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    Fuchsstadt

    Die Fest-Bedienung, die ihrem Schutzengel dankt

    Jutta Zorn aus Vilchband ist beim Bedienen immer gut drauf. Foto: Wilma Wolf

    Drei Tage Biergartenfest in Fuchsstadt sind fast vorüber, drei Tage, die Jutta Zorn im wahrsten Sinn des Wortes in den Knochen stecken werden: „Nach den drei Tagen bin ich platt“, sagt sie.  Denn Biergartenfest in Fuchsstadt bedeutet für Jutta Zorn alle Jahre wieder: Laufschuhe anziehen, Tablett einpacken und von Samstag bis Montag über die Schotterpiste des Biergartens sprinten. Mit Begeisterung und immer einem flotten Spruch auf den Lippen bedient die schlanke Frau die Besucher des Traditionsfestes. Und das schon seit fast 32 Jahren.

    Das Bedienen liegt ihr im Blut. Und der Umgang mit Menschen. Schon als 14-Jährige entdeckte sie in der Mehrzweckhalle Uengershausen, wie viel Spaß ihr der Job macht, erzählt die gebürtige Schwäbin, die in Uengeshausen aufgewachsen ist und seit ihrer Heirat 1987 im Wittighäuser Ortsteil Vilchband lebt.

    Bei Erich Mühlrath, dem ersten Gastwirt der Wolf Bräustube in Fuchsstadt, fing sie 1985 als Bedienung an. „Wir waren damals ein Superteam“, erinnert sie sich. Als Vertreter des Sportvereins und der Dorfmusik sie fragten, ob sie auch beim Biergartenfest bedienen wolle, sagte sie nicht nein. Seitdem kommt sie jedes Jahr zum Biergartenfest nach Fuchsstadt.

    Schlimme Diagnose kurz vor Weihnachten 1994

    Nur einmal legte das Leben ihr eine Zwangspause auf. Kurz vor Weihnachten 1994 bekam sie die Diagnose: akute aggressive Leukämie. Schon seit Mitte November 1994 hatte sie diverse Erkrankungen und war schwer angeschlagen. Konnte nichts mehr essen und wog nur noch 40 Kilo. Hatte keine Kraft mehr. Konnte sich nicht mehr auf den Füßen halten.

    Ihrem Mann sagte sie damals: „Wenn jetzt nicht ein Wunder geschieht und die mir nicht helfen, dann sterbe ich.“ Deshalb habe sie so etwas schon geahnt. „Ich wusste, da ist etwas ganz Schlimmes im Busch, das habe ich gefühlt“, erinnert sie sich. Dennoch ein schwerer Schlag für die Familie mit den gerade erst drei- und fünfjährigen Töchtern. „Mit das Schlimmste war, dass ich meine Kinder oft wochenlang nicht sehen konnte“, erzählt sie.

    Vier Langzeit-Chemos und das komplette Herunterfahren des Blutsystems musste sie durchmachen zur Vorbereitung einer Knochenmark-Transplantation. Ihre einzige Überlebenschance. „Ich hatte das Glück, dass das Knochenmark meines Bruders perfekt gepasst hat“, sagt Jutta Zorn.

    Den Optimismus ließ sich Jutta Zorn nicht nehmen

    Jetzt kann mir nichts mehr passieren, dachte sie. Doch die Ärzte in Erlangen, wo sie transplantiert wurde, nahmen ihr erstmal den Wind aus den Segeln. Die Voraussetzungen seien zwar gut, aber es könne dennoch viel passieren. „Der kleinste Schnupfen konnte lebensbedrohlich sein, da mein Immunsystem komplett heruntergefahren wurde“, berichtet sie.

    Doch von all dem ließ sich die lebenslustige Frau nicht unterkriegen. Dem Arzt, der ihr die Diagnose mitgeteilt hatte, sagte sie: „Habe ich eine Chance und wenn ja, wie lange dauert's? Ich will wieder schaffen gehen, meine Gäste vermissen mich.“ Darauf habe der Arzt gesagt: „Sie schaffen das, auch wenn es im Moment ganz schlecht aussieht.“

    Und er hatte Recht. Auch wenn Jutta Zorn durch die Hölle ging, gab sie nicht auf. „Ich denke, ich hatte auch einen Schutzengel, und der Herrgott wollte mich nicht, weil er weiß, mein Mundwerk ist nicht tot zu kriegen“, erzählt sie schmunzelnd. Dieser Galgenhumor habe ihr sehr viel geholfen.

    Immer in Aktion geblieben

    Aber nicht nur das. Während ihrer unzähligen Krankenhausaufenthalte, in denen sie das Zimmer nicht verlassen durfte, suchte sie nach Beschäftigung. Sie ließ sie sich einen Heimtrainer und ein Bettfahrrad bringen. Bewegte sich, so wie es eben ging, war auf Achse, stempelte für das Krankenhaus und fing an, ihre Liebe zum Basteln zu entdecken. Seitdem häkelt sie Engelchen und stellt kleine Tiere aus Naturmaterialien her. Die verkauft sie auf Märkten für die Kinderkrebsstation Regenbogen. „Das ist eine Herzenssache für mich“, sagt die 54-Jährige.

    Heute 24 Jahre nach der schweren Krebserkrankung ist sie gesund und stolze Oma einer zweijährigen Enkelin, die sie ganz schön auf Trab hält. Ihr Leben hat die Krankheit komplett verändert. Vieles habe eine andere Bedeutung bekommen.

    „In Fuchsstadt fühl ich mich wohl, das ist meine zweite Heimat.“
    Jutta Zorn, Bedienung beim Biergartenfest

    Aber das Fuchsstädter Fest bedeutet ihr nach wie vor sehr viel. „In Fuchsstadt fühl ich mich wohl, das ist meine zweite Heimat“, sagt sie. Auch wenn das Fest sehr anstrengend ist, ist sie „immer lustig drauf“. Nach dem dreitägigen Einsatz kommt wieder die Zeit der Erholung und des Genießens. Denn eines steht fest. „Meine Enkelin ist mein Sonnenschein“, sagt Jutta Zorn.

    Und was ist das Geheimnis einer guten Bedienung? „Man muss manches schlucken, aber auch mal austeilen, und dabei immer freundlich bleiben“, sagt sie.

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