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    WÜRZBURG

    Carsharing: Autoteilen in Unterfranken

    Das eigene Auto scheint für die Deutschen an Bedeutung zu verlieren – immer mehr registrieren sich beim Carsharing. Foto: Thinkstock

    Ein eigenes Auto besitzt sie nicht. Will sie auch gar nicht, die Kosten sind zu hoch und in der Stadt „brauche ich es nicht“. Trotzdem hat Brigitte Fahrstunden genommen und im Januar ihren Führerschein bestanden. Mit 27 Jahren. Warum? „Um flexibler zu sein“, sagt die Würzburgerin. Um zum Großeinkauf zum Supermarkt zu fahren, zum Sport oder am Wochenende in die Natur. Nur: Statt sich einen eigenen Wagen anzuschaffen, teilt sie einen.

    Die Idee des Carsharing ist einfach: Mehrere Menschen nutzen gemeinsam ein Auto, wollen so die Umwelt schonen und den Verkehr reduzieren. In Großstädten, wo notfalls Straßen- oder U-Bahnen fahren, klappt das gut. Rund 1,7 Millionen Deutsche sind nach Angaben des Bundesverbandes Carsharing für das Autoteilen registriert. Die Zahlen steigen. Auch in ländlicheren Gegenden gibt es mittlerweile Konzepte. Von insgesamt 150 Anbietern agiere sogar ein Großteil auf dem Land, sagt Gunnar Nehrke vom Bundesverband. Allerdings: Je ländlicher eine Region ist, desto schwieriger sei es, ein Angebot zu etablieren.



    Vor allem von Jüngeren genutzt

    Das gilt auch für Unterfranken. In Würzburg funktioniert die Idee, vor allem Jüngere (18 bis 34 Jahre) nutzen die Autos zum Teilen. An 15 Stationen stehen derzeit insgesamt 25 Carsharing-Fahrzeuge bereit, seit Herbst 2016 auch ein E-Wagen. Die Versorgungs- und Verkehrs GmbH (WVV) kooperiert dafür mit der Firma Scouter. Insgesamt zählten die Anbieter bislang mehr als 730 Kunden. „Die meisten Leute nutzen es hier als Zweitauto“, sagt eine WVV-Sprecherin. „Das Carsharing ist als Ergänzung zum ÖPNV gedacht, wenn man zum Beispiel noch ein Stück weiter raus fahren möchte.“

    Auch Brigitte sucht diese Möglichkeit, gerade am Wochenende. „Sonst war ich immer mit dem Zug unterwegs. Aber da ist man nicht so flexibel“, sagt die 27-Jährige. Sie hat sich online bei Scouter registriert, ihre Fahrerlaubnis und den Ausweis prüfen lassen. Als Führerschein-Neuling musste sie eine Kaution von 250 Euro hinterlegen, „die bekomme ich am Ende zurück, wenn nichts passiert ist“. Die Kundenkarte kam per Post und an einem Samstagvormittag steht Brigitte damit vor einem kleinen VW an der Carsharing-Station in der Gotengasse.

    Lohnt sich auf dem Land nicht

    Abseits des Stadtgebietes allerdings, geht das Autoteilen häufig nicht so einfach. Wenn es wenige Carsharing-Stationen gibt, wenn der nächste Bahnhof mehrere Kilometer entfernt ist und der Bus nur stündlich fährt, wird es für Teiler schwieriger. „Das eigene Auto 1:1 mit Carsharing zu ersetzen ist nicht möglich“, sagt Nehrke. Anbindungen an den öffentlichen Nahverkehr fehlen, ebenso die Auslastung der Wägen. Wirtschaftlich lohne sich das Autoteilen auf dem Land selten, oft werde es daher auf ehrenamtlicher Basis angeboten.

    Ein Beispiel aus der Region ist das Nachbarschafts-Carsharing in Kreuzwertheim (Lkr. Main-Spessart). Auf einer Mobilitätsplattform bieten Bürger ihre Autos an, vom VW-Bus über den Smart bis zur Limousine. Wer sich registriert, kann ein Fahrzeug anfragen. Es gibt ein vorgeschlagenes Bezahlsystem, ansonsten aber basiert das Autoteilen unter Nachbarn auf Vertrauen.

    In Seinsheim (Lkr. Kitzingen) gibt es seit Oktober 2013 den Generationen-Bus-Verein, der mittlerweile zwei Busse besitzt. Jedes Mitglied kann die Fahrzeuge nutzen, teilt Bürgermeister Heinz Dorsch mit. Teuer ist das nicht: Pro Kilometer müsse man 30 Cent zahlen und je Stunde einen Euro. „Die Busse werden gut gebucht, oft auch über mehrere Tage zu längeren Reisen“, so Dorsch.

