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    Würzburg

    Caterer Radjeh und das Auto, das endlich einen Haken hat

    Frisch ausgeliefert: Farroch Radjeh stellt seinen Tesla Model 3 vor; Foto: Thomas Obermeier

    Vor genau fünf Jahren hat Farroch Radjeh sein erstes Elektroauto ausgeliefert bekommen: den Tesla S. Der Geschäftsführer eines großen, bundesweit tätigen Catering-Unternehmens unterwegs mit einem Auto, das begrenzte Reichweite hat und regelmäßig an die Ladestation muss? Radjeh bewies, dass das geht...  und ist noch immer so begeistert von seinem Tesla, dass er gleich das neue Model 3 bestellte. Vor knapp drei Jahren stellte Tesla-Chef Elon Musk den Wagen vor, doch die Produktion verzögerte sich, erst im Sommer erreichte Tesla die Zielmarke von 5000 Fahrzeugen pro Woche. Seit Mitte Februar wird das Tesla Model 3 nun auch in Deutschland ausgeliefert. Und eines der ersten 100 Fahrzeuge steht jetzt in Reichenberg, bei Farroch Radjeh. Beim Tesla S hatte der 63-Jährige eine Schwäche ausgemacht – und in den ersten Tagen beim Model 3 auch?    

    Herr Radjeh, hat Ihr neues Auto endlich einen Haken?

    Farroch Radjeh (lacht herzlich): Es hat keinen Haken! Aber einen Haken, sogar zwei. Das ist auch genau das, was ich mir für das Interview notiert habe. Ich dachte ja, dass Sie nach der Innovation fragen, die dieses Auto grundsätzlich von anderen und auch vom Model S unterscheidet. Sie werden es nicht glauben. Ich habe fünf Punkte aufgeschrieben. Der fünfte Punkt ist der Kleiderhaken.

    Endlich ein Haken: neu im Tesla. Foto: Thomas Obermeier

    Jetzt freuen Sich sich! Denn genau den haben Sie im Tesla S vermisst.

    Radjeh: Das war für mich wirklich eine absolute Überraschung. Die haben es übers Herz gebracht und haben tatsächlich einen ganz normalen Sakko-Haken in dieses Auto eingebaut.

    Was sind denn die Punkte eins bis vier?

    Radjeh: Fangen wir mal mit dem Interessanten an. Die Entwickler haben es geschafft, sämtliche Systeme, die man in ganz normalen Autos anfasst – Sitzverstellung, Lüftung, Heizung – in ein Tablet gepackt. Sie können dieses Auto ausschließlich über das Tablet bedienen. Sie drehen nicht an Lüftungsdüsen, Sie steuern auf dem Tablet mit einer Fingerbewegung den Luftstrom dorthin, wo sie ihn haben wollen. Jeder Schnickschnack in diesem Auto läuft über das Tablet. Sie haben nur zwei Knöpfe: Warnblinkanlage und Notruf. Mehr nicht.

    Es gibt quasi keinen Schalter mehr im Cockpit, im Armaturenbrett fehlt selbst der Tacho: Im Tesla Model 3 wird über das Tablet gewischt. Foto: Thomas Obermeier

    Aha. Und beim Tesla S?

    Radjeh: Da gibt es zumindest Knöpfe zum Verstellen der Spiegel, für die Heizung und für die Lüftungsdüsen. Das geht beim neuen nicht mehr, das läuft alles über das Tablet.

    Aber wenn man nicht wischen möchte – braucht man als Tesla-Neufahrer eine Einführung?

    Radjeh: Wer jemals mit einem Smartphone zu tun hatte, braucht keinerlei Anleitung. Er setzt sich rein – und kann das Auto bedienen. Erklärt sich alles von selbst. Und netterweise ist das Benutzerhandbuch sehr gut und interessant geschrieben. Mit dem Tesla habe ich ja das "Glück", dass automatisch Ladepausen eingelegt werden. Wenn ich sonst überhaupt nichts zu tun habe, kann ich im Benutzerhandbuch, das natürlich auf dem Tablet ist, rumschmökern. Sie hören schon einen kleinen Hauch von Begeisterung mit.

    In der Tat.

    Radjeh: Ich hatte mir niemals vorstellen können, dass ich nach dem Model S noch mal ein Fahrzeug bekomme, das mich noch mal mehr begeistert. Aber ich muss sagen: Das Model 3 ist eine deutliche Weiterentwicklung.

    Sie sind den Tesla S jetzt genau fünf Jahre lang gefahren. Was war denn die größte Schwäche?

    Radjeh: Tatsächlich diese Arroganz von Tesla, ein Auto hinzustellen ohne Ablageflächen. Das muss wirklich nicht sein. Und es ist furchtbar, wenn Sie nichts hinlegen können. Ich habe eine wunderschöne Whiskey-Holzkiste mit Deckel genommen und in die Mittelkonsole gelegt. Da habe ich jetzt meine Utensilien geordnet drin.

