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    Würzburg

    Der gute Morgen: Josef Schuster über die Kostbarkeit des Lebens

    Die Corona-Krise als Herausforderung. In unserer Serie geben Menschen aus der Region positive Impulse für den Tag. Heute: Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden.
    Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und niedergelassener Arzt in Würzburg. 
    Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und niedergelassener Arzt in Würzburg.  Foto: Thomas Obermeier

    Wer in diesen denkwürdigen Tagen den Politikern und Wissenschaftlern aufmerksam zuhört, merkt: Es geht letztlich darum, Leben zu retten. Absolut im Vordergrund steht die Frage, wie verhindert werden kann, dass die Zahl derer nach oben schnellt, die wegen des Corona-Virus sterben, und wie wir verhindern können, dass die Kapazitäten in den Krankenhäusern nicht mehr reichen, so dass aus diesem Grund Menschen sterben müssten, die man vielleicht hätte retten können.

    Dieses Ziel, das Leben zu erhalten, ist im Judentum das oberste Gebot. Selbst die strenge Schabbat-Ruhe darf gebrochen werden, um Leben zu retten. Alle 613 Ge- und Verbote, an die fromme Juden gebunden sind, werden diesem Prinzip der Lebensrettung untergeordnet.

    Wir sollten uns bewusst machen, wie viele Freiheiten wir besitzen

    Etwas Ähnliches erleben wir als Bürger derzeit. Unsere Grundrechte sind in einem Ausmaß eingeschränkt worden, wie wir das noch nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt haben. Als Demokraten sollten wir uns vor Augen führen, welche Rechte wir derzeit nur teilweise in Anspruch nehmen können: die Religionsfreiheit, die Versammlungsfreiheit, die Freizügigkeit, das Schulwesen und die Reisefreiheit.

    Doch ebenso sollten wir uns bewusstmachen, wie viele Freiheiten wir nach wie vor besitzen: Es gilt noch immer die Unversehrtheit der Wohnung. Es gilt die Presse- und Meinungsfreiheit. Wir dürfen frei entscheiden, welche Medien wir konsumieren, was wir essen, ob wir (so weit möglich) Sport machen oder auf dem Sofa liegen. Auch unsere Gesundheit wird weiterhin geschützt. Da ich hauptberuflich Arzt bin, ist mir wichtig zu betonen: Es geht nicht nur noch um Corona. Wir Mediziner nehmen die anderen Erkrankungen weiterhin ernst und behandeln sie. Jeder hat das Recht, angemessen gesundheitlich betreut zu werden.

    So schwer und existenzbedrohend diese Krise für viele Menschen ist, sollten wir diese Freiheiten schätzen. Und für uns alle sollte der Erhalt des Lebens an oberster Stelle stehen. Wie kostbar das Leben ist, das wird uns in dieser Krise wieder stärker bewusst. Nach meinem Eindruck ist diese Botschaft längst bei den Bürgern angekommen. Deshalb akzeptieren sie die Beschränkungen. Diese breite Bereitschaft zum Verzicht hätte ich so nicht erwartet. Das macht mir Mut.

    Josef Schuster (66) aus Würzburg ist Internist und seit 2014 Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Dieser Beitrag gehört zur Main-Post-Serie "Der gute Morgen", in der in Zeiten der Corona-Krise Menschen aus Franken ihre positiven Gedanken aufschreiben und mit unseren Leserinnen und Lesern teilen.

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    Josef Schuster

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