    Angebot nicht gut genutzt

    Anders funktioniert Carsharing etwa im Landkreis Würzburg. Das Kommunalunternehmen APG hat zusammen mit einem Autohaus aus Unterpleichfeld drei Autos zum Teilen organisiert. Die Wägen stehen in Rimpar, Veitshöchheim und Gerbrunn, das Angebot wurde „erst sehr schleppend angenommen“, sagt eine Autohaus-Sprecherin auf Nachfrage. Mittlerweile würden sich aber täglich Kunden registrieren und die Wägen nutzen. Auch beispielsweise in Bad Neustadt (Lkr. Rhön-Grabfeld) oder Bad Kissingen bietet ein Autohaus in Kooperation mit Flinkster, dem Carsharing-Angebot der Deutschen Bahn, Fahrzeuge an. Auch hier sei es nicht einfach, das Angebot auszubauen, „da die meisten Bürger ein eigenes Auto haben“, sagt eine Sprecherin. An drei Standorten in Bad Neustadt und zwei in Kissingen stehe je ein Wagen. In den vergangenen vier Wochen sei jeder im Schnitt gut 20 Mal gebucht worden.

    Wo die Carsharing-Autos in Würzburg parken, sieht Brigitte auf dem Handy. Wie bei den meisten großen Anbietern läuft die Vermietung über das Smartphone. Die App zeigt alle Stationen in Brigittes Umfeld an, graue Kreise stehen für benutzte, orangene Symbole für freie Wägen. Per Klick kann sie ein Fahrzeug auswählen und zu einer bestimmten Zeit reservieren. So wie den VW für ihre erste Fahrt. „Über die App oder mit der Kundenkarte lässt sich der Wagen öffnen“, sagt die 27-Jährige. Der Schlüssel steckt im Handschuhfach, der Tank ist voll. Um zehn Uhr startet sie von der Gotengasse zum ersten Mal mit geliehenem Auto.

    Kunden verzichten auf Nahverkehr

    Carsharing gibt es in Deutschland laut Bundesverbandsprecher Nehrke seit 1988. Ein Wagen ersetze mehrere Privatautos, so betont es die Branche seit Jahren, das ist die Idee. Kritiker sehen den grünen Anspruch mittlerweile aber kritisch. Statt auf den Nahverkehr zu warten, würden Nutzer vor allem in Großstädten lieber schnell in den Leihwagen springen. Nicht weniger, sondern mehr Verkehr sei die Folge und so auch mehr Schadstoffe und Stau, bemängelt etwa die Deutsche Umwelthilfe. Vor allem bei den stationslosen Angeboten treffe das zu.

    Ganz verteufeln will die Umwelthilfe das Autoteilen aber nicht: „Die stationären Carsharing-Konzepte, die mit viel Herzblut und Pfiffigkeit gemacht sind, sind wunderbar – selbst wenn damit nur ein Zweitwagen verhindert wird“, sagte Geschäftsführer Jürgen Resch der dpa.

    Auto ließ sich nicht abschließen

    Für Brigitte ist das Carsharing echter „Ersatz für ein eigenes Auto“. Nach viereinhalb Stunden endet ihre erste Fahrt. Sie parkt den VW wieder in der Gotengasse und schließt ab. Rund 13 Euro hat sie das Leihen gekostet, das Geld wird vom Konto abgebucht. „Alles hat funktioniert“, sagt die 27-Jährige. Ein bisschen Erleichterung schwingt mit. Bei ihrem Freund habe sich das Auto einmal nicht abschließen lassen. Er musste den Fehler melden, ein Techniker holte den Schlüssel bei dem jungen Paar zu Hause ab. Ärgerlich. Auch Freunde hatten schon Probleme mit besetzten Wägen oder technischen Mängeln. Trotzdem: „Ich werde sicher immer wieder mal ein Auto leihen“, sagt Brigitte. Schließlich hat sie gerade erst ihren Führerschein gemacht. „Da muss ich ja in Übung bleiben.“

    Carsharing: Varianten, Kosten und Anbieter

    In Deutschland gibt es laut Bundesverband Carsharing rund 1,7 Millionen Kunden. Das Autoteilen wird in knapp 600 Orten, mit insgesamt 17 200 Fahrzeugen, angeboten. Unterschieden werden generell zwei Varianten: Bei stationsbasierten Anbietern stehen die Autos an einem festen Platz, müssen dort abgeholt und am Ende der Fahrt wieder abgegeben werden. Beim Free-Floating hingegen parken die Wagen frei in der Stadt oder in einem Gebiet, das der Anbieter definiert hat. Nutzer orten und buchen über das Smartphone, nach der Fahrt stellen sie das Fahrzeug irgendwo im Gebiet wieder ab. Diese Variante gibt es in Deutschland nur in einigen Großstädten. Eine Stunde Kleinwagenfahren kostet bei stationsbasierten Anbietern laut Bundesverband Carsharing etwa vier bis acht Euro. Beim Free-Floating müssen Nutzer mit 14 bis 19 Euro rechnen. Die Anbieter mit der größten Autoflotte sind laut Bundesverband im Free-Floating-Bereich car2go (Daimler), DriveNow (BMW) oder Multicity; im stationsbasierten Bereich stadtmobil, cambio, teilAuto und Flinkster (Deutsche Bahn). Versicherung, Autopflege, Werkstatt, TÜV, Wartung oder den Reifenwechsel übernimmt nach Angaben des Bundesverbandes der Carsharing-Anbieter. Ganz ohne Kosten geht es bei Unfällen aber nicht: Bei Flinkster oder Scouter beispielsweise haften Kunden für Schäden mit maximal 1500 Euro, eine Begrenzung kann dazugebucht werden. sp

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