    Gewusst wie. Aber wenn weiter nichts ist...  

    Radjeh: Wenn ich kaufmännisch denke, ist das einzige, was mich an diesem Auto stört, dass es aus Amerika kommt. Ich mache mein Geld bei Veranstaltungen der deutschen Automobilindustrie. Aber ich kann im Moment den deutschen Unternehmen nichts zurückgeben und kein deutsches Auto kaufen, außer im Nutzfahrzeugbereich.

    Reichweite war nie ein Thema?

    Radjeh: Beim alten Modell? Da war die Reichweite maximal ein halbes Jahr lang ein ernstes Problem, weil ich eine Doktorarbeit schreiben musste, um zu wissen, wo ich wie laden kann um an mein Ziel zu kommen. Und schwuppdiwupp war das Problem weg, weil die Supercharger-Stationen zugenommen und zunehmend Hotels sich auf die Situation eingestellt hatten. Also keine Frage des Autos, sondern der Infrastruktur. Das ist auch wieder ein beängstigendes Thema für mich. Dass sich die deutsche Automobilindustrie hinstellt und sagt, für die Lade-Infrastruktur muss der Staat etwas machen. Tesla geht her und baut die Ladestationen einfach. Seit drei Jahren ist das Laden null Thema mehr. Stand heute bin ich 345 000 Kilometer durch die Weltgeschichte gefahren.

    Wo laden Sie auf? Daheim?

    Radjeh: Nein, zuhause kann ich ja nur an einer normalen Schuko-Steckdose laden. Das mache ich nur wenn ich Termindruck habe und absolut vollgeladen losfahren muss. Ich bin schon auf die Supercharger angewiesen. Aber da ist Würzburg zum Glück gesegnet. In vernünftiger Nähe vier Supercharger – das gibt es nicht mal in Hamburg, München oder Berlin.

    Vier?

    Radjeh: Die entfernteste Station ist Geiselwind, dann kommen Wertheim, Gramschatzer Wald und für mich das nächste ist Dettelbach, Mainfrankenpark.

    Da fahren Sie hin und . . .

    Radjeh: . . . und da lade ich 30 oder 40 Minuten. Wo ich auch hinfahre, habe ich einen Supercharger auf dem Weg. Nur Richtung Süden, Richtung Stuttgart, gibt es nichts. Natürlich überlege ich mir, wo ich am günstigsten lade. Ich bin Kaufmann, ich bin kostenorientiert. Und ich verplempere meine Zeit auch nicht. Wenn ich am Supercharger stehe, achte ich darauf, dass das Lenkrad waagrecht steht.

    Dass das Lenkrad waagrecht steht?

    Radjeh: Weil in genau die Position mein iPad hinein passt – und dann kann ich arbeiten. Ich nutze wirklich die Zeit. Es passiert mir immer wieder, dass ich am Supercharger stehe und das Auto aufgeladen ist – aber ich noch nicht fertig bin. Apropos kostenorientiert.

    Apropos. Lassen Sie uns mal über den Preis reden. Ihr neuer Tesla ist wahrscheinlich nicht die Basisversion von gut 55 000 Euro...

    Radjeh: Richtig. Ich habe alles genommen, was geht. Nur auf die weißen Ledersitze habe ich verzichtet, die sind nicht so ganz mein Stil. Komplettausstattung minus weiße Ledersitze machen 72 000 Euro. 485 PS, Vierradantrieb.

    Das Model 3 auf der Straße: 4,69 Meter lang, eher unscheinbar und lange nicht so futuristisch aussehend wie das Model S oder X. Foto: Thomas Obermeier

    Hatten Sie das Model 3 eigentlich Probe gefahren?

    Radjeh: Nein. Ich habe das Auto vorher nie gesehen – außer auf Bildern.

    Ihr erster Fahr-Eindruck?

    Radjeh: Hammer!

    Würden Sie sich wünschen, dass mehr Teslas, mehr Elektroautos auf unseren Straßen unterwegs sind?

    Radjeh: Da sprechen Sie eine Grundüberzeugung von mir an. Was mir auf unserer Welt grundsätzlich nicht gefällt, sind missionarische Menschen. Ich teile meine Freude. Aber ich missioniere nicht mit meinen Gedanken über die Umwelt. Wenn jemand Abgase einatmen will – ich werde das nicht bewerten. Ob ich mich über mehr Elektroautos freuen würde? Naja, wenn sämtliche Supercharger belegt wären, wäre das ein Nachteil für mich. Aber ich würde das sehr gerne in Kauf nehmen, weil meine zwei Enkel etwas weniger Emissionen einatmen würden, als sie es jetzt tun.

    Sie haben den Tesla vor vier Jahren aus Umweltschutzgründen gekauft? 

    Radjeh: Die Gründe? Innovation, Umwelt und anders sein. Ein Tesla zu fahren, hat mein Sohn gesagt, ist ein Statement. Er hat es auf den Punkt gebracht.

    Wieder einen Verbrenner zu kaufen kam nicht in Frage?

