilfsaktion. Strategisch hatte die Wohnung zur damaligen Zeit die beste Position in Deutschland, denn in nur wenigen Minuten waren die Neudecks in Bonn bei den Politikern, die sie brauchten, und bei Beamten des Auswärtigen Amtes, die Visa und Pässe für die Cap-Anamur-Mitarbeiter ausstellen. 

    Wie wichtig war die Hilfe der Cap Anamur?

    Alt: Unglaublich wichtig. Es waren bis dato schon über eine Viertel Millionen Vietnamesen im Meer ertrunken und Rupert hatte recht: Da konnte man nicht länger zuschauen. Bis heute leistet die Organisation "Cap Anamur / Deutsche Notärzte e.V." in vielen Krisengebieten große Hilfe.  Oft begleitete ich Rupert zu Gesprächen mit verschiedenen Politikern, darunter Ministerpräsidenten, die er zur Aufnahme von Flüchtlingen bewegen wollte. Er konnte sehr überzeugend sein. Aber auch die Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung war enorm. Manchmal wünsche ich mir für unsere Zeit den Geist von 1979 zurück.  

    Sie haben eine ganz persönliche Geschichte mit einem vietnamesischen Flüchtling von damals. 

    Alt: Ja, das stimmt. Ich glaube daran, dass alles was man tut auf einen zurückfällt, also im positiven wie auch im negativen Sinne. Wie es der Zufall will, hatte ich damals einem jungen Vietnamesen geholfen, der nach Deutschland gekommen war. Er wurde ein renommierter Chirug in Sachen Herzchirurgie. Als er erfuhr, dass ich unter Vorhofflimmern litt, bestellte er mich ein und operierte mich. Seitdem habe ich keine Beschwerden mehr.  

    Herr Alt, es gibt einen sehr emotionalen Moment auf der Trauerfeier Rupert Neudecks im Jahr 2016, der auch zeigt, dass die Integration der Vietnamesen von damals gelungen zu sein scheint.

    Alt: Zur Trauerfeier nach Neudecks Tod kamen etwa 3000 Boat-People aus ganz Deutschland. „Er war wie ein Vater für uns“, sagten mir einige. Als später in Troisdorf die Geretteten ein Denkmal für Rupert Neudeck einweihten, sangen etwa 1000 Vietnamesen zusammen mit Wolfgang Schäuble und vielen Deutschen "Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland". Über der Bühne hing ein Banner mit der Aufschrift "Danke, Deutschland".  Auch für mich ist Rupert Neudeck ein Held der Nächstenliebe. In der Nacht nach seinem Tod hatte ich den Traum, dass alle Universitäten der Welt zu Ehren von Rupert einen neuen Doktor-Titel einführen: Dr. Humanitatis. 

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