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    RANDERSACKER

    Das Ende einer Ära und Nepals Zerrissenheit

    Im März 2018 endete eine Ära: Im Februar war Peter Piesch mit seiner Frau Andrea in Nepal unterwegs. Zum 33. und vorerst letzten Mal. Die alljährlichen vierwöchigen Touren in dem Land am Himalaya waren – mit Ausnahme des erstens Trips 1984 – keine Urlaubsreisen. „Unser erster Nepalaufenthalt hat uns begeistert und motiviert, diesem Land, seinen Menschen und allen voran seinen Kindern zu helfen“, beschreibt Piesch die Motivation für seinen jahrzehntelangen Einsatz für den Bau von Schulen, Tempeln, Klöstern und Wasserleitungen.

    Er berichtet aber auch, warum er sein Engagement künftig einschränkt auf wenige Projekte, die er von Zuhause aus betreuen kann. Eine Rolle dabei spielt, dass mit Piesch und seiner Frau auch die Ansprechpartner und Kontaktpersonen gealtert sind, im Ruhestand oder sogar schon gestorben sind, sagt der Randersackerer. Es sei Zeit, dass die junge Generation mit neuem Schwung und neuen Ideen nachrücke.

    Zwischen Steinzeit und Moderne

    Globalisierung und Wandel machen auch am Himalaya nicht Halt, prägen das Leben im Schatten von Mount Everest und Kumbila, dem heiligen Berg der Sherpas, den niemand besteigen darf.

    Symbole für die Veränderungen sind für den langjährigen Nepal-Fan zwei Erlebnisse. Das erste dokumentiert ein Foto. Es zeigt einen Bauern, der den Boden pflügt, wie das Menschen schon vor vielen tausenden Jahren getan haben: mit dem Pflug hinter dem Ochsen. Im Hintergrund telefoniert ein junger Mann mit dem Handy am Ohr. „Für mich symbolisiert dieses Foto die innere Zerrissenheit zwischen Steinzeit und Moderne“, meint Piesch.

    Ein Land im Umbruch

    Das andere Erlebnis war eine Begegnung mit zwei Waldarbeitern in den Bergen. „Sie hatten zwei teure Motorsägen von Stihl dabei. Allerdings hatten sie keine Ahnung, wie man mit so etwas umgeht.“ Piesch, zu Hause am Main als Weinbauer, Schnapsbrenner und Jäger unterwegs, beeindruckte die Nepalesen. Nicht nur, weil er die Motorsägen anwerfen konnte, sondern auch weil er den Männern obendrein in gut verständlichem Nepalesi erklärte, wie man die Sägen benutzt und schärft.

    Beide Geschichten zeigen: Das Nepal, das Piesch und seine Frau packte und nicht mehr losließ, das zwar arme und einfache, aber traditionsbewusste Land, verschwindet weitgehend. Neben den Fußpfaden wachsen vierspurige Straßen, junge Menschen verlassen die Dörfer, um in der Stadt ihr Glück zu versuchen, arbeitsfähige Männer verdingen sich in Saudi-Arabien, Indien und anderswo, die Kinderzahl sinkt, die Schülerzahlen der staatlichen Schulen ebenfalls. Eltern schicken ihre Kinder lieber auf englischsprachige Privatschulen. Die Landessprache wird so zurückgedrängt, ebenso wie Musik aus der Konserve Gesang und alte Tänze ersetzt.

    Die Slums in den Städten werden größer

    All diese Veränderungen bringen nicht nur Positives, sondern auch Negatives: die Slums in den Städten werden größer, die Zahl der Straßenkinder wächst und der Fluss wurde zu einer stinkenden Müllkloake. „Nepal und seine Menschen brauchen nach wie vor unsere Hilfe“, sagt Piesch und berichtet von der sechsfachen Mutter, deren großes, steinernes Haus das Erdbeben 2015 wegriss und die jetzt allein in einer Blechhütte lebt. Ihre Kinder schicken Geld aus dem Ausland. Aber wer soll ein neues Haus bauen?

    Dann ist da die junge Frau aus einem Bergdorf. Fleißig hat sie gelernt, die Schule mit allerbesten Noten abgeschlossen. Gerne würde sie Geld verdienen, ihre Mutter unterstützen. Aber: Bei ihr Zuhause gibt es keine Arbeit – außer in der Landwirtschaft. „Am meisten wünschen sich die jungen Menschen, Angela Merkel würde eine Eisenbahnlinie nach Nepal bauen, damit sie in Deutschland studieren und arbeiten können – und trotzdem schnell bei ihren Familien sein“, beschreibt Piesch die naive Vorstellung der Nepalesen.

    1000 Kilometer in vier Wochen zu Fuß

    Bei aller Hilfe, die dort benötigt wird – für Peter Piesch ist das in dem Umfang nicht mehr zu leisten. Über 1000 Kilometer in vier Wochen oft zu Fuß zurückzulegen, um in den 15 Schulen, Tempeln und Klöstern nach dem Rechten zu schauen, „das ist ab jetzt Geschichte“.

    Ganz will er dann aber doch nicht vom Land der Gegensätze lassen. Zwei Schulen und zwei Klöster bauen nach wie vor auf Geld aus Deutschland, sagt er. Dort beginnt man gerade, sich auf die alten Traditionen zurückzubesinnen, die eigene Geschichte zu schätzen und zu bewahren. „Vielleicht war die Reise 2018 wirklich nur die vorerst letzte“, sagt Piesch, denn die Wehmut in seinen Augen spricht Bände. „Die Reise lohnt sich für jeden – noch immer.“

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