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    WÜRZBURG

    "Würzburg ist bunt": Was über 5000 Menschen auf die Straße brachte

    Dass ein Samstagnachmittag in der Innenstadt auch ohne Einkaufen und Kaffeetrinken recht bunt sein kann, das zeigten über 5000 Teilnehmer der „Würzburg ist bunt“-Demonstration. Bei ihrem Zug – einen Tag vor dem angekündigten Neonazi-Aufmarsch und zwei Tage vor dem 16. März, der an Würzburgs Zerstörung im Zweiten Weltkrieg vor 70 Jahren erinnert – setzten sie ein deutliches Zeichen für Weltoffenheit, Wachsamkeit und Toleranz gegenüber allen Menschen und Religionen und gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung. 

    „Das war großartig“, bilanzierte Hochschulpfarrer Burkhard Hose vom Würzburger Bündnis für Zivilcourage, neben dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), den Würzburger Montagsspaziergängern und den Würzburger Religionsgemeinschaften Organisator der Veranstaltung.

    Der Busbahnhof am Hauptbahnhof kurz nach 14 Uhr: „Wir für mehr Menschlichkeit“, „Asylbewerber einen sicheren Hafen bieten“, „Respekt Fairness Solidarität“, „Deutsche Täter sind keine Opfer“ steht auf den zahlreichen Fahnen und Plakaten. „Flüchtlinge sind willkommen“, halten zwei kleine Mädchen ein selbstgemaltes Schild hoch. Auftakt zu einem bunten Nachmittag der besonderen Art.

    Stefan Lutz-Simon vom Bündnis für Zivilcourage eröffnet den „Tag unseres gemeinsamen Aufbruchs für ein weltoffenes Würzburg“, kritisiert die „Pegida-Lüge“, dass Vielfalt bedrohlich sei. „Es ist die Einfalt, die in die Irre führt.“ Schüler von „Schule ohne Rassismus“ begrüßen mehrsprachig, die Namen der über 130 Unterstützergruppen aus einer großen gesellschaftlichen Breite werden verlesen. Punkt: 14.30 Uhr erklärt Norbert Zirnsak vom DGB: „Die Demonstration ist eröffnet.“

    Der Zug bewegt sich vom Bahnhof durch die Kaiserstraße und zeigt schon optisch, wie bunt Würzburg sein kann. Menschen aller Altersgruppen folgen dem gelben „Würzburg ist bunt“-Transparent. Vorneweg vor allem Politiker wie die Landtagsabgeordneten Georg Rosenthal (SPD), Oliver Jörg (CSU), Bundestagsabgeordneter Paul Lehrieder, CDU-Oberbürgermeister Christian Schuchardt. In erster Reihe auch die evangelische Dekanin Edda Weise, der Präsident des Zentralrates der Juden Josef Schuster. Dahinter eine bunte Menschenmenge mit und ohne Fahnen, darunter Burschenschaftler und Antifa-Anhänger, alle begleitet im Trommel-Takt von „Samba Osenga“.

    Der Domplatz ist erreicht – und zu klein für die vielen Demonstranten, die zum Teil in die Domstraße ausweichen. Punkt 15 Uhr läuten die Domglocken. Oberbürgermeister Christian Schuchardt begrüßt die Würzburger – und die Schweinfurter, die mit einer „Schweinfurt ist bunt“-Gruppe dabei ist. Und der OB wird sofort deutlich: „Würzburg ist nicht Wügida“ – der Pegida-Ableger, von dem sich die Stadtgesellschaft nicht spalten lasse. Erst recht nicht von den Neonazis, die tags darauf aufmarschieren wollen, einen Tag vor dem Erinnerungstag 16. März, an dem in der Bombennacht vor 70 Jahren die Stadt in Schutt und Asche gelegt wurde.

    "Ich finde es unerträglich, wenn die geistige Erben der Nazis die Toten des 16. März für ihre Propaganda missbrauchen. Das empört mich“, sagt Schuchardt. „Es braucht eine wachsame Zivilgesellschaft.“ Und eine weltoffene und vielfältige. Jeder vierte Würzburger habe einen Migrationshintergrund. „Ohne Zuwanderer wäre Würzburg sehr viel kleiner und ärmer.“ Zuwanderer seien keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung. Dass so viele da sind, um für Toleranz und gegen Ausgrenzung Flagge zeigen, freut den OB: „Ich bin stolz auf unsere Stadt.“
        

    Christliche, jüdische und muslimische Jugendliche halten den „Frieden“ hoch, in Großbuchstaben. Vertreter der Religionsgemeinschaften, die evangelische Dekanin Edda Weise, der katholische Dompfarrer Jürgen Vorndran, Zahir Durakovic vom Islamisch-Bosnischen Kulturzentrum und Murat Kücükaydin vom Integrations-, Kultur- und Bildungsverein verlesen eine Erklärung der Religionen für den Frieden.