    Radjeh: Niemals. Nicht eine Sekunde.

    Fehlen noch die weiteren drei Innovationen von ihrer Fünf-Punkte-Liste...

    Radjeh: Der erste Punkt war das Tablet, der letzte die Kleiderhaken. Dazwischen gibt es die Innovation Schlüssel. Tesla hat es gewagt, das Auto ohne Schlüssel herzustellen. Es funktioniert alles über iPhone und eine Chip-Karte.

    Ob das so sinnvoll ist?

    Radjeh: Sie können einen Schlüssel extra bestellen und extra bezahlen, wenn Sie unbedingt möchten.

    Die dritte Innovation?

    Radjeh: Die Power! 485 PS, die durch den Elektromotor permanent an der Achse liegen. Die ganze Leistung liegt permanent an der Achse. Ich habe noch nie ein Auto mit so viel präsenter Kraft erlebt. Unglaublich. Und die vierte Innovation ist das autonome Fahren. Wenn Sie mal von Wuppertal nach Würzburg unterwegs sind mit autonomem Fahren – Sie sitzen ganz entspannt!

    Startklar: Farroch Radjeh am "Steuer". Foto: Thomas Obermeier

    Aber die Hände haben Sie schon noch am Lenkrad?

    Radjeh: Natürlich. Sie können es sich nicht leisten, unaufmerksam zu sein. Alle 15 Sekunden will das Auto von Ihnen eine Reaktion, die zeigt, dass Sie wach sind. Die linke Hand lege ich ganz locker ans Lenkrad unten, da will das Auto nur noch alle zwei Minuten eine Reaktion. Es wird auch klar und deutlich von Tesla kommuniziert: Das Auto mit autonomem Fahren ist nicht dafür gedacht, dass man als Fahrer etwas anderes tut als zu fahren. Es hat einen einzigen Zweck: die Aufmerksamkeit des Fahrers zu unterstützen. Und die Aufmerksamkeit zu übernehmen, wenn der Fahrer eine Sekunde lang unaufmerksam ist. Und der Fahrer greift ein, wenn die Technik versagt. Dieses System zusammen verringert das Unfallrisiko enorm. Aber nur das Zusammenspiel.

    Wer bekommt denn jetzt den Tesla S? Verkaufen Sie den?

    Radjeh: Den Tesla Model 3 habe ich für meinen Schwiegersohn gekauft, der auch in der Firma ist. Ich teste das Auto jetzt ein bisschen und probiere es auch, weil ich neugierig bin. Und dann fahre ich mein altes Auto weiter. Auch aus Kostengründen. Auch wenn es schwer verständlich ist: Der Model S ist bei uns das billigste Auto im ganzen Fuhrpark. Er verursacht keine Kosten – außer für die Reifen.

    Tesla Model 3
    Mit der Mittelklasse-Baureihe will Tesla auf den Massenmarkt für E-Autos. Während das 4,69 Meter lange Auto von außen noch ziemlich unscheinbar und lange nicht so futuristisch aussieht, wie man das bei Model S und X, gewöhnt ist, erwartet einen innen eine andere Welt: Es gibt quasi keinen Schalter mehr im Cockpit. Von der Luftverteilung bis zur Spiegelverstellung erledigt man alles an dem Touchscreen, der groß wie ein Zeichenblock zwischen die Sitze geschraubt wurde. Vorne wirkt das Model 3 luftig und geräumig wie eine Luxuslimousine, hinten bietet es ein nur durchschnittliches Platzangebot. Der Kofferraum fasst mit 340 Litern weniger als ein VW Golf. Unter der vorderen Haube gibt es zusätzlich ein 85-Liter-Fach mit Stauraum.
    Das stärkste Modell mit dem bezeichnenden Beinamen Performance hat einen Sprintwert von 0 auf 100 km/h von 3,5 Sekunden und lässt damit sogar den Porsche 911 stehen. Die Spitze: 250 km/h. Im WLTP-Zyklus bei der Langstreckenversion kommt man bis zu 560 Kilometer weit, im Alltag 300 Kilometer. Nur von den angekündigten 35 000 Dollar Einstiegspreis (ohne Steuern, Zölle, Transport) ist das Model 3 weit entfernt. Die Startaufstellung beginnt erst bei 55 400 Euro, exklusive 1000 Euro Bearbeitungsgebühr. Und mit ein paar Extras sind schnell über 60 000 Euro erreicht.
    Datenblatt für den Tesla Model 3 Performance
    Motor: 2 Elektromotoren
    Max. Leistung: 358 kW/487 PS
    Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h
    Beschleunigung 0-100 km/h: 3,5 s
    Reichweite: 530 km (Langstreckenbatterie: 560 km)
    Kosten: Grundpreis des Tesla Model 3 (Langstreckenbatterie): 55 400 Euro
    Grundpreis des Tesla Model 3 (Performance): 66 100 Euro
    Kfz-Steuer: 0 Euro/Jahr 

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