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    Würzburg

    Der Mann, der in Würzburg die Räterepublik ausrief

    Der historische Moment: Anton Waibel ruft am 7. April 1919 auf dem Neumünsterplatz die Räterepublik aus. Foto: Stadtarchiv

    Die Revolution von 1918/19 mag in der Erinnerung der Würzburger kein wirklich präsentes Ereignis sein. Offenbar aber hat sich ein Vorfall ins historische Gedächtnis gebrannt: die Geiselnahme von 16 gutbetuchten Bürgern in der Nacht zum 8. April 1919.  Es muss sich dabei um den Exzess einer kaum dreitägigen Schreckensherrschaft gehandelt haben, der die Bürger der Stadt endgültig gegen den Kommunismus aufbrachte. Adressat des Volkszorns war der 30-jährige Anton Waibel, über den die Presse seinerzeit schrieb, er sei der „Russe Wessow“, gleichwohl er 1889 in Württemberg als Sohn eines Schmiedes geboren war.

    Noch am Abend zuvor, am 7. April, hatte der schwäbische Schreiner seine große Stunde auf dem damaligen Neumünsterplatz. Ein Foto zeigt ihn - dort auf dem Dach der Fahrerkabine eines Militärlastwagens stehend - in revolutionärer Pose: den Arm nach oben gestreckt, in die Zukunft, die andere Hand lässig in der Hosentasche vergraben. Es war der Moment, als Toni Waibel die Räterepublik Würzburg ausrief. In München war an diesem Tag die Bayerische Räterepublik proklamiert worden (die vom Landtag gewählte Regierung Hoffmann war nach Bamberg geflohen, aber nicht zurückgetreten).

    Programm oder Charisma? Jubel für Waibel

    Eine Menschenmenge hatte sich am Platz vor Neumünster versammelt. Die Quellen sprechen von bis zu 3000 Leuten. Ob der Jubel nun Waibels Programm galt oder seinem Charisma, wissen wir nicht. Auch ist der Wortlaut seiner Rede nicht überliefert. Vieles spricht dafür, dass Waibel in diesen Minuten wirklich glaubte, die Stadtbevölkerung stünde wenigstens zu einem größeren Teil auf seiner Seite, ebenso die vor Ort stationierten Soldaten.

    Von Massen umringt: Anton Waibel am 7. April 1919 vor dem Neumünster.  Foto: Stadtarchiv

    Neben dem in Würzburg geborenen Friedrich Hornung, einem gelernten Mechaniker und Kampflieger im Ersten Weltkrieg, war Anton Waibel die prägende Gestalt im Revolutionären Aktionsausschuss. Sein „schwäbelnder Dialekt“, so war im "Fränkischen Volksfreund" zu lesen, lasse deutlich erkennen, dass sich hinter diesen erkünstelt angenommenen Sprachlauten „wahrscheinlich russisch als Muttersprache verbirgt“. Ähnliches hatten die Gazetten zuvor schon über den am 21. Februar 1919 ermordeten Kurt Eisner berichtet: Der Ministerpräsident heiße in Wahrheit Samuel Kosmanowski und stamme aus Galizien. Und wie schon bei Eisner zeigt sich auch hier das unselige Narrativ: Landfremde Berufsagitatoren hätten in Bayern brave Arbeiter aufgewiegelt.

    Getrieben von den Verhältnissen  

    Ein Blick auf die damaligen Lebensverhältnisse klärt auf: Die Preise für Nahrungsmittel waren während des Krieges um 100 Prozent und mehr gestiegen, während sich die Durchschnittslöhne der Arbeiter um nur 30 Prozent erhöht hatten. Aus Armut war Elend geworden. Im Frühjahr 1919 waren die Preise dann nochmals in die Höhe geschnellt. „Der Schleichhandel blühte“, schreibt der Historiker Ulrich Weber in seiner Überblicksdarstellung zur Revolutionszeit in Würzburg. Arbeiterfamilien waren meist gänzlich auf Markenversorgung angewiesen – durchschnittlich 50 Gramm Wurst, 190 Gramm Fleisch pro Person und Woche, wenn nicht gerade eine fleischlose Woche angesetzt worden war – und konnten sich auf dem Würzburger Markt anschauen, wie sich die Wohlhabenden mit Lebensmitteln reichlich eindeckten. Mit jeder Woche wuchs der Unmut, auch ohne ortsfremde Agitatoren.

    Im Auftrag des Münchner Zentralrats nach Würzburg gekommen

    Für die Zeit 1918/19 sprechen Historiker von einem Pluralismus revolutionärer Phänomene. So war Toni Waibel zwar Mitglied der KPD, jedoch nicht von seiner Parteiführung nach Würzburg geschickt worden; die lehnte zu diesem Zeitpunkt die „Scheinräterepublik“ vehement ab. Waibel handelte im Auftrag des Münchner Zentralrats der Arbeiter- und Soldatenräte, er war durch Männer wie Ernst Toller und Erich Mühsam autorisiert worden. Der eine, damals noch ein unbekannter Dichter, war USPD-Chef in München, der andere ein bekannter Anarchist. Anton Waibel selbst hatte sich während des Krieges im Schweizer Exil zunächst den Sozialrevolutionären angeschlossen.