    Andreas Möckel von der Kreisau-Initiative, die sich für die Völkerverständigung einsetzt, betritt die Bühne. Der Zeitzeuge der Nazizeit und Flüchtling wirbt für ein buntes und vor allem wachsames Würzburg – mit einem eindrucksvollen Rückblick in die Geschichte und der Warnung vor politischer Genügsamkeit. Er zitiert den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson: „Wenn die Menschen in Friedenszeiten politisch so wach lebten wie im Kriege, wären Kriege nicht mehr nötig.“ 

    Gruppen wie AfD oder Pegida riefen die Gespenster der Vergangenheit an, spielten damit, dass niemand die Zukunft kennt. Aber der Wandel komme. Dass er in Deutschland und Europa „mit Anstand“ gelinge, sei die Aufgabe. Möckel: „Es darf nicht mehr dazu kommen, dass Scharlatane Scharen Gutgläubiger hinter sich herziehen und die Mehrheit besorgt, aber stumm zusieht.“

    Als Vertreterin der jungen Generation spricht Julia Römer von der DGB-Jugend. Sie erteilt „allen Pegidas und Wügidas, allen Geschichtsverdrehern und ewig Gestrigen eine klare Absage. In Würzburg ist kein Platz für Nazis“. Auch die jüngeren Generationen hätten die Aufgabe, die Erinnerung an die Zeit des Faschismus wachzuhalten und den „Geschichtsverdrehern“ mit Weltoffenheit Widerstand zu leisten. Zu einer ehrlichen Erinnerungskultur gehöre auch die Erkenntnis, dass die Zerstörung der Stadt am 16. März 1945 mit der Machtübergabe an die Nazis 1933 begann. Römer begrüßt, dass die Stadt, wenn auch juristisch am Ende erfolglos, den Neonazi-Aufmarsch am Sonntag verboten hat. Ihr Schlusswort: „Wir wollen in einer Stadt leben, in der Menschlichkeit und Solidarität der Maßstab sind.“

    Für Frank Markus Barwasser alias Erwin Pelzig ist der Maßstab, Missstände mit spitzen Pfeilen auf den Punkt zu bringen. Der politische Kabarettist betritt als Letzter die Bühne. Einige Teilnehmer sagen, sie seien nur wegen ihm gekommen. Barwasser ist zur Bunt-Demo in seine Heimatstadt gekommen, „weil man das unterstützen muss“. Und er erlebt etwas Neues auf der Bühne. Wie bei allen Vorrednern steht ihm eine Gebärdendolmetscherin zur Seite. Deren Kunst stellt er sogleich auf die Probe: „Wie wird denn ,Nazi, verpiss dich!' übersetzt?“ Offenbar ziemlich gestenreich.

    Barwasser setzt Spitzen gegen die „Pegida-, Wügida-, Bagida- und Frigida-Marschierer“, die angebliche Zwangsislamisierung, gegen den Begriff „Menschenmaterial“, den ein Bürgermeister im Zusammenhang mit Flüchtlingen gewählt hat und vor allem gegen einfache Wahrheiten. „Eigentlich hab ich ja eher eine Rede gehalten“, sagt er hinterher. Aber eine mit Ansage. Weil die „Schnell-Wahrheitsfinder von Pegida und Co“ im Grunde vor allem Angst hätten, gibt's einen Ratschlag zur Angstbewältigung. „Machen Sie was aus Ihrer Angst, falls auch Sie Angst haben.“ Angst könne auch helfen, nachzudenken, tolerant zu sein, neue Wege zu gehen. Bei Pelzig heißt das: „Nur wer die Hosen voll hat, sucht den frischen Wind.“

    Mit dem Auftritt des Winterstein-Sintetts klingt der „Tag des Aufbruchs für ein weltoffenes Würzburg“ aus – vollkommen friedlich. „Null Probleme“ lautet die Bilanz von Polizei-Einsatzleiter Norbert Mohr. Eine Differenz gibt's allerdings. Die Polizei schätzt 5000 Teilnehmer, die Veranstalter 7000.

    Holger Welsch

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