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    Würzburg

    Darum bekommen wir von Volksfesten wie Kiliani nie genug

    Volksfeste faszinieren Menschen seit jeher. Und auch heuer werden wieder Massen zum Würzburger Kiliani-Volksfest wandern. Was uns am Rummel so reizt, erklärt ein Soziologe.
    Das Würzburger Kiliani-Volksfest bei Nacht mit Geisterbahn und Riesenrad: Der Rausch ist ein wesentlicher Bestandteil des Vergnügens.
    Das Würzburger Kiliani-Volksfest bei Nacht mit Geisterbahn und Riesenrad: Der Rausch ist ein wesentlicher Bestandteil des Vergnügens. Foto: Thomas Obermeier

    Bunte Laserblitze, wummernde Bässe. Der Duft von Bratwürsten und Zuckerwatte liegt in der Luft. Das Kreischen der Achterbahn-Passagiere übertönt kurz die Ansagen aus dem Kassenhäuschen davor: Im Animateur-Singsang und mit schrillen Soundeffekten vom Band buhlt da einer um die Gunst der vorbeischlendernden Besucher - Kommen Sie näher! Steigen Sie ein! Und ab geht die wilde Fahrt!

    Der Rummel ist ein großer Spielplatz

    "Der Rummelplatz ist eine Art Spielplatz. Bei den Fahrgeschäften handelt es sich um Spiele für Erwachsene", sagt Dr. Sacha Szabo. Der Freiburger Soziologie und Unterhaltungswissenschafter hat sich intensiv mit der Faszination von Jahrmärkten und Volksfesten auseinandergesetzt und Bücher dazu geschrieben.

    Rutsche, Schaukel, Wippe - Spielgeräte, die Kindern schon im heimischen Garten riesigen Spaß machen, finden sich auf dem Rummel, wieder - nur eben viel bunter, größer und auch schneller. "Ein Stück weit verbindet man mit der Kindheit ja auch die Vorstellung von Sorgenlosigkeit", sagt Szabo. Wie auf dem Karussell, das sich immer schneller im Kreis dreht, spiele auf dem Rummelplatz der bewusst herbeigeführte Orientierungsverlust eine wesentliche Rolle: beim kontrollierten Sturz mit der Achterbahn, beim Kampf gegen die Zentrifugalkräfte in der Berg-und-Tal-Bahn oder der unberechenbaren Autoscouter-Rempelei.

    Der Rausch als wesentlicher Bestandteil des Vergnügens  

    Für Szabo verheißen nicht nur die Fahrgeschäfte Schwindel und Irritation. Auch Schaubuden setzten bestehende Regeln scheinbar außer Kraft. Und sogar Bierzelte dienten letztlich dem gleichen Zweck: den Besucher in einen Rausch versetzen. "Auf dem Rummelplatz eröffnet sich die Möglichkeit, eine andere Wirklichkeit jenseits des Alltags zu erfahren", sagt Szabo.

    Das Kiliani-Festzelt bei strahlendem Sonnenschein am Familiennachmittag: Scheinbar schwerelos fliegt das Kettenkarussell über die Besucher.
    Das Kiliani-Festzelt bei strahlendem Sonnenschein am Familiennachmittag: Scheinbar schwerelos fliegt das Kettenkarussell über die Besucher. Foto: Andreas Kneitz

    Attraktionen auf dem Volksfest teilt er gemäß der Spieltheorie des französischen Soziologen Roger Caillois in vier Kategorien ein: Wettkämpfe an der Schießbude und im Autoscooter, Rollenspiele in der Manege, im Panoptikum und in der Geisterbahn, Glücksspiele an der Losbude und Rauschspiele wie Kettenkarussell, Riesenrad und alle Hoch- und Rundfahrgeschäfte.

    Achterbahn un Co.: Die Lust an der Angst 

    Angstlust nennt der Wissenschaftler den Antrieb, in rasanten Fahrgeschäften Platz zu nehmen: "In der Achterbahn schließen manche die Augen und klammern sich fest, andere reißen die Arme hoch und jauchzen." Wichtig dabei sei, sich freiwillig darauf einzulassen: "Das ist die Grundlage für jedes Spiel. Wer dazu gezwungen wird, dem fehlt das Vergnügen."

    Auf dem Festplatz könnten Besucher für einen Moment ihrem Alltag entfliehen: "Die Regeln, die sonst gelten, stehen dort auf dem Kopf. Man darf bewusst über die Stränge schlagen. Fahrgeschäfte fahren nicht von A nach B, sondern im Kreis und das einfach nur zum Vergnügen." Dass der Rummelplatz ein zeitlich und räumlich begrenzter Ort sei, bestimme den Erfolg mit: "Spiele und Feste können nie unendlich sein. Sonst würde das Außergewöhnliche gewöhnlich werden."

    Für einen Moment auf dem Volksfest den Alltag vergessen: Lebkuchenherzen, Zuckerwatte, gebrannte Mandeln und kandierte Äpfel am Süßwarenstand.
    Für einen Moment auf dem Volksfest den Alltag vergessen: Lebkuchenherzen, Zuckerwatte, gebrannte Mandeln und kandierte Äpfel am Süßwarenstand. Foto: Daniel Peter

    Zwar werden Begriffe Kirmes, Jahrmarkt oder Volksfest im Sprachgebrauch beliebig verwendet, sie weisen aber auf eine unterschiedliche Herkunft der Feste hin. Oft gehen sie auf einen kirchlichen oder höfischen Anlass zurück. Das Münchner Oktoberfest wurde erstmals zur Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese gefeiert. Den Würzburgern erlaubte Kaiser Konrad II. im Jahr 1030, eine Marktmesse zu Ehren ihres Schutzpatrons Kilian abzuhalten. Sie fand Mitte August statt, wurde aber in die Zeit um den Namenstag des Apostels am 8. Juli verlegt.

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