    Im persönlichen Verkehr soll er sehr liebenswürdig gewesen sein, schreibt die Historikerin Bettina Köttnitz-Porsch in ihrer Dissertation aus dem Jahr 1938. Politisch aber, und dabei beruft sie sich auf Akten des bayrischen Justizministers Ernst Müller-Meiningen, sei Waibel „einer der allerradikalsten, gewissenlosesten Hetzer“ gewesen, dessen erklärtes Ziel auf jeden Fall der russische Bolschewismus war.

    "Militant, aber in keiner Weise inhuman"

    Einen angenehm sachlichen Ton schlägt dagegen der Historiker Ulrich Weber an. Über den Revolutionären Aktionsausschuss – und damit auch über Waibel – resümierte er 1973: „Generell war sein Vorgehen (…) militant, aber in keiner Weise inhuman.“ Deutlich werde das am Bericht einer der 16 Geiseln, des Großkaufmanns Seißer, der, als Belastungsmaterial für den Prozess gegen Toni Waibel geschrieben, eher Material für die Verteidigung geliefert habe. Philipp Seißer war in seinem Haus nachts um 1 Uhr 30 verhaftet und in die Residenz gebracht worden, wo er mehrere angesehene Würzburger antraf, die ebenso festgesetzt waren (Hofräte, höhere Offiziere, Magistratsräte sowie ein Universitätsprofessor). Und wie der Kaufmann sich erinnerte, war die Unterhaltung in dieser Runde „eine sehr anregende und fidele“, an der auch die Wachmannschaften teilnahmen.

    Am nächsten Morgen erhielten die Gefangenen von der Frau des Schlossverwalters ein für damalige Verhältnisse geradezu luxuriöses Frühstück. Auch habe man sich die gereichten Zigarren und Zigaretten sehr gut schmecken lassen. Zu allem Überfluss hätten die Geiseln dann noch sechs Bocksbeutel erhalten, so dass sie auch den Vormittag – an dem sie Besuch empfangen konnten – in „angeregter Unterhaltung“ verbrachten. Gegen Mittag aber, als es dem Kommerzienrat zu dumm wurde, verließ Seißer das Gefangenenzimmer durch die Seitentür und drang bis zu Anton Waibel vor, dem er sein Leid klagte: Er stehe kurz vor dem physischen und psychischen Zusammenbruch. Woraufhin ihn der „berüchtigte russische Spartakist Waibel“ heimschickte. – Keiner Geisel wurde ein Haar gekrümmt, wohingegen Toni Waibel bei seiner Gefangenname fast zu Tode geprügelt wurde.

    Am 9. April 1919 ziehen die Kämpfer gegen die Würzburger Räterepublik nach der Einnahme der Residenz siegestrunken durch die Stadt. Foto: Stadtarchiv

    An jenem 9. April 1919 kämpften in Würzburg zwei kleine Gruppen gegeneinander, je 200 bis 300 Mann. Es gab Tote auf beiden Seiten, insgesamt 26 Menschen. Beim Kampf um den Bahnhof, wo ein einzelner Matrose eine Stunde lang mit dem Maschinengewehr die angrenzende Kaiserstraße bestrich, konnte ein Teil der Rätesoldaten über die Gleise entkommen.

    Mit dem Ende der Würzburger Räterepublik endet nicht die Geschichte des Toni Waibel. Das Würzburger „Volksgericht“ verurteilte ihn als den Hauptschuldigen zu 15 Jahren Festungshaft (seine beiden Mitangeklagten erhielten Strafen zu acht und zwölf Jahren).

    Steckbrief: So wurde Anton Waibel 1921 gesucht. Foto: Staatsarchiv Würzburg

    Im Jahr 1921 floh Waibel aus der Festung Niederschönenfeld und hielt sich lange Zeit in der Sowjetunion auf. Man kann nur ahnen, was er dort erlebt hat. Im Zuge der „Hindenburg-Amnestie“ kehrte er 1928 nach Deutschland zurück, wurde Sekretär der Roten Hilfe und Referent an den Parteischulen der KPD. Die Nazis steckten ihn 1933 ins Gefängnis, später in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg unorthodoxer Kommunist in Westberlin 

    Nach seiner Befreiung 1945 ließ sich Waibel in Westberlin nieder, wo er anfänglich noch verschiedene Funktionen der Westberliner KPD/SED innehatte. Als unorthodoxer Kommunist wandte er sich vehement gegen die Stalinisierung seiner Partei ab 1948; laut SED-Akten weigerte er sich sogar der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft beizutreten. Anton Waibel, Veteran der Novemberrevolution, der im Schweizer Exil noch Lenin kennengelernt hatte, der von den Nazis zwölf Jahre lang in den Konzentrationslagern gequält worden war, dieser Mann wurde am 4. April 1955 aus der SED ausgeschlossen, mit der Begründung: Waibel habe im KZ Dachau „antisowjetische Hetze“ betrieben, „besonders gegen den Genossen Stalin und die bolschewistische Partei.“ Laut den erhalten gebliebenen MfS-Akten war Waibel homosexuell; die Stasi stellte sogar seinem Freund nach. Beide sollten in Westberlin einer trotzkistischen  Agentengruppe angehören – das aber ist eine andere Geschichte…

    Anton Waibel, dessen eigentliche Biografie erst noch geschrieben werden muss, verstarb am 12. Februar 1969 in Westberlin.

    Karsten Krampitz

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